Pures Brainfood und Eye-Candy für Cineasten!
THE MASTER ist beleibe kein einfacher Brocken von Film und in seiner gewissen Sperrigkeit ist er für ein breites Publikum kaum geeignet und wird die Zuschauerschaft sehr polarisieren - von "Meisterwerk" bis "langweiliger Schund" ist da alles an Überschriften versammelt. Die ganz spezielle Atmosphäre, langsame Dialoge, endlos scheinende Pausen und die an sich schon rund 140 Minuten Laufzeit mussten ehrlich gesagt schon ein wenig bewältigt werden da sie gefühlt eher 4 Stunden entsprachen. Aber die intensive und schier sinnliche Reise hat sich mehr als gelohnt.
THE MASTER entzieht sich auch sehr gut üblicher Genrezuordnungen und huldigt mehr der bilateralen Introspektion, der beidseitigen Selbstbeobachtung unserer Protagonisten Freddie Quell (Joaquin Phoenix) und Lancaster Dodd (Philipp Seymour Hoffman) in einer Art 2 Personen Kammerspiel über die meiste Laufzeit. Hintergrund für den Film ist die Darstellung des Phänomens von Scientology und dem Gründer L. Ron Hubbard. Regisseur Paul Thomas Anderson verzichtet aber bewusst darauf den Scientology-Kult bloßzustellen. Es geht ihm mehr um die subtilen und leisen Töne wie man einen solchen Kult aufbaut, hegt und pflegt und welche Profile von Menschen dies begünstigen.
Dazu benötigt er erwartungsgemäß keine spektakuläre Dramaturgie oder radikale Story-Twists. Er erreicht dies mittels einfachster, aber sehr wirkungsvoll in Szene gesetzter Kombination der aufwendig bis schwülstigen optisch-visuellen Mitteln, einem nicht alltäglichen Soundtrack, einem sehr gut getimten Schnitt und einer unglaublich virtuosen Kamera. An der Spitze der Superlative steht jedoch vor allem das intensive Spiel von Phoenix und Seymour Hoffman. Fernab jeglicher klischeehafter Charakterzeichnung treffen hier 2 Performance-Dinosaurier aufeinander die nicht mit der sonst üblichen dramaturgischen Überhöhung in den Ring geschickt werden müssen.
THE MASTER ist vielmehr ein Meisterwerk der Dialoge und der psychologischen Spannung und Reibungsflächen zwischen den beiden Hauptpersonen. Nur langsam versteht man als Zuschauer den dramaturgisch geschickten Kniff des Drehbuchs Quell als traumatisierten leeren potentiellen Jünger mit Hang zum Neuanfang zum einen, und Dodd als visionäre manipulative und intelligente Führerfigur zum anderen aufzubauen und die beiden in einer Synthese zusammenzuführen. Quell hinterfragt oder durchschaut seinen "Master" nicht, Dodd hingegen ist unfähig eine normale auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehung zu einem individuellen Gegenüber aufzubauen.
Auf Basis dieser filmischen Mechanismen und einer unglaublich authentischen Ausstattung Ende der 40er und 50er Jahre in denen der Film spielt, und in der sogar die Gesichter dieser Zeit entnommen scheinen, erleben wir zunächst die Vorgeschichte von Freddie (Joaquin Phoenix) bei dem Alkohol und Sex eine bestimmende Rolle in seinem Leben spielen. Zufällig gerät er auf ein Schiff und als er aufwacht kann er sich an nichts erinnern und an der Seite des charismatischen Lancaster Dodd (Philipp Seymour Hoffman) kommt er scheinbar langsam wieder in die Spur. Aber dennoch sind die Dinge nicht so einfach wie sie scheinen….
Inszenatorisch erinnert mich THE MASTER unter anderem an die neueren Werke eines David Cronenberg die sich auch recht wenig um den Massengeschmack kümmerten, dazu gehört zum Beispiel SPIDER mit dem ebenfalls isoliert wirkenden Ralph Fienes oder jüngst auch COSMOPOLIS durch seine skurrile Kombination von sphärischen Dialogen und künstlich inszenierten Umgebungen. Paul Thomas Anderson hat noch gar nicht so viele Filme auf seinem Rücken, einer der ersten war der vielgelobte BOOGIE NIGHTS und meistprämiert und nicht zu vergessen vor einigen Jahren THERE WILL BE BLOOD. THE MASTER ist aus meiner Sicht deutlich sperriger als der letztgenannte aber eine audiovisuelle Offenbarung und ein must-see für jeden Cineasten und Arthouse-Kino-Liebhaber.
7,5/10 Punkten