Review

 Dieser Film strotzt und trieft vor Authentizität, Understatement und Ruhe, daß es kracht. Ja, er schreit geradezu "Guckt mal alle her, ich bin still!". Es gibt gekonnt, es gibt gewollt und nicht gekonnt, und es gibt gekonnt, aber zu gewollt, und genau in diese Kategorie fällt "Oh Boy".

 Der Film beschreibt episodenartig einen Tag aus dem Leben von Niko, einem Typen Anfang 20, der sich recht ziellos durch das Leben schlägt. Das spiegelt sich zum Beispiel in seiner zu Beginn scheiternden Beziehung und der beruflichen Planlosigkeit (inklusive der daraus resultierenden Geldprobleme) wider. Im Grunde ein Leben, wie es sich in Deutschland tausendfach abspielt, von Freiburg bis Rostock. Warum der Film also ausrechnet in Berlin spielen muß, ist ein nur ein kleiner, aber berechtigter Kritikpunkt; denn den Coolheitsbonus bräuchte ein Film, der eine einfache Geschichte erzählen möchte, doch gar nicht, und für die Handlung ist es auch nicht von Bedeutung. Berlin-Filme gibt es genug, und eine Verlagerung in eine durchschnittliche Großstadt hätte der Glaubwürdigkeit gutgetan.

 Doch sei's drum, wesentlich gewichtiger sind folgende Beanstandungen: Zum einen wirken manche der Episoden übertrieben, so die Umzugsszene mit den exaltierten Schwulen oder aber die Diskussion mit dem Theater-Regisseur. Anderes ist einfach zu voraussehbar: Daß Niko ein gestörtes Verhältnis zu seinen Eltern hat, ist einem schon nach der MPU-Szene klar, dennoch wird ein Gespräch mit dem Vater - das Abziehbild des Leistungsmenschen, der keine Liebe für seinen Sohn fühlt oder zeigt - ausführlich dargestellt. Wie überhaupt Regisseur Jan Ole Gerster gerne tief in die Kiste mit den Schablonen greift, so ist beispielsweise die Auseinandersetzung mit den Proleten arg gewöhnlich ausgefallen.

 Ganz schwach ist die Episode mit dem Nazifilm. Soll da deutsches Betroffenheitskino verarscht werden? Lustig ist das jedenfalls nicht - dafür ist die Darstellung schon zu zu realistisch, zu wenig karikiert. Sollte diese Wirklichkeitsnähe Absicht sein, ist die Szene allerdings recht sinnlos, und in jedem Falle ist sie zu lang. Um nicht zu sagen langweilig.

 Frische bringt lediglich Matze (Marc Hosemann), der sehr natürlich rüberkommt und auch die einzige Person im gesamten Film ist, die in mir Sympathien erwecken kann; Tom Schillings Leistung hingegen ist allenfalls solide, die Lobpreisungen über sein Schauspiel kann ich nicht nachvollziehen (wie ich generell denke, daß er noch weit davon entfernt ist, ein richtiger, guter, ausdrucksstarker Akteur zu werden, wenn es denn jemals geschehen sollte).

 Da plätschert der Film also bedeutungslos vor sich hin, und am Ende wird noch mal ganz derbe in die Klischeekerbe gehauen: Ein nachdenkliches Gespräch in der Kneipe, mehr ein Monolog, eines alten, erfahrenen Mannes, der zu allem dramatischen Überfluß auch noch stirbt. Diese Szene ist derartig ausgelutscht und einfallslos, daß ich jegliche Lust verloren habe, den Film konzentriert weiterzuverfolgen. Wirklich ganz, ganz schwach. Nebenbei bemerkt, was das Werk auch nur teilweise als "Komödie" gelten läßt, kann ich nicht nachvollziehen. Der Kaffee soll ein Running Gag sein?

 Es ist ja gut, daß es deutsche Filme jenseits von Bully und Til Schweiger gibt, aber so prätentiöses Pseudo-Drama braucht's nun auch nicht. Völlig unverständlich, daß dieser Film so gefeiert wird; es handelt sich meines Erachtens um zwanghaft stilvolles und letztlich sehr biederes Konsenskino.

 Ich biete zwei alternative Vorschläge: Ähnlich episodenhaft strukturiert, auch auf den zeitlichen Rahmen einer Nacht begrenzt, ebenfalls zuweilen konstruiert, aber um ein Vielfaches sympathischer und bei weitem nicht so künstlich wie "Oh Boy": "Absolute Giganten", dessen Gewichtung auf dem komödiantischen Anteil liegt (und der zwar manchmal etwas albern, aber auch wirklich amüsant ist), und "Der Typ", gleicherweise eine Spur neben der Realität, aber weder zu bizarr noch zu laut, und vor allem - nicht aufgesetzt.

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