Das "verbotene" Genre
Das Genrekino ist in der deutschen Filmlandschaft ein seit Jahrzehnten vom Aussterben bedrohtes Pflänzchen. Außer weichgespülten RomComs und platten Albernheiten a la Otto, Bully und Konsorten will nichts so recht auf der großen Leinwand reüssieren was aus heimischer Produktion stammt. Vor allem wenn Gewalt im Spiel ist, wird dem deutschen Film geradezu reflexartig die rote Karte gezeigt. Das darf nur das regelmäßig im moralinsauren Betroffenheitspathos versinkende Vergangenheitsbewältigungskino. Da stehen deutsches Publikum und seine meist nörglerische und besserwisserische Kritikerzunft in sonst nie gekannter Eintracht eng beisammen.
Das ist letztlich so erstaunlich wie verlogen, denn ausländische Produktionen (übrigens nicht nur aus den USA) dürfen selbst lediglich zur schnöden Unterhaltung aus allen Rohren feuern und werden dafür von nicht wenigen ungeniert abgefeiert. Gerade der Actionfilm gehört auch hierzulande zu den beliebtesten Filmgattungen - sofern der meist schiesfreudige Held kein Deutscher ist versteht sich.
Vor diesem Hintergrund muss man dem deutschen RomCom-König Til Schweiger zumindest Respekt zollen, schließlich ist er einer der wenigen, der zumindest hin und wieder den Versuch startet, gegen diesen blödsinnigen und engstirnigen Trend anzuflmen. Natürlich wird dies seinen aktuellen Vorstoß auch nicht vor dem kollektiven Totalveriss bewahren.
Berühmte Regiekollgen wie Roland Emmerich oder Wolfgang Peterson waren da weit weniger leidensfähig und beharrlich bzw. schlauer und sind kurzerhand nach Hollywood geflüchtet. Natürlich haben ihre dort gedrehten Genrefilme dann auch in Deutschland wieder bestens funktioniert.
Schweigers neuester Versuch „Schutzengel" ist ein waschechter Action-Thriller, wie ihn Hollywood schon x-mal erfolgreich unters Publikum gebracht hat. Schon die Ausgangslage ist geradezu klassisch: Schweiger spielt den ehemaligen Elitesoldaten Max Fischer, der - desillusioniert von zahlreichen Kampfeinsätzen in Afghanistan - sich nun als Personenschützer in Diensten der deutschen Polizei verdingt. Sein neuester Auftrag sieht zunächst nach reiner Routine aus. Zusammen mit zwei Kollegen soll er die 15-jährige Nina (Luna Schweiger) beschützen, da sie als Kronzeugin in einem Mordprozess gegen den Waffenhändler Backer (Heiner Lauterbach) aussagen soll. Doch der fährt unerwartet starke Geschütze (in Form einer Heerschaar von Auftragskillern) auf, um die lästige Zeugin ein für alle Mal los zu werden. Da offenbar auch innerhalb des Polizieapparats mindestens eine undichte Stelle ist, sieht Max keine andere Möglichkeit als mit seiner Schutzbefohlenen in den Untergrund abzutauchen. Und das ist ein Gefilde mit dem der frühere KSK-Mann bestens vertraut ist ...
Mit „Schutzengel" beweist Schweiger, dass dieses Genretypische Szenario auch in einem rein deutschen Setting durchaus stimmig wirken kann. Vor allem in der ersten Hälfte schnurrt der Film ebenso schnörkel- wie kompromisslos vor sich hin und baut nicht zuletzt durch seine düster-bedrohliche Bildgestaltung ein ordentliches Maß an Spannung auf. In wenigen Pinselstrichen gelingt es, Backer und seine Organisation als übermächtigen und völlig skrupellosen Gegner aufzubauen und somit den Held von Beginn an in eine scheinbar ausweglose Defensive zu drängen.
Natürlich ist Schweiger erneut vehement vorgeworfen worden, dass er wieder einmal eine seiner Töchter mit einer Hauptrolle bedacht und somit deren Filmkarriere ordentlich angekurbelt hat. Aber erstens ist ein solches Vorgehen völlig legitim und zweitens liefert Luna Schweiger eine couragierte Vorstellung angesichts ihrer nicht vorhandenen Schauspielerfahrung. Dass die Chemie mit ihrem Vater stimmt konnte man ja noch erwarten, ihre natürlich wirkende Darstellung einer verstörten und vom Leben gezeichneten Vollweise ist aber weit weniger selbstverständlich und gehört zu den Pluspunkten des Films.
Das gilt auch für die Actionszenen. Schweiger hat ja schon mit der ansonsten verunglückten Gangsterfarce „Der Eisbär" bewiesen, dass er diesbezüglich kein Dilettant ist. Vor allem der erste Schusswechsel des Films, als ein Killerkommando die vermeintlich sichere Wohnung stürmt, ist wuchtig und gekonnt inszeniert. Ganz ohne Filmmusik - man hört lediglich das Nachladen und die Einschläge der Schüsse - und beinahe durchgängig in Zeitlupe gefilmt, gelingt ein rhythmisches Todesballett, das ohne weiteres an die offensichtllich zitierten US-Vorbilder heranreicht. Ein weiterer Höhepunkt ist eine Duellszene zwischen Max und einem Polizisten in einem mitternächtlichen Diner, bei der Schweiger sein Talent für absurde Spannungsmomente ausspielt.
Ganz schien der erfolgsverwöhnte Komödienregisseur allerdings seinem kompromisslosen Action-Thriller-Konzept nicht zu trauen. Anders sind die ausufernden Gefühlsmomente in der zweiten Filmhälfte nicht zu erklären. Hier wird entschieden zu lang und leider auch zu banal über Sinn, Unsinn und Auswirkungen des Krieges philosophiert. Das wirft den bis dahin recht temporeichen Erzählfluss regelrecht aus der Bahn und bringt die Handlung streckenweise zum Stillstand. Moritz Bleibtreu als Max beinamputierter Kriegskamerad ist dafür ein signifikantes Beispiel. Solange er als gewitzter Fluchthelfer und Kampfgenosse auftritt, kann Bleibtreu das ein oder andere schauspielerische Glanzlicht setzen, sobald er allerdings mit Luna über seine und Max´ Gefühle sprechen muss, würde man am liebsten vorspulen. Der Regisseur riskiert damit unnötigerweise ein Verprellen des anvisierten Zielpublikums und vergallopiert sich zumindest zeitweise mit dem Ansinnen, auch der „Keinohrhasen"-Fraktion etwas bieten zu wollen.
Letztlich kann dieser Spagat natürlich nicht in der gwünschten massenkompatiblen Form aufgehen. Während der „normale" Schweiger-Fan ob der insgesamten Düsternis und Brutalität eher abgeschreckt sein dürfte, hat der Freund geradliniger Actionkost möglicherweise ein zwei gefühlsduselige Durststrecken zu viel zu überstehen.
Trotzdem bleibt „Schutzengel" nicht nur ein mutiger, sondern auch ein ambitionierter Versuch, die Ödnis und Tristesse des deutschen Genrekinos zumindest mal mit einem Farbklecks aufzuhellen. Im trüben Einerlei des teutonischen Celluloid-Komödienstadls ist Schweigers Ausflug ins Actionfach jedenfalls mehr als eine willkommene Abwechslung.