Wer kennt nicht DEEP THROAT? In einem Filmmuseum mit nur 20 Filmen müsste er dabei sein. Er war beileibe nicht der erste Pornofilm der Neuzeit, aber derjenige, welcher 1972 das Thema nachhaltig in das Bewusstsein einer breiteren Bevölkerung getragen hat und dem Business sozusagen den entscheidenden Boost in der anschließenden sehr gewinnträchtigen Kommerzialisierung über die nächsten Jahrzehnte verpasst hat. Star des Films war Linda Lovelace (mit normalen Namen: Linda Boreman), die durch ihre "spezielle orale Aufnahmefähigkeit männlicher Körperteile entsprechende Aufmerksamkeit - und nicht nur diese - erregte. Ihrer Biografie nimmt sich das Drama LOVELACE für meinen Begriff erfolgreich an, ohne jedoch wirklich sehr tief in die wahren Dimensionen ihrer Zerrissenheit einzutauchen zu können.
Die gute Wirkung von LOVELACE besteht in der Kombination sehr guter schauspielerischer Leistungen und dem authentischen 70er Jahre Feeling mit dem typisch bunten Look und vieler Details in der guten Ausstattung. Dazu gehört natürlich auch der Soundtrack der eine emotionale Zeitreise für viele von uns darstellt. Die Riege der bekannten Darsteller ist ellenlang und kann schon fast eine Starbesetzung genannten werden. Neben Amanda Seyfried als Linda haben wir James Franco (als Hugh Hefner!), Juno Temple, Chloe Sevigny, Peter Sarsgaard, Sarah Jessica Parker, Sharon Stone und Eric Roberts (ok, der nicht…) im Angebot und man merkt den Darstellern ihren Spaß beim Dreh irgendwie an. Besonders James Franco aalt sich in der Rolle nach Belieben und auch Sharon Stone als die Mutter von Linda überzeugt.
Amanda Seyfried versteht es der nicht einfachen Rolle der von ihrem Mann Chuck (Peter Sarsgaard) kommerziell und psychisch Ausgebeuteten, die sich aber auch von dem sehr konservativ geprägten Elternhaus lösen muss, viel Emotion einzuhauchen und hat mich überzeugt. Für Voyeure sei übrigens gleich gesagt, dass LOVELACE zwar recht offen mit dem Thema der körperlichen Liebe umgeht, aber keinen Millimeter von den üblichen Grenzen der Darstellung in der entsprechenden Freigabegrenzen abweicht. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen und würde im Gesamtkontext dieses ernsthaften Dramas ohne einen sichtbaren Hang zur Selbstzweckhaftigkeit eher deplaziert wirken.
Selbstverständlich ist nicht alles ist perfekt an LOVELACE. Die anfänglich sehr lang und breit und in billigen Witzen ausgewalzten Fakten über die besonderen Fähigkeiten von Linda Lovelace in Bezug auf ihre Performance in der Pornobranche sind überflüssig und stellen LOVELACE mehr in die Ecke einer schmuddeligen Ausweitung des Themas für verklemmte Teenager als in die eines ernsthaften Dramas. Vielleicht ist dies aber auch eine bewusste Entscheidung um den Stil und Ton in der Branche zu treffen um schon mal Gründe für das spätere Abwenden von Linda zu sammeln.
Dramaturgisch nutzt der Film tatsächlich ganz gezielt spätere Verweise auf bestimmte Szenen um ihre Abwendung vom Business zu erklären. Wie die abschließenden Bildtafeln von LOVELACE berichten spielte DEEP THROAT bei lächerlichen Produktionskosten mehr als 600 Millionen ein, Linda erhielt davon 1250 Dollar. Sie hat sich jahrzehntelang gegen die Pornografie ausgesprochen und gegen Ausbeutung und physische und psychische Gewalt in der Branche. Ihr Buch "Ordeal" – auf das sich LOVELACE auch zum Teil bezieht - war ein Bestseller. Tragischerweise kam sie mit nur 53 Jahren 2002 in einem Autounfall ums Leben. Ihr Mann Chuck starb nur 3 Monate später an einem Herzinfarkt.
6,5/10 Punkten