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Tolstois Stoff um die titelgebende Protagonistin wurde schon unzählige Male verfilmt und anno 2012 präsentiert uns Joe Wright seine Version des Klassikers. Die Handlung dreht sich um allerlei Gefühlswirrwarr im Russland des Späten 19. Jahrhunderts; die verheiratete Anna verliebt sich in den schnieken Graf Wronsky, setzt ihre Ehe und ihren gesellschaftlichen Ruf mehr als nur auf's Spiel und ihr Mann ist davon freilich wenig begeistert.

Die epische Vorlage wurde ordentlich eingedampft, ließe sich aber sonst kaum in 130 Minuten Film quetschen. So wirkt das Gezeigte aber gehetzt, kann kaum in die Tiefe gehen und berührt oder ergreift nicht so, wie es wollte und wohl auch könnte. Der Nebenschauplatz um Konstantin und Kitty wirkt da sogar interessanter und bewegender. Glücklicherweise wurde das historische Setting beibehalten und auf einen Transport in die heutige Zeit verzichtet.

Licht und Schatten gibt es bei der Besetzung. Keira Knightley gibt die Anna nicht mit der zu erwartenden Reife einer gesellschaftlich höher gestellten Frau, wirkt mitunter unpassend, hat aber ebenso auch starke Momente zu bieten. Nur sollte man ihre knochige Hülle bitte nicht mehr in ein rückenfreies Kleid wuchten. Jude Law als ihr Ehemann bringt mit der ruhigen, und in dieser Art auch spannungsgeladenen, Darstellung eine anerkennenswerte Leistung, Aaron Taylor-Johnson als Annas love interest konnte mich da weniger begeistern. Die weiteren Nebendarsteller sind gut bis sehr gut besetzt und füllen ihre Rolle mit Leben.

Was den Film aber letztlich doch zu etwas Besonderem macht, ist seine Art der Inszenierung: Theatralisch im wahrsten Wortsinne, bietet ein Theater doch den Platz für viele Handlungsorte, die durch Türen oder Durchgängen miteinander verbunden sind. So sind es wenige Schritte von einem Büro zu einem Restaurant für die nächste Szene, wobei in Sekundenschnelle ohne Schnitt die Umgebung umgestaltet wird. So werden die Gänge über der Bühne zu belebten Straßen oder der Saal zum Zuschauerbereich einer Rennbahn. Viele Ideen, die auf solch einer Präsentation fußen, finden sich hier wieder und funktionieren optisch erstaunlich gut; womöglich auch als Synonym für das Spiel der oberen Klasse zu sehen.

Anna anno 2012 ist ein opulent ausgestattetes Werk, das mit Oberflächlichkeit zu kämpfen hat, dafür aber eben gut aussieht und klingt. Die Protagonistin schmeißt für die Liebe alles über Bord, der Regisseur hat sich zumindest in die Optik mehr als nur verguckt.

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