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Ein Gefängnis, irgendwo im Nirgendwo. Die Handvoll Insassen sind der Abschaum der Menschheit. Mörder und Vergewaltiger, die weder Reue für ihre Untaten empfinden noch einen Gedanken daran verschwenden, sich zu ändern. Die Bedingungen sind menschenunwürdig. Die kargen Zellen erinnern an einen vergitterten Stall, es gibt weder ein Bett noch eine Waschmöglichkeit, und ein WC sucht man ebenfalls vergebens. Und die Wärter? Nun, die Wärter erkennt man daran, daß sie uniformiert und sauberer sind und daß sie sich auf der anderen Seite der Gitterstäbe befinden. Ihr Handeln ist jedoch genau so brutal wie das der Gefangenen (so haben sie z. B. einen Menschen (Giuseppe Gobbato) als Bluthund abgerichtet), und sie scheinen ihr sadistisches Tun sogar zu genießen. Für die Inhaftierten - von denen sich übrigens keiner erinnert, wie er hierhergekommen ist - gibt es drei Möglichkeiten. Erstens: Sie werden hingerichtet. Zweitens: Sie bleiben gefangen, bis sie sterben. Und drittens: Sie bekommen eine Chance, diese Stätte des Grauens zu verlassen. Allerdings ist der Gang in die Freiheit kein Sommerspaziergang, und so verwundert es auch nicht, daß die Flucht noch niemandem gelungen ist.

Auch Skinny (John Game) hat es nicht geschafft, wie seine Leidensgenossen Larry (Domiziano Arcangeli, House of Flesh Mannequins), Hugo (Brian Fortune), Liza (Tara Cardinal) und Debbie (Debbie Rochon, Colour from the Dark) nach dem flashig gestalteten Vorspann feststellen müssen. Dann kommt in Form von Princess (Tiffany Shepis, The Hazing) ein Neuzugang, der so überhaupt nicht hierher paßt. In ihrem heißen Lackoutfit, den lackierten Fingernägeln und der dezenten Schminke wirkt sie in diesem Höllenloch so fehl am Platz wie ein Amigos-Fan auf einem Konzert von Marilyn Manson. Doch schnell stellt sich heraus, daß der Schein trügt. Princess hat es nicht nur faustdick hinter den Ohren, sie versteht es auch, ihre Mitinsassen zu manipulieren und aufzustacheln. Darüber hinaus wird sie von den Wärtern gut behandelt, und es scheint ihr nichts auszumachen, ihre Tage in diesem Verlies fristen zu müssen. Sollte etwa gar Princess, die einen gut gezielten Messerwurf in den Hals ohne allzu große Probleme wegsteckt, die große, geheimnisvolle Drahtzieherin im Hintergrund sein?

Mit Wrath of the Crows, der - um das gleich mal vorweg zu nehmen - kein Tierhorrorfilm ist, gewährt uns Ivan Zuccon einen ungeschönten Blick in eine erbarmungslose Hölle, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Hier herrscht eine dermaßen hoffnungslose Tristesse, daß selbst den Bildern jegliche Wärme und nahezu alle Farben entzogen wurden. Abgesehen von Debbies rotem Kleid und diversen kleinen Farbtupfern (wie Blutspritzer, flackernde Flammen, eine rote Rose (eine traumhafte Sequenz übrigens) und dergleichen) ist alles schwarz und grau und dreckig und dunkel. Die Bildsprache ist zwar immens stylish, aber gleichzeitig auch fröstelnd kalt. Diese Kälte paßt allerdings gut zum Geschehen, denn so wie es zwischen den Figuren keine positiven Emotionen gibt, so empfindet auch der Zuschauer nichts für die Antagonisten. Es gibt keine Identifikationsfigur weit und breit, keine netten Menschen, denen man die Daumen drücken könnte, daß sie es schaffen, ihren erzwungenen Aufenthalt in dieser abartigen Hölle zu überleben. Und doch entsteht durch die schonungslose Drastik und die deprimierende Atmosphäre der Ausweglosigkeit eine unangenehme Intensität. Auf eine gewisse Weise beißt der Film.

