Manche Filme ziehen einen in ihren hypnotischen Bann und es gibt kein Entrinnen. Das schier epische Drama THE PLACE BEYOND THE PINE (im folgenden kurz: PINE), gehört absolut zu dieser Kategorie Film und aufgrund der unglaublich intensiven schauspielerischen Leistungen von Ryan Gosling, Bradley Cooper und Eva Mendez und anderen man wird man förmlich in die Handlung reingezogen. PINE ist Liebesdrama, Rachegeschichte, Bankraubfilm in einem und beinhaltet Stoff für mehrere Filme. Er besteht tatsächlich auch aus 3 Teilen, welche in Form eines Triptychons dramaturgisch sehr gut miteinander verzahnt sind und von 2 Vätern und ihren Söhnen handelt. Freunde des guten aktuellen parabelhaften Erzählkinos werden an PINE nicht vorbeikommen.
Ryan Gosling als Luke ist physisch wieder voll präsent, die Kamera ist ihm quasi hörig und gleich zu Anfang folgt sie ihm in einer beeindruckenden Szene ganz ohne Schnitt auf dem Weg zu seinem Job als Kirmes Motorradfahrer. Wer kann so gut aussehen mit durchlöchertem Shirt und Wasserstoffperoxid-Haaren? Er wird als Held von unten inszeniert, von der ersten Minute an, die laienhaften Tattoos zeugen davon, seine einfache Sprache. Auch der Soundtrack unterstreicht dies, Bruce Springsteens "Dancing in the Dark", Rock für die vermeintliche Arbeiterklasse. Ryan Gosling ist ähnlich cool wie in DRIVE und hatte uns auch davor in BLUE VALENTINE, ALL BEAUTY MUST DIE, IDES OF MARCH und einigen Filmen davor sehr überzeugt.
Die Rolle von "harte Schale, weicher Kern" wird von ihm wie in DRIVE vorexerziert erneut wieder erfolgreich zelebriert. Ihm fast ebenbürtig ist Eva Mendez die intensiv und sehr unselbstverliebt agiert. Eine große Überraschung ist auch Dane DeHaan als Jason, der Sohn von Luke. Bradley Cooper als sehr ehrgeiziger, aber glaubhafter Polizist Avery im Spannungsfeld des Einflusses seiner Kollegen füllt den zweiten Teil des Film mit weitaus weniger stylischen Elementen und etwas konservativer Filmsprache und längst nicht so emotionalen Elemente wie zuvor. Im dritten Teil, der laut Regisseur Cianfrance der hauptsächliche sein soll, die Teile 1 und 2 sind quasi Prologe, wird die Erzählung mit einem Zeitsprung von 15 Jahren generationsübergreifend zusammengeführt und dies stellt den Höhepunkt dar, der in fast epischer Form dargebracht wird.
Der sowieso schon starke Soundtrack von PINE wird am Ende noch durch düster-hypnotische Soundflächen getoppt. Die Geschichte, die über mehrere Familien bzw. Generationen erzählt wird, handelt von Schuld, Sühne und Vergebung zwischen diesen und welche Erblast Väter ihren Söhnen hinterlassen in Form von Rätseln was ihre vergangenen Spuren, Motivationen und wahren Gesichter angeht. In Form einer dramaturgischen Zuspitzung versteht es PINE geschickt den Bogen vom Ende zum Anfang zu spannen und beschert uns eine große Perle des zeitgenössischen Erzählkinos. Auch wenn Unvorhersehbarkeit im Rahmen der Geschichte nicht zu den Stärken des Films gehören, diese werden aber durch Atmosphäre, Dramaturgie und Kameraführung mehr als kompensiert.
Weitere Details und Verknüpfungen werden hier nicht ausgeführt, es soll keine Wiedererzählung des Films stattfinden. PINE ist ein Abgesang auf den amerikanischen Traum wie er als Film nur aus Hollywood kommen kann, aber gleichzeitig bewegt er sich recht weit von den üblichen Traumfabrik-Klischees. Die Überlänge von fast zweieinhalb Stunden bewältigt PINE nicht ohne kleine Geduldsproben im Mittelteil, aber das Vater-Sohn-Drama setzt Maßstäbe und lässt jüngste Filme mit Vater-Sohn Elementen wie AFTER EARTH wie einen Kinderfilm erscheinen. "The Place beyond the Pine" ist die Übersetzung von "Schenectady", dem aus dem Irokesischen stammenden Namen einer Kleinstadt im Bundesstaat New York.
Selten hat man in einem Film einen so umfassenden Eindruck von Handlungen und ihren Auswirkungen und Folgen auf kommende Generationen bekommen. Wenn auch nicht vollends perfekt, schrammt der Film in seiner Mischung von Verstörung und Berührung, der perfekten Kameraarbeit und dem Soundtrack nur knapp an dem vielstrapazierten Begriff "Meisterwerk" vorbei. Mit PINE Regisseur Derek Cianfrance hat Gosling zuletzt bei dem guten BLUE VALENTINE zusammengearbeitet. Es war auch dessen erster Film mit dem er aus dem Rampenlicht getreten ist. Mit PINE tritt er auf die Bühne des großen Erzählkinos und hat sich für weitere Projekte eindeutig empfohlen.
8,5/10 Punkten