Paul Thomas Anderson ist ja nicht gerade für massentaugliche Film-Kost bekannt. THE MASTER macht hier keine Ausnahme, wenig dynamische und schwer zugängliche Narration, keine echte Aussage oder gar ein Statement zu "philosophischen Anführern" und deren Praktiken.
Kritiker und Publikum sind sich daher auch nicht einig, wie sie THE MASTER einzuschätzen oder gar zu bewerten haben. Unstreitig sind die grandiosen Leistungen der Darsteller, allein die Performance von Joaquin Phoenix sucht ihresgleichen, Körpersprache, Mimik und Sprache - absolut perfekt.
Im Mittelpunkt steht die (schwierige) Beziehung zwischen dem eher einfach gestrickten, impulsiven und scheinbar Instinkt-gesteuerten WW2-Veteran Freddie Quell und dem Philosophen und Gründer von "The Cause" (Der Ursprung), Lancaster Dodd.
Der Charakter des L. Dodd zeigt recht deutliche Parallelen zum Leben des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard. Dodd schart einen kleinen, treuen Kreis an "Gläubigen" und Förderern um sich, wobei offen bleibt, inwiefern er seine eigenen Thesen zur Gänze ernsthaft selbst glaubt, oder sie in erster Linie einsetzt, um sich über seine Förderer zu finanzieren und letztendlich zu bereichern.
Die Rollen innerhalb der Beziehung zwischen Quell und Dodd werden von Anderson aber nur vordergründig eindeutig zu gewiesen. Dodd manipuliert Quell mit seinen Methoden zwar sehr direkt, was dieser aber zumindest unterbewusst auf seiner Suche nach Orientierung auch zulässt. Der Kopfmensch Dodd wiederum scheint von dem Bauchmensch Quell aber auch angezogen zu werden und ihn für dessen triebhaftes Leben zu bewundern.
Anderson begeht bei der Entwicklung der Charaktere eine echte Gratwanderung, da Quell sich mehr und mehr mit seinen verdrängten Gefühlen auseinandersetzt, sodass der Eindruck entsteht, dass Anderson mit der manipulativen Strategie Dodds sympathisiert. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Quell am Ende tatsächlich den Bruch wagt, weil er auf Dodds Führung nicht mehr angewiesen ist.
Oftmals bleibt dem dominanten, teils cholerischen Dodd aber auch nur der rhetorische Rückzug, wenn er mit der Unsinnigkeit seiner Thesen konfrontiert wird. In diesen Momenten zeigt Anderson einen zutiefst verunsicherten "Sektenführer", der im Grunde genommen ein emotional und empathisch überforderter Mensch ist, der scheinbar selbst von seiner rational und resolut agierenden Frau Peggy aufgrund monetärer Motive gelenkt wird.
Natürlich liegt Anderson nichts ferner, als hier wirklich Stellung zu beziehen. Gerade das macht die Sperrigkeit und den Anspruch seiner Werke aus und fordert so vom geneigten Zuschauer sehr viel ab, dem dadurch aber jeglicher Spielraum für eigene Interpretationen geliefert wird.
9/10