Review

Ein Altfrauengesicht, dessen untere Hälfte keinen aufgerissenen Mund, sondern einen aufgerissenen Vorhang präsentiert, der sich - rötlich und fleischig - wie eine offenstehende Vulva darbietet und passenderweise eine Kinderpuppe (und auf dem New Vision Films-Cover auch noch etwas Blut) ausscheidet. Den Kontrast von Greisenalter und Kindheit kann man ebensowenig übersehen, wie die sexuelle Komponente des Kinoplakats zu "Curtains" - und dem [Achtung: Spoiler!] Konkurrenzkampf zwischen unterschiedlich alten Schauspielerinnen und den sexuellen Annäherungen, die sich ein Regisseur bei seinen Casting-Kandidatinnen leistet, sind solche Assoziationen durchaus angemessen; dem Film gelingt es indes nicht, über die oberflächlichen Reize einer Greisinnenmaske, einer Kinderpuppe und eines Bühnenvorhangs hinauszugehen, was zwar schade - und womöglich den schwierigen Umständen bei der Produktion geschuldet - ist, den eigentümlichen Reiz dieses nicht übermäßig bekannten Horrorthrillers allerdings nicht vollständig tilgt und durchaus noch ein befriedigendes Filmerlebnis übrig lässt.

Dabei ist "Curtains" allerdings nur sehr eingeschränkt zum Slasherfilm, dem er häufig zugeordnet wird, zu zählen, gleichwohl Drehbuchautor Robert Guza Jr. ("Prom Night" (1980)) und Darstellerin Lynne Griffin ("Black Christmas" (1974)) entsprechende Vorkenntnisse mit sich brachten und "Curtains" durchaus der Struktur des beeindruckenden Mordens im Viertelstundentakt folgt. Viel eher orientiert sich der Film am klassischen Whodunit à la Christie und - was den italophilen Cineasten erfreuen dürfte - am Giallothriller, der zu diesem Zeitpunkt gerade seine vorerst letzten Seufzer ausstieß.
Mit der Geschichte des fanatischen Regisseurs Jonathan Stryker - zugleich das Pseudonym Richard Ciupkas! -, der seine langjährige Partnerin und Hauptdarstellerin Samantha Sherman zwecks Recherchezwecken für ihre neue Rolle im Thriller "Audra" in eine Irrenanstalt einliefern lässt, in der er sie allerdings versauern zu lassen gedenkt, um in seiner abgelegenen Villa mit vielen schönen Schauspielerinnen und Künstlerinnen ein Casting für diese Rolle durchzuführen, das vom plötzlichen Auftauchen Shermans und einer Mordserie gestört wird, reiht sich "Curtains" in eine ganze Reihe von Thrillern, Giallos und Slashern ein, die mit einem selbstreflexiven Spiel mit Schauspielerei und Inszenierung die Schaulust des Publikums zu thematisieren bemüht sind. Ausgehend vom Prototyp "Peeping Tom" (1960) gibt es eine überschaubare, kleine Reihe solcher Werke, zu denen vor allem H. G. Lewis' Grand Guignol-Spektakel "The Wizard of Gore" (1970), Pete Walkers "The Flesh and Blood Show" (1972), Giuseppe Bennatis "L'Assassino ha riservato nove poltrone" (1974), Joel M. Reeds "Bloodsucking Freaks" (1976), Michele Soavis "Deliria" (1987), Dario Argentos "Opera" (1987), Jean Pellerins "The Clown at Midnight" (1999) sowie Wes Cravens Scream-Reihe (1996-2011) samt Plagiate zählen... vor allem zu Walker, Bennati (und den nach "Curtains" entstandenen Werken Soavis und Pellerins) weist Ciupkas kleine Perle Parallelen auf und lässt einen Killer unter (zwar nicht eingesperrten, aber abgeschieden agierenden) Schauspielerinnen tätig werden, wobei die Proberäume und Requisitenkammern in der Villa des Regisseurs den Bühnenraum der Theatersäle der genannten Filme ersetzen; über die Eröffnung einzelner Kapitel des Films mittels eines sich öffnenden Bühnenvorhangs und über den Umstand, dass Ciupka den Namen des Regisseurs im Film als Pseudonym erwählt hat, wird diese Abweichung allerdings wieder ausgeglichen.
