Review

UNDER THE SKIN ist herausfordernd. UNDER THE SKIN ist anstrengend. Aber wie jeder herausfordernde und anstrengende Film lohnend. Äußerst lohnend. Für den, der gewillt ist, sich darauf einzulassen. Ein Science-Fiction-Film ist das aber nicht (nur weil ein Alien die Hauptrolle spielt) ...und schon gar kein Thriller. Und wer genreübliche Handlungsführung und Bildsprache oder gar (S)Exploitation erwartet, wird an diesem Film verzweifeln. Ihm deshalb aber Inhalts- und Spannungslosigkeit vorzuwerfen, nur weil man falsche Beurteilungskriterien an ihn herangetragen hat, ist ungerechtfertigt.

Scarlett Johansson spielt dieses Alien. Mit schwarzen Haaren, grellrot geschminkten Lippen, gleichzeitig lasziv und unterkühlt aussehend. Sie fährt mit einem Lieferwagen durch Schottlands Städte und Dörfer, auf der Suche nach männlichen Opfern, die - ihrem Sexualtrieb unterliegend - den Oberflächenreizen der Schönen verfallen, ihr in ein herunter gekommenes Haus  und darin der sich langsam entblätternden Frau folgen und dabei in eine dickflüssige Masse eintauchen, in der sie schließlich ausgesaugt werden. Zu schließen, dass Regisseur Jonathan Glazer damit die Männer allgemein als sexbesessen brandmarken möchte, führt etwas zu weit. Denn wer gerne Sex hat, muss dennoch nicht gleich davon besessen sein.

Begleitet bzw. verfolgt wird die Fremde von einem männlichen Motorradfahrer, der die Aufgabe hat, die Folgen ihres Tuns sorgfältig zu beseitigen. Als sie schließlich an einen Mann mit deformiertem Gesicht gerät, wirft sie das nachhaltig aus der Bahn. Sie kann ihr Opfer nicht umbringen, so übernimmt es anschließend ihr "Gehilfe" den Mann aus dem Weg zu schaffen. Die nächste Begegnung setzt sie einem "emotionalen Angriff" aus, der sie endgültig verwirrt. Sie flieht in einen nahen Wald, wo sie von einem Holzarbeiter nach versuchter Vergewaltigung mit Benzin überschüttet und verbrannt wird.

Für mich wirkt dieser Film wie ein Kommentar zur Frage der Sexualität in der modernen (Leistungs-) Gesellschaft, wo Kontakte immer mehr anonymisiert werden, die emotionale Seite erkaltet. Sex wird mechanisch und ohne innere Anteilnahme praktiziert. Und wenn die Beziehung dann plötzlich doch unter die Haut geht, endet die Sache nicht selten tragisch.

Nein, UNDER THE SKIN ist alles andere als inhaltsleer oder einfallslos (das ist stattdessen z.B. die gesamte Blockbuster-Produktion aus Hollywood).

Nicht vergessen werden darf vor allem die vorzügliche Kameraarbeit mit ihren Bildern von morbider Schönheit. Erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln, z.B. Kontrasten zwischen hell und dunkel, Licht und Schatten, zusammen mit dem exquisiten Score, schließlich ein hypnotischer Sog erzeugt wird, dem man sich kaum entziehen kann. Bestimmte Filme von James Benning, wie 13 LAKES oder SOGOBI kamen mir spontan in den Sinn, denn auch dort wird (sogar ausschließlich) mit statischen Einstellungen gearbeitet.

UNDER THE SKIN ist ein ziemlich perfektes, außergewöhnliches Filmerlebnis und verdient daher (knappe)

10/10

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