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1982 steuerte auch William Lustig seinen Beitrag zu den zahlreichen Selbstjustizthrillern der Post-„Death Wish“-Ära bei: „Vigilante“.
Bereits die Trailer zum Film zeichneten ein geradezu apokalyptisches Szenario der Gesetzlosigkeit und propagierten das Vigilantentum, was bereits die Auftaktszene, eine Brandrede pro Selbstjustiz durch Nick (Fred Williamson), aufgreift. Der Film gibt ihm auch schnell recht, zeigt massig ungesühnte Verbrechen am helllichten Tag, bei denen die Polizei trotz identifizierter Täter machtlos ist. Deshalb schnappen sich Nick und Arbeitskollegen die Lumpen und regeln die Sache eben selbst.
Zwischendrin lässt „Vigilante“ auch immer wieder Verbrechensraten in Zahlen einfließen, um sich einen pseudo-realistischen Anstrich zu geben, doch schnell merkt man, dass das alles Kappes ist, spätestens wenn Gangmitglieder eine Ohrfeige durch Vickie (Rutanya Alda), die Ehefrau von Eddie (Robert Forster), damit sühnen, dass sie sie nach Hause verfolgen, sie schwer verletzen und ihren Sohn abknallen – alles natürlich unmaskiert und bei hellem Tageslicht, doch die Polizei kann bloß den Anführer festnehmen.

Der kommt jedoch mit zwei Jahren auf Bewährung davon (trotz eines meilenlangen Vorstrafenregisters), was Eddie, ebenfalls Arbeitskollege und Freund von Nick, dazu bringt, seine Anti-Selbstjustiz-Haltung noch mal zu überdenken…
„Vigilante“ ist wirklich alles andere als ein liberaler Film, die scheinbare Kritik an der Selbstjustiz durch den Helden wird dadurch lächerlich gemacht, dass es erst besser wird als er genau Haltung ablegt. Fast schon unfreiwillig komisch ist die Szene, in welcher der Übelwicht die Bewährungsstrafe bekommt, und der aufgebrachte Eddie ob seiner heftigen Reaktionen wegen Missachtung des Gerichts kurzfristig in Kittchen kommt. Dort sind natürlich auch die üblichen Duschenvergewaltiger, doch aus nicht näher erklärten Gründen hilft der Häftling Rake (Woody Strode) dem Helden.
Allerdings fällt auf, dass William Lustig kein guter Geschichtenerzähler ist. Eddies Schicksal nimmt bloß 50% des Films ein, nebenher werden immer wieder Aktionen von Nick Vigilantentruppe gezeigt, die aber eher aneinandergereiht als dramaturgisch wirklich verbunden werden. Und trotz gelegentlicher Überschneidungen hat keiner dieser beiden Plotstränge große Relevanz für den anderen. Jedoch kann nicht behaupten, dass „Vigilante“ trotz seiner Macken langweilen würde, denn dafür erzählt Lustig den Film dann zu temporeich und flott. Gelegentlich fallen zwar unnötige Füllszenen (z.B. die Auftritte des moralisierenden Polizisten) und lose Enden im Drehbuch auf, doch trotz dieses Kraut-und-Rüben-Scripts bekommt Lustig einen dramaturgisch überraschend runden Film hin.

Denn wo die Geschichte bei Lustig meist hakt, da hält er mit viel Gespür für Atmosphäre dagegen – so auch hier: „Vigilante“ wirkt einfach sehr stimmig und packend, aller Unglaubwürdigkeiten und der fragwürdigen politischen Agenda zum Trotz. Damit kann Lustig selbst den eher verhalten ausfallenden Actionanteil etwas ausgleichen, doch etwas mehr könnte es schon sein. Denn ein paar Prügeleien, Verfolgungsjagden sowie kurze, aber dafür recht blutige Shoot-Outs sind zwar ganz nett, zum Herausragen aus der Masse an Selbstjustizfilmen fehlt es dann aber doch an spektakulären, denkwürdigen Szenen – trotz der ordentlichen Inszenierung der Actionszenen.
Robert Forster spielt den Paul Kersey Ersatz dann auch recht ordentlich und lässt kaum Grund zur Klage. Fred Williamson ist meist recht charismatisch mit seiner Attitüde als Raubein, leistet sich aber gelegentliches, peinliches Overacting (z.B. seine Pseudo-Kung-Fu-Pose bei der Verfolgung des Dealers). Steve James in einer frühen Rolle fällt kaum auf, Joe Spinell gibt mal wieder den Schmieriack nach Schema F und der Rest vom Fest verkörpert seine Klischeerollen solide, aber mehr auch nicht.

Somit ist „Vigilante“ ein wirklich gut inszenierter Selbstjustizfilm, der trotz des eher mäßigen Scripts erstaunlich gut funktioniert. Über die geringe Actionmenge und die etwas fragwürdige politische Haltung sieht man dabei besser hinweg, denn so bietet „Vigilante“ ordentliche B-Unterhaltung.

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