Review

Es ist sicherlich keine leichte Aufgabe sich an der Verfilmung eines der erfolgreichsten Romane zu versuchen, dessen Hauptfigur bereits seit Jahrzehnten ein von der Vorlage getrenntes Eigenleben führt. Besonders dann nicht, wenn man Francis Ford Coppola heißt und die Erwartungen bei Kritikern und Publikum entsprechend groß sind. Es verwundert daher auch nicht, dass der Film mehrfach über Gebühr bemängelt, verspottet und verrissen wurde - glücklicherweise war das jedoch nicht die Regel. (Übrigens war ursprünglich John Carpenter als Regisseur vorgesehen und das Budget sollte auch deutlich kleiner ausfallen, was sich alles änderte, nachdem Wynona Ryder Coppola von dem Projekt berichtete.)

Coppola setzte sich zum Ziel, Stokers Roman möglichst getreu zu verfilmen (und gründete mit der Darstellern sogar eine Dracula-Lesegruppe). Dass dies nicht möglich ist - zumindest dann nicht, wenn man eine massentaugliche Laufzeit anstrebt - ist klar und das dürften auch die weniger wohlwollenden Kritiker berücksichtigt haben. Übel nahm man dem Regisseur die Tatsache, dass er einige Charaktere mehr oder weniger stark verfremdet hat: Van Helsing mutiert zum humorvoll präsentierten, gefühlskalten nutty professor, Mina und besonders Lucy werden nicht bloß erotisiert sondern etwas zu stark als sexhungrige Schönheiten präsentiert etc. Auch der von Coppola ersonnene Prolog passte nicht ins Bild wenn man erwartete, was der Titel versprach: Bram Stoker's Dracula. (Andererseits blieben viele nebensächliche Kleinigkeiten wie die bläulichen Feuerringe hingegen enthalten...)

Die Handlung von Stokers "Dracula" (1897) sollte jedem geläufig sein. Stoker ließ sich für sein Meisterwerk - hinter dessen Qualität alle anderen seiner Romane weit zurückbleiben - von den Werken der Vampirliteratur inspirieren, die zu seiner Zeit bereits bekannte Klassiker waren. Wie das posthum von seiner Witwe als "Dracula's Guest" veröffentlichte, verworfene erste Kapitel des Romans ganz deutlich zeigt, war Stoker von Le Fanus "Carmilla" (1872) inspiriert. Einige Elemente - etwa den an Wänden kletternden Grafen - borgte er sich aus dem überaus erfolgreichen penny dreadful "Varney, the Vampir or: The Feast of Blood" (1845-1847), jenem 2000 Seiten Mammutwerk von James Malcolm Rymer und/oder Thomas Preskett Prest1, das in Deutschland als stark gekürzte 200 Seiten Version bei Heyne vorlag und im Englisch inzwischen wieder als dreibändige Ausgabe erhältlich ist. Auch bei William Polidoris "The Vampyre" (1819) bediente sich Stoker und stattete seine Titelfigur mit Zügen Lord Ruthvens aus.2 Und Vlad III. Draculea war natürlich das Vorbild für Stokers Figur und letztlich der Grund, der ihn das ursprüngliche erste (in der Steiermark spielende) Kapitel verwerfen ließ.
Am 18. Mai 1897 liest Stoker im Royal Lyceum Theatre vier Stunden aus seinem fertigen Roman (Henry Irving war anwesend und fand es der Legende nach "grässlich"), am 01. Juni erhält er das Copyright für die Rechte einer Dramatisierung und am 26. Mai 1897 erscheint der Roman endlich im Bücherhandel: leicht abweichend von Stokers fertigem Produkt, ohne Schutzumschlag in gelben Farbton (damals ein Indiz für erotische, anzügliche Literatur).3

Erotisch wollte Coppola auch seine Verfilmung gestalten und inzenierte damit nicht nur einen Horrorfilm sondern auch eine ebenso erotisch wie tragische Liebesgeschichte. Zu diesem Zweck verlagerte er den Schwerpunkt leicht auf die Figur des Grafen (etwa mit dem interpretierenden Prolog, in dem der historische Dracula nach dem Freitod seiner Elisabeta (Winona Ryder) Gott entsagt, womit Coppola nicht nur die "Entstehung" des grafen, sondern auch seine Liebe zu Mina (ebenfalls Winona Ryder) erklärt, die Elisabeta bis ins kleinste Detail ähnelt) gleichwohl er der Struktur des Romans durch Tagebucheinträge, Briefe und Notizen so treu geblieben ist, wie ein Film es vermag (soll heißen: mehrfach lesen die Darsteller aus den entsprechenden Schriftstücken vor und nicht selten blendet er diese sogar ein). Das wirkt sich - besonders nach dem ersten Drittel, wenn Dracula in London ankommt - ein wenig auf die zuvor noch angenehm gruselige Atmosphäre aus und für einige Zeit geraten die Horroraspekte ein wenig in den Hintergrund, die vorher den Ton angegeben haben - etwa wenn Dracula den drei Vampirschönheiten ein Neugeborenes zum Fraß vorwirft, eine der beunruhigendsten Szenen der Vorlage die Coppola effektvoll ausschlachtet.
Der atmosphärische Durchhänger ist aber ein Effekt, der sich bereits in Stokers Roman findet und der auch Tod Brownings "Dracula" (1931) nach einem furiosen Anfang sehr zu schaffen macht.
Coppola wirkt dem immerhin noch mit ein paar faszinierend scheußlichen Masken entgegen, die er Dracula in vereinzelten Szenen verleiht: Vom ehrwürdigen Greis, über den Werwolf bishin zur riesigen Fledermaus wird Dracula vorgeführt (wobei in der Werwolfssequenz sehr effektvoll mit Subliminalbildern gearbeitet wird). Gary Oldman erweist sich dabei als grandiose Besetzung, gibt er den charmanten Gentleman Dracula ebenso glaubhaft wie den uralten, unheimlichen Dracula in Transsylvanien. Gelungen ist vor allem sein fremdländischer aber niemals allzu aufdringlicher Dialekt, der an Lugosis subtile Aussprache natürlich nicht heranreicht.

