"Wolf" will so gar nicht in die Filmographie von Mike Nichols (Der Krieg des Charlie Wilson, In Sachen Henry) passen, der sich sonst eher mit Komödien oder Dramen befasst. Jedenfalls sollte man hier auch keinen typischen Werwolf-Horror erwarten, sondern der von der Filmindustrie arg gebeutelte Mythos wird hier auf eine etwas andere Weise wieder zum Leben erweckt. Das verhältnismäßig hohe Budget von 70 Millionen Dollar dürfte wohl größtenteils in die Taschen der namhaften Darsteller gewandert sein.
Der Chef-Verleger Will Randall (Jack Nicholson) überfährt während einer nächtlichen Autofahrt einen Wolf, welcher jedoch noch lebt und Will in die Hand beißt. Dieser Wolf scheint ihn mit irgendetwas infiziert zu haben, denn Wills Sinne sind plötzlich extrem geschärft. So ertappt er seinen potentiellen Nachfolger Stewart Swinton (James Spader) mit seiner Frau Charlotte (Kate Nelligan) im Bett und kann auch seine gefährdete Position bei seinem Vorgesetzten Raymond Alden (Christopher Plummer) wieder festigen. Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite, denn bei Vollmond verwandelt er sich in eine Bestie. Laura Alden (Michelle Pfeiffer) vertraut er dieses Geheimnis an, doch plötzlich wird Charlotte bestialisch ermordet. Will ist sich nicht sicher ob er diese Tat selbst begangen hat, oder ob noch ein anderer Wolf nachts sein Umwesen treibt.
Obwohl Nichols mit dem Aufeinandertreffen von Will und dem Wolf beginnt, so bleiben Horrorelemente vorerst Nebensache. Stattdessen präsentiert er uns die Auswirkungen auf das Leben von Will. Dessen Job steht gerade auf der Kippe, er hat die Wahl zwischen Osteuropa oder arbeitslos. Sein eigener Schützling Stewart Swinton soll Wills Posten übernehmen, doch mit Hilfe seiner neuen Fähigkeiten beginnt Will sich zu wehren. Mit einem fiesen Trick ergattert er seinen Job zurück und erwischt seine Frau in flagranti mit Stewart in der Kiste. Hier kommt dann auch Laura Olden ins Spiel, die Tochter seines Vorgesetzten. Leider artet das Ganze dann in einer Romanze aus, der Nichols sehr viel Aufmerksamkeit widmet. Zwischendurch hat "Wolf" immer kleinere Hänger, denn Wills nächtliche Beutezüge sind auf ein Minimum reduziert. Zuerst ist es nur ein Reh, dann labt er sich mal an einem Dieb, das Ganze geschieht aber meist nur im Off. Auch verwandelt sich Will nicht richtig. Ihm wachsen aber viele Haare, seine Augen leuchten gelb und sein Gesicht ist ein wenig deformiert. Für die Masken war Rick Baker verantwortlich, der schon in "American Werewolf" mit seinen tollen Effekten für Grusel pur sorgte. Hier bekommt Baker erst im Finale richtig zu tun, denn Will bekommt bald tierische Konkurrenz.
Mit einem kleinen Biss ziemlich zu Beginn hat er auch Stewart infiziert, doch der ist im Gegensatz zu Will richtig böse. So steht auch der Mörder von Charlotte schnell fest, während die Polizei und auch Laura zuerst Will verdächtigen. Der kann sich an seine nächtlichen Ausflüge als Wolf nämlich nie erinnern. Aber wie schon erwähnt, steht die Person Will Randall hier im Fordergrund, gruselige Sequenzen sind also rar gesäht. Dank des brillanten Scores von Ennio Morricone können diese aber durchweg überzeugen. Im Finale darf es dann richtig zur Sache gehen, hier kommt auch Bakers Arbeit richtig zur Geltung, ein paar Bluteinlagen inklusive. Aber mit seinen zwei Stunden Laufzeit hat man zuvor doch einige Längen zu überstehen, die dank eines süffisant agierenden Jack Nicholson (Das Beste kommt zum Schluss, Shining) nicht allzu stark ins Gewicht fallen. So spielt er seine Konkurrenz mühelos an die Wand, auch da Michelle Pfeiffer (Weißer Oleander, Dangerous Minds) mit einem sehr kindischen Charakter gestraft ist. James Spader (Stick Up - Doppeltes Spiel, Alien Jäger) als arroganter Schnösel macht seine Sache gut, ebenso wie Christopher Plummer (Inside Man, The Clown at Midnight) als reichlich unsympathischer Firmenchef.
"Wolf" schildert eine andere Version des Werwolf-Mythos, der Horror spielt sich dabei im Hintergrund ab. Es geht eher darum, wie sich die neuen Fähigkeiten auf Wills Leben auswirken, leider spielt die Lovestory eine zu ausgedehnte Rolle. Einige Sequenzen hätte man kürzen dürfen, aber die Effekte von Rick Baker und der Score von Morricone sind eine Wucht. Eine überlange, aber dennoch gelungene Aufarbeitung des Mythos.