Doch die Reflexion über den Horrorthriller bleibt ebenso in seinen Ansätzen stecken, wie die Kritik am Filmbusiness insgesamt: die Casting-Kandidatinnen sind größtenteils zu allem bereit, der Regisseur nutzt die Hoffnung der potentiellen weiblichen Hauptdarstellerinnen aus, um mit ihnen ins Bett zu steigen, die Beziehung zu seiner langjährigen Partnerin ist längst zu einer Hassliebe und anstrengenden Zweckgemeinschaft geworden und die in das method acting gesetzten Hoffnungen nehmen groteske Ausmaße an, die geradezu einen Identitätsverlust der Stars heraufbeschwören. Und der Zuschauer wird zum Voyeur, wenn sich die Handlung in die intimen Sphären des Mordes und des Beischlafes verlagert: Ein Sexakt im Pool wird daher durch ein Fenster beobachtet, eine lesbische Szene wird urplötzlich als Inszenierung Strykers ausgewiesen und scharf kritisiert, ein inszenierter Gewaltakt zwischen Stoffhund und Stoffschlange wird als alberne Puppentheateraufführung durch einen offenen Türspalt beobachtet, die erste Mordrohung ist Teil der Proben Strykers, der erste Gewaltakt entpuppt sich als erotisches Rollenspiel, der erste Mord entpuppt sich als Albtraum - und die Nähe der Produkte der Traumfabrik zum Traum liegt auf der Hand! -, zwei Morden geht eine künstlerische Choreographie voran (ein Eiskunstlauf und ein Tanz, welcher zudem von einem Spiegel wiedergegeben und gerahmt wird), ein Mord wird von aufgehängten Schaufensterpuppen begleitet, unter welchen sich auch bereits verstorbene Nebenfiguren befinden, was eine gewisse Austauschbarkeit von Sein und Schein suggeriert, die das Vergnügen eines Publikums nicht berührt: Für den Nervenkitzel des Publikums ist es notwendig, dass die Täuschung so echt wird wie das Vorgetäuschte - die passende Aussage für einen Thriller, dessen Film im Film-Thrillerhandlung sich in die Realität verlagert.
Sowohl die - hier auch durch die Whodunit-Konstellation bedingte - Bedeutung der Motivation des Täters (bzw. der Täterin), als auch der Voyeurismus stehen dem typischen Giallo etwas näher als dem typischen Slasherfilm. Der Voyeurismus, der im Giallo die vielen Augen- und Ohrenzeugen betrifft, die zuviel und doch zuwenig gesehen und/oder gehört haben, geht im Giallo (und gerade im Neo-Giallo der jüngsten Zeit) mit einer Überbetonung der Sinnlichkeit der Filmbilder & -töne einher - und auch diesen Aspekt übernimmt Ciupka: Die Innendekoration der Villa schwankt zwischen Jugendstil und Art déco, die Kamera gleitet manchmal wie bei Argento durch die Flure, eine aufreibende Szene im Kulissen-Keller kommt farbenfroh daher und mag an Bava - insbesondere "Sei donne per l'assassino" (1964)! - erinnern, Rot ist als Signalfarbe bewusst eingesetzt worden, weit aufgerissene Augen in Großaufnahme begleiten die Mordszenen... und darüber hinaus lassen sich nicht bloß mehrfach die schwarzen Lederhandschuhe der Tätergestalt erhaschen, sondern auch eine Kinderpuppe kündigt - wie in "Profondo Rosso" (1975), aus welchem auch die sich öffnenden roten Vorhänge stammen dürften - das Sterben der Akteure an. Bei Argento wird die Kinderpuppe nicht einfach bloß von einem an Kindheitstraumata leidenden Täter hinterlegt, sondern auch von dessen gealterter, mordender Mutter, die der Vergangenheit nachtrauert und von ihrem Sohn nicht so recht lassen kann und ihn auf übermäßig einnehmende Weise bis zu ihrem Tod bemuttert: bei Ciupka ist es hingegen gerade nicht die zu alt für das Filmgeschäft gewordene Sherman, welche die Puppen platziert und mordet, sondern die junge, etwas infantile Patti O'Connor, die mit allen Mitteln ihren Kindheitstraum verwirklichen und als Filmstar berühmt werden will (aber eben über kein Kindheitstrauma verfügt).