Ließ Stoker sich wie bereits erwähnt von den damaligen Klassikern inspirieren, erweist Coppola hier den Klassikern des Horrorfilms seine Referenzen. Der überlebensgroße Schatten des Grafen sowie sein klappmesserartiges Aufschnellen aus seiner Ruhestätte (00:35:07) verweisen auf die entsprechenden Szenen in Murnaus "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" (1921), das "I never drink ... Wine" (00:12:54) und die Ansichten Draculas Schlosses samt Gebirgspass verweisen auf Lugosis legendäre Äußerung und das Set des betrefenden 1931er Klassikers, mit dem kopfüber die Burgwand herunterkletternden Grafen in dem blau/rot gehaltenen Bild (00:28:16) verweist Coppola auf "Scars of Dracula" (1970) - jener Film der von vielen für den ersten Film gehalten wird, in dem Dracula seine Kletterkünste unter Beweis stellt, gleichwohl "Drakula Istanbula" (1953) der erste Beitrag war, der solch eine Szene enthielt - und die preisgekrönte, von Kilar (der auch für den Soundtrack von Polanskis "Ninth Gate" (1999) verantwortlich war) komponierte Musik orientiert sich sehr an der Musik des allzuoft verkannten "Dracula" (1979) von John Badham mit Frank Langella. Badhams gelungene Dracula-Version scheint auch bei der Pfählung Lucys Pate gestanden zu haben und auch der romantisch angehauchte Tonfilm ist dort bereits vorgegeben worden.
Coppola konnte es sich nicht verkneifen und erlaubte sich, die 1897 noch in den Kinderschuhen steckende Filmtechnik vorführen: In einem kurzen Einschub, den er mit knatternden 16 Bildern pro Sekunde starten lässt, besucht Dracula den Kinematograph um Mina dort zu verführen... es läuft u. a. eines der zahlreichen "Remakes" von "Arrive d'un train en gare La Ciotat" der Gebrüder Lumiere. Neben solcherlei Referenzen ist besonders die opulente Austattung lobenswert: Dafür gab es immerhin die Oscars für "Bestes Kostümdesign" und "Bestes Make-Up" und eine Nominierung für "Best Art Direction-Set Decoration" (für den Schnitt war auch noch ein Oscar drin). Ein paar der schönsten Sets sind sogar in der Lage die alte Gothic Horror Atmosphäre der Hammerstudios aufleben zu lassen. Das hatte ganz einfach Geldgründe: Das Budget durfte nicht überschritten werden, Coppola konnte nicht im Ausland drehen und musste daher mit Studiokulissen Vorlieb nehmen und zudem auf die ganze, vermeintlich überholte Tricktechnik aus vergangenen Zeiten zurückgreifen.4
Daran versuchte man sich dann auch gleich noch mit Werken wie "Mary Shelley's Frankenstein" (1994) und "The Mummy" (1999) ehe dieser Aufgriff traditioneller Stoffe mit einem Monster-Crossover (das schon in den 40ern den Universal Studios nicht bekam und geradewegs in die Abbott und Costello Parodie führte) wie "Van Helsing" (2004) nun scheinbar erstmal wieder ein Ende gefunden hat und neuen Terrorfilmen gewichen ist.

Apropos Parodie: Natürlich eignete sich Coppolas Film hervorragend für eine Parodie, die auch ganz schnell in einer Simpsons Horrorfolge und dem stumpfsinnigen Mel Brooks Vehikel Ausdruck fand. Zum einen enthält Coppolas Film mehr als einmal unfreiwillig komisch Elemente (die Gitterstäbe im Zoo sind genau so eng, dass ein Wolf problemlos hindurch passt, der Schatten des Grafen wird eine Spur zu aufdringlich als eigenständig agierend in Szene gesetzt), zum anderen ist er als kein bisschen selbstironisches Hochglanzkino wie geschaffen für eine Parodie.

Wenn man sich mit leichten Veränderungen der Vorlage anfreunden kann und auch damit leben kann, dass sich Grusel und Romantik die Waage halten, dann kann man sich durchaus an einem bildgewaltigen, stargespickten Film erfreuen.

8/10

1) Lange Zeit vermutete man in Prest den Autoren des Werkes. Später ging man dazu über in Rymer den Verfasser des Werkes zu sehen.
2) Die Figur Lord Ruthvens stattete Polidori seinerseits mit Zügen Lord Byrons aus. Polidori war Byrons Leibarzt und ließ sich für die Erzählung von jenem Fragment inspirieren, das Byron in der berüchtigten Gewitternacht am Genfer See verfasst hat. Lange Zeit schrieb man die im New Monthly Magazine erschienene Erzählung Byron selbst zu.
3) Hier soll kurz noch die vom Stil her gut getroffene Fortsetzung von Freda Warrington nahegelegt werden, die zwar bisweilen etwas trivial gerät, aber insgesamt doch als liebevolle Hommage zu unterhalten weiß, wenn einem Stokers Werk gefallen hat.
4) Nachzulesen in: Coppola, F. F.; Hart, J. V.: Bram Stoker's Dracula. Der Film und die Legende. Bergisch-Gladbach 1993; S. 17.

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