Beschäftigt man sich mit Ernst Lubitschs späten Werken - hier sein vorletzter Film von 1946 - so fällt es nicht leicht, ihre eindeutig vorhandene Qualität und den damit verbundenen Wert sich auch damit zu beschäftigen, einem heutigen Publikum zu vermitteln.
"Cluny Brown auf Freiersfüßen" wirkt sowohl in seiner Thematik als auch in seinem schlichten Stil leicht altmodisch. Während Lubitschs Filme früher vor Bonmots und witzigen Einfällen nur so strotzten und dazu auch immer sehr mutig den Finger in politische Wunden legten - wie bei "Ninotschka" und besonders bei "Sein oder Nichtsein" - so ist "Cluny Brown" eher von ruhigem Tempo und auch der sogenannte "Lubitsch-Touch", der ja immer auch ein Spiel mit Frovilitäten war, ist hier nur dezent zu spüren.
Vielleicht lag es an seiner Krankheit, die nur zwei Jahre später zu seinem frühen Tod führte, daß er ruhiger wurde - vielleicht lag es auch daran, daß die politischen Ereignisse, insbesondere der Holocaust, der 1946 in seinen vollen Ausmassen zu erkennen war, ihn eingeholt hatten. Für eine Komödie über das Nazi-Grauen - wie er sie 1942 mit "Sein oder Nichtsein" gedreht hatte - gab es 1946 kein Publikum mehr - dafür fehlte der Abstand zu den schrecklichen Ereignissen.
Und so kommt seine Geschichte, die nach einem Liebesroman gedreht wurde, vordergründig harmlos daher. Sie spielt kurz vor dem Beginn des 2.Weltkrieges in England und im Mittelpunkt steht Cluny Brown, eine junge, leicht naiv wirkende Frau. Jennifer Jones ,die kurze Zeit später als Objekt der Begierde in "Duell in der Sonne" berühmt wurde, ist hier als Cluny von einer so frischen, mädchenhaften Natürlichkeit, daß man sie einfach in sein Herz schließen muß. Sie ist von an Naivität grenzender Ehrlichkeit und wirkt deshalb fast verloren in einer von genauesten Regeln und Standesdünkeln beherrschten Umwelt.
Dabei ist sie keineswegs dumm oder gar unbegabt, aber sie stellt in ihrer "freien Art" eine Provokation für ihre gesellschaftliche Umgebung dar, die natürlich nichts besseres zu tun hat als dem Mädchen ihre Benimmregeln aufzudrängen.
Cluny begeistert sich für das von ihrem Onkel, bei dem sie aufgewachsen ist, ausgeübte Klempner-Handwerk. Als sie bei einem Notfall für ihren Onkel eintritt und kurzerhand die Verstopfung beseitigt, verstößt sie so ziemlich gegen jede Anstandsregel. Sie zieht in Anwesenheit zweier Männer ihre Strümpfe aus, setzt sich unter die Spüle und läßt den Hammer kreisen. Als ihr Onkel dann doch noch verspätet ankommt und sie dabei ertappt, ist er nicht nur voll des Vorwurfs für die beiden Männer, sondern ihm bleibt auch nichts anderes übrig, als sie aufs Land zu schicken, wo sie sich als Zimmermädchen bei gehobenen Herrschaften verdingen soll.
Aber so ganz geht der Plan, Cluny im englischen Sinne zu domestizieren dann doch nicht auf...
Denn Lubitsch stellt ihr einen Mann zur Seite, der sozusagen das andere Extrem der außerbürgerlichen Verhaltensweise vertritt. Den intellektuellen Schriftsteller Adam Belinski (Charles Boyer), einem Tschechen und Nazi-Gegner, der vor Hitlers Schergen nach England geflohen ist. Der wortgewandte Mann , der völlig mittellos ist und nur einen Anzug besitzt, schafft es mühelos bei der englischen Upper-Class Bewunderung und ein wenig schlechtes Gewissen zu erzeugen, so daß er sowohl bei sehr wohlhabenden Leuten unterkommt als auch immer finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt bekommt - kurz, er schnorrt sich geschickt durch.
Dabei verhält er sich - was Wunder bei einem Kontinental-Europäer - natürlich auch nicht konform, aber durch seine überlegenen intellektuellen Fähigkeiten, schafft er es überall bestens behandelt zu werden, obwohl die Einzelnen manchmal gar nicht wissen warum .Belinski nutzt die englischen Eigenarten und gesellschaftlichen Verhaltensmuster geschickt aus - der Engländer kann eben nicht aus seiner Haut.