Wrath of the Crows ist ein ungemein gewalttätiger Streifen, wobei Zuccon all die Brutalitäten recht nüchtern einfängt. Er verzichtet auf langes Draufhalten ebenso wie auf selbstzweckhafte Details in bildschirmfüllendem Close-Up. Stattdessen wählt er den Kamerawinkel meist so, daß man eigentlich gar nicht so viel sieht. Der Rest entsteht im Kopf des Zuschauers. Ein Beispiel. Spoon (Emanuele Cerman), der Gefängniskoch, ist völlig irre. Unter anderem liebt er es, Augen mit einem Löffel aus ihren Höhlen zu puhlen. Doch dieser Vorgang wird nicht en detail gezeigt. Die Kamera befindet sich auf Höhe des Gesichts des Opfers, und zwar auf der anderen Seite des unerquicklichen Geschehens. Während sich Spoon also am rechten Auge zu schaffen macht, ist die Kamera auf der linken Seite des Gesichts. Man weiß genau, was er tut, sieht es aber nicht explizit. Unterstützt von den ekligen Geräuschen und dem anschließenden Blick auf die erbeutete Trophäe entfaltet diese Sequenz dennoch eine beträchtliche Wucht. Und selbst wenn sich Zuccon entschließt, die Bluttat zu zeigen, verweilt die Kamera nicht sonderlich lange darauf. Das Abschneiden einer Zunge ist z. B. so kurz, daß man es bewußt fast nicht wahrnehmen kann.

Egal, wie man zu Ivan Zuccons Werken stehen mag, eines kann man ihm wohl kaum absprechen. Er macht das, was er macht, mit Leidenschaft und Engagement. Es ist seine Vision. Zu hundert Prozent. Er bannt sie nicht auf Zelluloid, sondern er zeichnet sie mit Digital Video auf. Er geht weder Kompromisse ein, noch läßt er sich Richtung Mainstream verbiegen. Im Falle von Wrath of the Crows heißt das, daß er sein Ding durchzieht, ohne Rücksicht auf Verluste. Das Drehbuch entstand zwar in Zusammenarbeit mit Gerardo Di Filippo, aber Regie, Kamera und Schnitt besorgte Zuccon selbst. Die Geschichte ist nicht wirklich originell (erfahrene Genrefans sollten das böse Spiel rasch durchschauen), wird aber sehr ansprechend und abwechslungsreich über die Runden gebracht. Als Zuschauer wird man mit den Gefangenen quasi in den Knast geworfen, hat also keine Ahnung, was vor sich geht, und weiß absolut nichts über die Inhaftierten. In Form von Rückblenden und Dialogen wird dieses Dilemma mit der Zeit gelöst, wobei die Auflösung, wie bereits erwähnt, niemanden groß überraschen sollte. Was mich dann aber doch überraschte, ist das starke Ende.

Zuccon entschied sich nämlich für einen schönen Kniff, der den Film ungemein aufwertet. Wenn nach dem Showdown die End Credits auf dem Bildschirm erscheinen, denkt man, der Spuk wäre vorbei. Tatsächlich dreht Zuccon dann noch mal ordentlich auf und präsentiert ein splattriges Finale nach dem Finale, das er geschickt in den Abspann eingewoben hat, begleitet von einem grandios-wuchtigen Musikstück. Und er schafft das Kunststück, diesen Nachschlag nicht aufgesetzt wirken zu lassen. Toll! Die Cast, oft ein großer Schwachpunkt in B-Movies, agiert hier durch die Bank gut und glaubhaft. Debbie Rochon zeigt einmal mehr, daß sie viel mehr drauf hat als man denkt, vorausgesetzt sie wird gefordert, und B-Horror-Queen Tiffany Shepis ist so gut wie selten zuvor. Erwähnen möchte ich noch Suzi Lorraine, die zwar nur in Nebenrollen zu sehen ist, deren Leistung aber einiges zur Effektivität des Ganzen beiträgt. Und an den handgemachten Spezialeffekten von Danilo Carignola und Elena Sardelli gibt es ebenfalls kaum etwas auszusetzen. Wrath of the Crows ist ein schönes Beispiel dafür, daß das italienische Genrekino nicht nur scheintot dahinvegetiert sondern ansehnlich gedeiht. Es hat sich zwar seit den guten alten Bava-, Argento- und Fulci-Zeiten so sehr verändert, daß es fast nicht mehr wiederzuerkennen ist, und es hält sich gut versteckt, aber es gedeiht ansehnlich. Man muß nur wissen, wo man suchen soll.

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