Review

Wie begeistert war mein Filmwissenschaftsprofessor von Bram Stokers Dracula. Vor allem visuell ist Coppolas Verfilmung ein Ritt durch die gesamte Filmgeschichte, was die Bildkomposition aber auch die filmtechnischen Tricks betrifft. Für einen Filmwissenschaftler ein riesengroßer Teller leckerster Zutaten.

Keine Frage: Bram Stokers Dracula ist die oppulenteste Verfilmung von Stokers Roman. Wie keine andere greift Coppolas Version die Komplexität der Romanvorlage auf, nicht nur was die Figuren betrifft. Neue technische und wissenschaftliche Errungenschaften der Zeit werden in der Verfilmung von 1992 betont, die Vermischung von Sexualität und Tod, die auch gerade im viktorianischen Zeitalter gelebt wurde, bringt der Film deutlicher als jeder andere auf die Leinwand. Die Bilder sind umwerfend, der Cast bis auf Ryder sehr gut besetzt. Zum ersten Mal gefiel mir sogar der blasse Reeves, denn er bringt den emotions- und farblosen Harker richtig gut rüber.

Und Gary Oldman ist natürlich über allem erhaben.

Trotzdem: Coppolas Dracula ist so weit von der Figur des Vampirs im Roman entfernt, wie es nur gehen kann. Im Roman ist es ein alter Mann, der zwar wie ein Gentleman auftreten kann, aber wie der Wolf im Schafspelz nichts anderes als ein blutrünstiges und gewissenloses (wertfrei gemeint) Monster ist. In Coppolas Verfilmung trieft aber der Liebesschmalz weitaus heftiger als das Blut. Dracula liebt, weint und hat sogar ein schlechtes Gewissen, Mina zu verdammen. Hallo?

Höhepunkt dieser Schmalzorgie ist natürlich das Ende, das sogar einen Happyend ist, denn das böse Monster wird zahm und kehrt zu seiner Geliebten in den Himmel zurück. Auweia.

Aber Vorsicht: Genau hierin liegt auch der Geniestreich des Drehbuchs. Im Roman ist von der Liebesgeschichte zwischen Dracula und Mina keine Rede. Der Roman besteht aus Zeitungsausschnitten, Tagebüchern und anderen Aufzeichnung. Und genau das macht sich Coppolas Film zunutze. Denn wie viele Filme setzt sich der Film Bram Stokers Dracula vor Bram Stokers Roman - die literarische Vorlage. Der Film weiß mehr als das Buch. Denn Mina ist es, die die Liebesgeschichte aus der Romanvorlage "zensiert": Auf ihrem Weg nach Rumänien, wo sie Jonathan ehelichen möchte, wirft sie die Seiten ihres Tagebuches, die die Liebesgeschichte zu Dracula beinhalten, ins Meer. So erklärt der Film, weshalb von der Liebe im Buch nichts mehr auftaucht.

Für diese tolle Idee und die visuelle Inszenierung verdient der Film 8 Punkte. Als Draculaverfilmung bleiben - besonders in Bezug auf die Hauptfigur - nur 2 Punkte übrig. Da der Film aber über weite Strecken gut zu unterhalten weiß, runde ich mal auf 5 Punkte auf.

Details