Zwischen ihm und Cluny Brown, die sich immer wieder begegnen, entsteht eine Art Beziehung wie in "Pygmalion", nur deutlich dezenter - Adam Belinski, der heimlich in Cluny verliebt ist, will ihr vor allem vermitteln, sich selbst treu zu bleiben...
Ganz eindeutig stellt Lubitsch dieses Paar in den Mittelpunkt, umgeben von einer fast feindlichen Umwelt. So nett und höflich die Engländer sind, so sehr nach außen Contenance bewahrt wird, so deutlich arbeitet Lubitsch deren reaktionäres, auf sich selbst gestelltes, selbst in höheren Kreisen fast dumm wirkendes Gedankengut heraus - immer schön zwischen den Zeilen bleibend, nur selten plakativ werdend.
Jetzt könnte man natürlich anmerken, es handelt sich um eine normale Liebesgeschichte zweier nicht angepaßter Charaktere ,die in einer sonst "normalen" Umwelt zueinander finden müssen. Doch dann hätte Lubitsch die Geschichte nicht auf das Jahr 1938 vorverlegen müssen - englische Eigenarten und Standesdünkel gab es auch noch 1946.
Es wird ganz deutlich, daß Lubitsch, unter dem Deckmantel der Liebeskomödie, den Engländern ihre verfehlte Appeasement-Politik gegenüber den Nazis vorwirft. Immer wieder kommen die Upper-Class-Engländer in seinem Film dazu, über Hitler, die Nazis und deren mögliche Gefahr zu philosophieren und Lubitsch zeigt sie als völlig bornierte, überhebliche Charaktere, die gar nicht in der Lage sind, die tatsächliche Gefahr zu erkennen.
So erzählt der Hausherr bei einem Glas Wein, wie er durch die Welt gereist ist, um einmal etwas anderes als England zu sehen. Aber natürlich habe er nur englisch gesprochen und man hat nicht den Eindruck als hätte er überhaupt etwas anderes bemerkt. Ebenso wirken deren Gespräche über die Nazis eher wie spannende Diskussionen über eine kurzfristige, aber in letzter Hinsicht nicht ernst zunehmende Erscheinung. Für Lubitsch ganz klar die geistige Grundhaltung, die zu der Appeasement-Poitik führte, die ja auch die tatsächliche Gefahr herunter spielte.
Fazit : in ihrer Anmut leicht altmodisch wirkende Komödie um ein junges naives Mädchen und einen intellektuellen Schriftsteller und Widerstandskämpfer, die sich aus unterschiedlichen Gründen in der englischen Gesellschaft behaupten müssen. Die Komik der Geschichte hat nichts mehr von Lubitschs früheren Screw-Ball Komödien, sondern entwickelt sich ruhig aus dem Gegensatz zwischen einer von Standesdünkeln und exakt vorgeschriebenen Regeln beherrschten Gesellschaft und zwei freien Geistern...
Schon allein dadurch bezieht Lubitsch genau Stellung, indem er den beiden Protagonisten seine Sympathie schenkt, obwohl sie äußerlich Fehler machen, und ihre Umgebung sehr geschickt seziert und ohne plakative Mittel kritisiert. Darin liegt auch seine politische Kritik versteckt, die den Engländern ihre fehlende Fähigkeit vorwirft ,über den eigenen Tellerrand hinweg sehen zu können. Indem er die Geschichte um 8 Jahre auf die Zeit vor dem 2.Weltkrieg vorverlegt und damit auch die Thematik über die Nazi-Gefahr mit einbezieht, gelingt ihm hier ein fast melancholische Blick auf die Verhaltensmuster, die aus seiner Sicht die Nazi-Greuel noch begünstigt haben.
Aus heutiger Sicht kann man das nur bei genauer Betrachtung und Interpretation nachvollziehen und auch der Sinn - etwas zu kritisieren, was schon geschehen und nicht mehr zu verändern ist - will einem heute nicht so schnell einleuchten. Es ist wahrscheinlich nur aus der Situation von 1946 verständlich, als noch jeder Abstand zu den dann erst offensichtlich gewordenen Greueln fehlte.
Auch heute noch ist "Cluny Brown" eine sehr lohnenswerte Entdeckung (9/10).