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Til Schweiger ist ein Phänomen: Sein Debüt legte er als einer der unzähligen Sprösslinge der Zenker-Sippe aus der "Lindenstraße" ab, um kurze Zeit später zum Kino-Idol der frühen 90er in Komödien wie "Manta Manta" oder "Der bewegte Mann" zu werden.
Es ist die Story von einem, der auszog, das Hollywood zu lernen und in der glamourösen Filmmetrople als schweigsamer Hitman in "The Replacement Killers" oder unter Quentin Tarantino in dessen Remake von "Ein Haufen verwegener Hunde" mitzuwirken.
Nicht gerade ein begnadeter Schauspieler und vor allem in jungen Jahren in ernsten Rollen wie als Elitekämpfer im RTL-Actionthriller "Adrenalin" vollkommen fehlbesetzt und überfordert, finden sich in seiner beachtlichen Filmographie auch Rollen wie Uwe Bolls "Far Cry" oder sein selbstironischer Auftritt als Callboy "Harry Hummer" in "Deuce Bigelow - European Gigolo".

Und ähnlich wie Hollywoods begandeter Recke Clint Eastwood dachte sich unser Til eines Tages: "Mensch, ich habe unter so vielen Regisseuren das Filmemachen praktisch von der Pike an gelernt - wenn man mir keine gescheiten Rollen anbietet, dann schreibe ich sie mir auf den Leib und führe auch gleich Regie. Das kann doch so schwer nicht sein!"
Gesagt - getan und mit Komödien wie "Keinohrhasen", "Zweiohrküken" oder "Kokowääh" begeisterte er ein Millionenpublikum. Dabei inszenierte er sich in den Filmen meistens selbst: als sprücheklopfenden, selbstbewussten, coolen, machohaften und omnipotenten Loverboy, von einem ONS zu nächsten hüpfend, beziehungsresistent - aber mit Aussicht auf Besserung.

So arrogant und hochnäsig sich unser Schweiger in Talkshows gibt und dabei gerne an die große Glocke hängt, wie sehr er Hollywood doch drauf und was er für Connections habe - der Erfolg seiner leichtfüßigen, spritzig-frechen Feel Good-Comedies geben ihm Recht.
Zwischen seinen Filmen und teutonischen Machwerken wie "Ballermann 6", "Harte Jungs" oder "Feuer, Eis und Dosenbier" liegen Welten. Zwar bedient sich Schweiger auch gerne des ein oder anderen Fäkalwitzes, dennoch haben seine Filme eindeutig mehr Klasse und können amerikanischer gar nicht sein.

Im Zuge seines Engagements beim ARD-Prestigeobjekt, der erfolgreichen Krimireihe "Tatort", hagelte es vorab Kritik und Vorurteile gegen Schweiger, der es sogar in seiner Arroganz wagte, den traditionellen "Augen im Fadenkreuz"-Vorspann mitsamt der Titelmelodie abschaffen zu wollen. Er wolle mehr Härte und Action in den "Tatort" bringen und seine Figur "Nick Tschauder" sich mehr an Kult-Kommissar "Horst Schimanski" orientieren.
Til Schweiger nach unzähligen Komödien mal wieder in einer ernsten Rolle und sein  Actionthriller "Schutzengel", bei dem er das Drehbuch schrieb und Regie führte, sollte ein kleiner Vorgeschmack auf das werden, was die "Tatort"-Fans im nächsten Jahr erwarten soll.

Die Komödie und der reinrassige Actionfilm sind und bleiben auch bei einem Typ wie Til Schweiger zwei unterschiedliche Paar Schuhe - umso genauer betrachtet man das Endergebnis, das über weite Strecken mehr überzeugt als, als man erwartet hätte.

Zugegegen: die Story um einen gewissenlosen Waffenhändler (sehr gut dargestellt von Heiner Lauterbach), der einen Mord begeht, dabei von einem Straßenmädchen beobachtet wird und die Augenzeugin durch Killer aus dem Weg räumen lassen will, ist abgedroschen und ein uralter Hut, den schon Schwarzenegger in "Eraser" trug. Dazu wirkt das Hauptmotiv der Handlung insgesamt zu unglaubwürdig und unmotiviert, als dass der Zuschauer eine solch hanebüchene Entwicklung sofort abkaufen würde. Doch dieses kleine, aber augenfällige Manko macht Schweiger durch eine saubere und straffe Inszenierung mehr als wett.
Storytechnisch durchläuft "Schutzengel" auch im weiteren Verlauf jedes Klischee des Genre und es wirkt, als hätte Schweiger alle notwendigen Ingridenzien aus mehr oder weniger bekannten Hollywood-Actioners geklaut: der schweigsame, seelisch angeschlagene Hero wurde dutzendfach von Bruce Willis und Konsorten dargestellt, den körperlich behinderten Buddy (superb und wunderbar natürlich: Moritz Bleibtreu), der mit der Hauptfigur eine gemeinsame Vergangenheit hat (hier: Afghanistan-Einsatz), gabs schon in Charles Bronsons "Murphys Gesetz", ebenso wie das Straßenkind mit der großen Klappe.
Doch trotz aller Klischees und abgekupferten Stilmittel schafft es Schweiger mehrere intensive Szenen voller Spannung und Dramatik zu erschaffen, bei denen vor allem die Geiselnahme im Diner zu erwähnen wäre.
Die Actionszenen sind mit unzähligen blutigen Shoot Outs und dem obligatorischen Slow Motion-Einsatz ganz klar bei John Woo abgekupfert. Es fehlt wirklich nur noch, dass Woos Markenzeichen - die weißen Tauben - aufgeregt durchs Bild flattern.
Davon ab zieht Schweiger sein Ding konsequent durch und umkurvt mit ungeheurem Tempo jedes Klischee und Logikloch, das es in den 120 Minuten Laufzeit in den Film geschafft hat.

Lobenswert ist vor allem, dass trotz permanentem Dauerfeuer und ungeheurem Tempo, die Entwicklung der wichtigsten Charaktere nicht zu kurz kommt. Nicht jeder Dialog ist ein punktgenauer Treffer - da ist Schweiger mit der Knarre eindeutig zielsicherer - aber alles in allem funktioniert "Schutzengel" sowohl in den actionreichen, als auch in den ruhigen Momenten und Luna Schweiger spielt die Augenzeugin wirklich sehr, sehr gut.
"Schutzengel" ist bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätig besetzt, und bis auf das komödiantische Leichtgewicht Axel Stein funktioniert auch jeder in seiner Rolle absolut glaubwürdig.
Lediglich der letzte Akt stellt einen kleinen Wermutstropfen dar: das finale Dauerfeuer bietet noch einmal Spannung und Action, doch Bösewicht Lauterbach wird (und auch hier stand "Eraser" eindeutig Pate) einfallslos aus dem Drehbuch gestrichen, während das letzte Drittel zunehmend geschwätziger ist, das Tempo leicht ausbremst und uns Schweiger mit einem süßlich schmeckenden Happy End in "Keinohrhasen"-Tradition aus dem ansonsten grimmigen, in tristen Farben inszenierten Actionfilm entlässt, der besser ist als erwartet.

Man kann von Schweiger sagen, was man will: aber der Junge hats drauf!

7/10

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