The Master(2012)
Nach dem 2. Weltkrieg findet der desillusionierte Freddie Quell(Joaquin Phoenix) nicht mehr so recht ins zivilisierte Leben. Weder als standfester Fotograph, noch als grober Erntehelfer oder gar beständiger Liebhaber kann er sich finden. Regisseur Paul Thomas Anderson weis diesen Inhaltseinsteiger sehr geschickt umzusetzen, in dem er, wie so oft, auf klare Worte verzichtet. Wir sehen was geschieht. Es passiert eigentlich ganz selten, speziell in diesen Tagen, dass man diese "Mittendrin" so stark spürt, wie in The Master.
Der oft genannte Verzicht auf Digitalkameras in The Master spricht enorm für seine Wirkung. Ich kann nicht genau sagen, was an 70mm Film jetzt differenzierter sein soll, aber jedes Bild, jeder Schnitt in Beleuchtung und Bewegung sieht einfach fantastisch aus. Wüsste man es nicht besser, hätte der Film wirklich aus dieser Epoche stammen können. Die detailreichen Hintergründe, selbst die perfekt positionierten Statisten, die plastische Wirkung und die körnige Farbpallette sind ein echter Augenschmaus und mir fällt selbst bei genauerer Überlegung kein Film der letzten fünf Jahre ein, der mich allein visuell so mitriss, wie Andersons absolutes Meisterstück.
Freddie ist ein zielloser und chronisch betrunkener Herumtreiber der nicht ganz ohne Eigenschuld auf das Schiff von Lancaster Dodd(Philip Seymour Hoffman) gelangt. Ein "selbsternannter" Doktor, Geistlicher, Wissenschaftler und Philosoph in einem. An diesem Punkt könnte man die Sekte Scientology diskutieren, das macht aber so wenig Sinn, wie John Holmes mit Boogie Nights in ein Raster zu stecken. Nur weil die gleiche Idee die Schuhe schnürt, ist der Spaziergang nicht der gleiche. Als Baustein im Hinterkopf ist L. Ron Hubbard und Co. nicht verkehrt, aber nicht essenziell nötig.
Dodd ist ein überzeugter und enorm charismatische Mensch, seine Ideen mögen esoterischer und fehlgeleiteter Scharlatanerie gleichkommen, aber über Philip Seymour Hoffman's Lippen wird das hervorragend strukturierte Skript erst zum Erlebnis. Seine Figur, der Führer einer Idee, der beharrliche Macher, der gespaltene Familienmensch, der egomanische Psychopath...es ist schwer für den Zuschauer, auch bei dem dritten oder vierten Filmdurchlauf, eine endgültige Motivation zu finden. Es gibt kein großes Ziel in The Master. Der Film beginnt irgendwo, spielt mit gut situierten Rückblenden und endet nicht wirklich, sondern bricht in der Erkenntnis Freddie's ab...ergreifend für jene, die wissen was es bedeutet, etwas in sich hineinzufressen. Freddie Quell's Suche nach der vergangen Liebe, dem Weg des Findens. Das ist die beispiellose Tragödie eines Mannes, der nirgendwo hingehört.
Diese Kunststück vollbrachte Anderson schon in There will be blood, dessen letztes Drittel aber doch zu instabil war. The Master ist die konsequente Verweigerung dieses Vorhabens und pulsiert bis zum Finale. Anderson schießt nicht auf gewohnte Oscar Punkte, kommt aber durch sein Renommee und die grandiosen Darsteller immer wieder in die Nominierungen. Der verquere Alltag der Sekte "The Cause" wirkt schleppend, aber seltsam ergreifend und wird wohl, durch seine epische Lethargie und der albernen Spinnerei nie ein all zu großes Publikum finden.
The Master ist natürlich in erster Linie der Film eines Paul Thomas Anderson. Die Handschrift ist unverkennbar, wenn auch nur in grober Hinsicht mit There will be blood vergleichbar. Ein inszenatorisches Meisterwerk, getragen von einem großartigen Soundtrack(wiederholt von Jonny Greenwood) und gespielt von einem unvergleichlichen Cast. Amy Adams ist sowieso immer wundervoll, gerade in dieser Entrüstung männlicher Gefühle, phallischer Freude und süffiger Macht, ist Amy Adams einfach eine Bank. Das zweite Drittel ist der bereits erwähnte Philip Seymour Hoffman. Eine seiner letzten und für mich persönlich seine beste Leistung. Eine wandelnde Performance, ein genialer Wechsel zwischen Crescendo und Ballade.
Der eindeutige Höhepunkt ist natürlich Joaquin Phoenix. Schon seine Stimme(unbedingt die dt. Synchro meiden) ist ein Genuss zwischen ungelenkem Gebrabbel und überzeichneter Verzweiflung, Die angestrengte Mimik, die Körperhaltung. Selten hatte man das Gefühl, dass ein Schauspieler wirklich Schmerzen bei den Dreharbeiten hatte. Vielleicht der beste Performance seit Tom Hardy's Bronson von 2008. Nicht wirklich auf einer Linie, aber die Hingabe von Phoenix ist ergreifend.
Fazit...The Master spaltete die Kritiker und das Publikum gleichermaßen. Der Plot, mit seiner dynamiklosen Verlaufskurve, die einzelnen Plotstücke, die langen Szenen und vor allem das große, nicht vorhandene Ziel des Filmes verlangt dem Zuschauer einiges ab. Ich schaue sehr viele Filme und über manche gibt es viel zu sagen, über die meisten fast nichts hängenbleibendes und die etlichen Gurken ringen meist keine Worte aus mir heraus. Aber The Master ist anders. Zum dritten mal machte ich nun meinen Blu-Ray Player an und fand endlich ein paar Worte, die so perfide im Film versteckt und vertrackt sind, das eine kurze "Ja der Film kann was" Besprechung einfach zu wenig ist.
Freddie Quell ist eine Figur, die den Ernst der Lage nicht erkennt...das ist eigentlich eine Gabe, die durchaus glücklich macht. Aber wieso viele Menschen in der Gesellschaft Aka Zoo Aka Käfig braucht ein Solches Individuum Führung und Strukturen, die ihn aber nicht erreichen. Ein trauriges Portrait...9.5