Doch weil das Motiv der Kinderpuppe nicht nur über deren Leblosigkeit, sondern auch in Verbindung mit der Greisinnenmaske der Täterin stets auf ein Problem mit dem Altern verweist und somit die Hauptverdächtige - von der man angesichts dieses Hauptverdachts schon ahnt, dass nicht sie, sondern eine(r) der drei, vier Mitverdächtigen schuldig ist - zusätzlichen Verdachtsmomenten aussetzt, bleibt die Auflösung etwas unbefriedigend, zumal dem Altern und der Jugend innerhalb des Filmgeschäfts dann auch nicht die Stellung zukommt, die zu Beginn noch angedeutet worden ist. Dieser Mangel wird dadurch noch unterstützt, dass diese Kinderpuppe offenbar zum Hab und Gut des ersten Opfers zählt, welches dann auch noch zunächst im Traum ermordet wird - in welchem diese Puppe als Vorbote des Todes ebenfalls präsent ist -, ehe es dann tatsächlich in den eigenen vier Wänden ermordet wird. Diese Ungereimtheiten stoßen am Ende noch stärker auf als die etwas willkürlich umgedeuteten Motive der Puppe und der Maske, welche ganz offenbar zu den Utensilien des Filmprojekts "Audra" zählt; weshalb jedoch nicht Strykers Partnerin, sondern eine wildfremde, junge Casting-Kandidatin bereits vor dem Zusammentreffen mit Stryker unter dem Schutz dieser Maske eine Konkurrentin mordet, bleibt gänzlich ungeklärt.

Mit solcherlei unbefriedigenden Logikfehlern verbaut sich der Film, der sich nie so ganz zwischen Effekt und Stringenz, zwischen metaphorischen Bedeutungen und konkreten Begebenheiten entscheiden mag, seinen Weg zum Erfolg: Schöne Bildkompositionen, unheilvolle Musik- & Toneffekte, bewusst theatralische Momente voller Pathos, elegante Kameraführungen und eine ordentliche Farbdramaturgie sorgen für eine formale Hochwertigkeit, die vielzitierte Verfolgungsjagd auf einem zugefrorenen See und ein letzter großer Mord im Requisitenkeller sorgen für reichlich aufreibenden Suspense, die nicht allzu originelle Handlung leidet jedoch an einigen Klischees und beliebigen Brüchen mit innerer Logik. Letztlich ist dieser kleine kanadische Horrorfilm trotz seiner Ambitionen doch ein eher durchschnittlicher Genrebeitrag geworden, was wohl an den diversen Eingriffen & Änderungen liegt: aufgrund vielversprechender Ansätze und handwerklichen & inszenatorischen Geschicks dürfte er aber vor allem für Whodunit-, Giallo- & Slasherfans einen Blick wert sein. Der eher unbefriedigenden deutschen DVD bzw. BR von New Vision Films dürfte die US-BR von Synapse - die neben englischen Untertiteln noch über ein reichhaltiges Bonusmaterial verfügt - vorzuziehen sein.
5,5/10

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