„Ich werde dich jetzt erschießen und mich ergötzen am langsam hervorquellenden Blut aus deinem erbärmlich daliegenden Kadaver!“
Das Regiedebüt des gebürtigen Belgiers und „Ilsa – Die Tigerin“-Kameramanns Richard Ciupka ist die Slasher/Psycho-Thriller-Mischung „Curtains - Wahn ohne Ende“, die ursprünglich bereits 1980 gedreht, jedoch nach einigen produktionsbedingten Querelen und zahlreichen Nachdrehs erst 1983 fertiggestellt und veröffentlicht wurde. Diesem Umstand mag es geschuldet sein, dass Ciupka nicht mit seinem echten Namen mit dem Film in Verbindung gebracht werden wollte, sondern als Pseudonym den Namen der Hauptrolle Jonathan Stryker wählte – evtl. ist dies jedoch auch schlicht ein Gag, ein Spiel mit der Meta-Ebene. Das Drehbuch stammt vom genreaffinen „Prom Night“-Autor Robert Guza Jr.
„Was haben wir nur alle gemeinsam?“ – „Sex?“
Regisseur Jonathan Stryker (John Vernon, „Dirty Harry“, „Das Unheimliche“) will die weibliche Hauptrolle seines neuen Films nur höchst ungern mit seiner Affäre, der alternden Theaterschauspielerin Samantha Sherwood (Samantha Eggar, „Die Brut“), besetzen. Als diese sich in ihrem Eifer überreden lässt, sich in eine psychologische Anstalt zwecks Erlernens des Method Actings einliefern zu lassen, wittert Stryker seine Chance, sie auf diese Weise loszuwerden. In seinem Anwesen auf dem Lande veranstaltet er ein Casting, zu dem er mehrere Schauspielerinnen eingeladen hat. Doch zur allgemeinen Überraschung gesellt sich Samantha dazu, die aus dem Irrenhaus fliehen konnte und nach wie vor Feuer und Flamme für die Rolle der Audra ist. Als eine unheimliche und brutale Mordserie beginnt, steht sie unter dringendem Tatverdacht. Doch würde sie für die Rolle wirklich über Leichen gehen?
„Was würden Sie denn tun?“ – „Für diese Rolle morden!“
„Curtains“ spielt gern mit der Erwartungshaltung des Publikums: Der Prolog entpuppt sich als Filmprobe und als Samantha auf Stryker loszugehen scheint, tut sie nur so, denn der ist, wie man nun erfährt, ihr Liebhaber. In der Klapse trifft sie auf wahre Bilderbuchbekloppte und man fragt sich, ob sich der Film nun eventuell in Richtung eines Anstaltsthrillers entwickelt…? Nein, Szenenwechsel: Irgendjemand verbrennt Fotos, ein Frauenpaar scheint einen Komplott gegen Stryker zu planen. Ein sich in Point-of-View-Perspektive heranschleichender mutmaßlicher Mörder mit Strumpfmaske und schwarzen Handschuhen entpuppt sich jedoch wieder als Finte, genauer: als ein makabrer Scherz des Liebhabers einer jungen Schauspielerin. Diese hat daraufhin einen Alptraum von einer Gruselpuppe und wird nach dem Erwachen von einem Mörder unter einer Greisinnenmaske umgebracht. Die Zeit der Finten und False Scares ist vorbei.
„Alles ist erlaubt – für eine Filmrolle!“
Nach dieser Exposition im Stile eines multiplen Prologs befindet man sich endlich in der eigentlichen Handlung, einem sehr eigenwilligen Casting, in dem der androgyne Matthew (Michael Wincott, „Strange Days“) bizarrerweise ebenfalls als Frau gilt (sich jedoch auch gern mit einer drallen Oben-ohne-Schönheit im Bumsbrunnen vergnügt), die wortgewaltigen Dialoge vom Beginn reichlich entrückt wirkenden Gesprächen weichen und die Casting-Teilnehmerinnen jedes Klischee erfüllen, wenn sie sich übertrieben ehrgeizig, vor allem aber skrupellos gerieren. Konkurrenzdenken und Jugendwahn bestimmen die Szenerie und es dauert nicht lange, bis ein schwarzer Handschuh zur Sichel greift. Idyllische winterliche Bilder werden kontrastiert von einer Mordsequenz, die den inszenatorischen Höhepunkt des Films darstellt: Zur Musik aus ihrem Ghettoblaster unternimmt eine der Jungschauspielerinnen eine ausgedehnte Schlittschuhfahrt, bis die Musik unerwartet verstummt, sie die Puppe aus dem Prolog unterm Schnee findet und ihr Mörder plötzlich ebenfalls auf Schlittschuhen zur Tat schreitet, geschützt von der Greisinnenmaske. Ein abgetrennter Kopf landet im Abort, bevor das ausgedehnte Finale um das durch Requisiten stapfende Beinahe-Final-Girl noch einmal Maßstäbe in Sachen Atmosphäre setzt. Das akustisch besonders hervorgehobene schwere Atmen unter der Gummimaske erinnert dabei sicherlich nicht von ungefähr stark an den Subgenre-Begründer „Halloween“, genauso wenig das sich in einer Art Schrank versteckende Opfer, das durch die Tür lugt.
Ob es an der schwierigen Entstehungsgeschichte des Films liegt, dass er zumindest unkonventionell strukturiert wirkt und sich etwas schwer damit tut, seine Prologe mit der Kernhandlung zu verknüpfen, ist Spekulation. Auch vermag ich nicht abschließend zu beurteilen, ob „Curtains – Wahn ohne Ende“ hauptsächlich die Filmbranche satirisch reflektieren und aufs Korn nehmen möchte oder in erster Linie das Klischee karrieregeiler Frauen aufgriff, um es im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu reiten. Dafür müsste man stärker durchs psychologisch derangierte Dickicht dringen, das „Curtains“ einem mit seinen Figuren präsentiert. Mit Gewissheit konstatieren kann ich aber, dass es angesichts der herausstechenden Kameraarbeit und der stark ästhetisierten, künstlerischen audiovisuellen Komponenten überhaupt nicht stört, dass es recht wenig roten Lebenssaft oder selbstzweckhafte brutale Exzesse zu sehen gibt, die Auflösung des Whodunit? stattdessen überrascht und man nicht nur aufgrund der Mörder-Dopplung näher am italienischen Giallo denn am US-amerikanischen Haudrauf-Slasher ist. Dass die Szenenübergänge mittels Theatervorhängen visualisiert werden, erinnert wiederum stets mit Nachdruck daran, dass der Zuschauer einer Inszenierung beiwohnt, was aufgrund ihres artifiziellen Charakters jedoch wenig irritiert und einen somit nicht aus der Handlung reißt. Überdurchschnittlich agiert auch das Ensemble, für das sich erfahrene Schauspielerinnen und Schauspieler zusammenfanden. Namen wie Lynne Griffin oder Lesleh Donaldson kennt man aus artverwandten Werken wie „Black Christmas“ oder „Ab in die Ewigkeit“, Sandee Currie aus „Monster im Nachtexpress“ – die Materie war ihnen also nicht fremd. Auch mir als Genre-Aficionada blieb dieser Film nicht fremd, dennoch wäre es zu erfahren interessant, ob er ohne Nachdrehs etc. einen etwas kohärenteren Eindruck gemacht hätte.