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Das Comedy-Kombinat „Studio Braun" schickt sich an die deutsche Komödie zu retten - mit beachtlichem, aber auch durchwachsenem Ergebnis. Im Stile einer Mockumentary geben sie die Techno-Pioniere „Fraktus" auf Comebacktour. Dabei unterläuft die schauspielerische Leistung sowie die szenische Inszenierung den dokumentarischen Ansatz des Films ein ums andere Mal. Das führt in Summe auch dazu, dass der abseitige Studio-Braun-Humor dem Film letztlich eher im Weg steht als nützt. Was ganz groß hätte werden können, bleibt so immerhin eine teils brachiale, teils feinsinnige, aber jederzeit liebevolle Musik-Komödie mit schön ausgedachten Figuren.

Sie gelten als Urväter des deutschen Technos. Anfang der 1980er-Jahre stand die Elektro-Band „Fraktus" kurz vor ihrem endgültigen kommerziellen Durchbruch, nur um sich dann über Nacht in ungeklärten Umständen aufzulösen. Der ehrgeizige Musikmanager Roger Dettner (David Striesow) sieht das Potenzial und spürt -begleidet von einem Kamerateam- Torsten Bage (Heinz Strunk), Dirk Schubert (Rocko Schamoni) und Bernd Wand (Jaques Palminger) uf. Bei ihrem geplanten Comeback stehen dem Trio nicht nur schmierige Musikmanager und Produzenten, sondern vor allem sich selbst im Wege.
Der Beginn des Films ist gleichzeitig seine größte Stärke und ganz ehrlich- wenn ein Streifen H.P. Baxter von Scooter in der allerersten Einstellung hat, kann er nicht wirklich schlecht sein. Im Stile einer Musik-Doku lässt der Film detailverliebt und pointiert die kurze fiktive Karriere des Trios Anfang der 1980er-Jahre Revue passieren. Vom Gründermythos im Zuge der AKW-Proteste in Brokdorf, über die kurze Phase als Geheimtipp in der Hamburger Musikszene, bis zum künstlerischen Sellout beim Major-Label Ariola Express, der schließlich zur spektakulären Trennung 1983 führt - Die liebevoll gefakten Originalaufnahmen früherer Fraktusauftritte werden virtuos in Zeitdokumenten geschnitten. Komplettiert wird diese Sequenz standesgemäß mit Interviewstatements höchst realer Musikgrößen wie Jan Delay, Dieter Meier (Yello), Blixa Bargeld und dem eingangs erwähnten Hans-Peter Baxter, die -sich selbst spielend- die immense Bedeutung von Fraktus für die Musik und ihre eigene Karriere betonen dürfen. Diesem sehr stilsicheren gut beobachteten und vollkommen überzeugenden Prolog folgt der Sprung in die Gegenwart und der Beginn der Haupthandlung - und damit der tendenziell problematische Teil des Films.
Es entspinnt sich in der Folge eine Film, der sich vor allem nicht richtig entscheiden kann. Komödie oder Satire, Mockumentary oder klassischer Spielfilm. Satirisch genügt sich der Film weitestgehend darin die Musikindustrie als Ansammlung egozentrischer Ausbeuter darzustellen, in der die durch und durch naiven Künstler fast zwangsläufig unter die Räder kommen müssen. Soweit, so wenig Neues. Darüber hinaus wird die Handlung bewusst unterbrochen, wenn der fiktive Regisseur des Films besonders prägnante Momente mehrmals wiederholen lässt, bis sie seinen filmischen Ansprüchen genügen. Diese nette Idee eines satirischen Seitenhiebs auf das Genre der vermeindlich authentischen Spielfilm-Dokumentation wird allerdings zweimal zu oft strapaziert und spätestens bei der dritten Wiederholung wirkt es schal. Als Komödie funktioniert der Film weitgehend tadellos, bezieht er seinen Humor weniger aus der satirischen Auseinandersetzung mit seinem Sujet, sondern vielmehr aus den titelgebenden Charakteren und ihren Manierismen. Diese gestalten die Jungs von Studio Braun in der gewohnten Mischung aus brachialem Wahnwitz und feiner Beobachtungsgabe. Sei es der cholerische Ex-Drummer und Kotzbrocken Torsten Bage, der als Produzent von Ballermann-Hits wie „Geilianer" als einziger dem Musikbusiness treu geblieben ist und schwer tätowiert aber insgeheim totunglücklich auf seiner Nobel-Finka auf Ibiza hockt. Oder der gutmütige, aber leicht unterbelichtete Sänger von Fraktus, Dirk „Dickie" Schubert, der in seinem zweiten Leben eine eher trostlose Existenz als Internetcafe-Betreiber fristet und generell für jeden Spaß zu haben ist. Komplettiert wird das Trio von dem sensiblen Hypochonder Bernd Wand, dem exzentrischen Genie hinter Fraktus, der mit Hitlerbärtchen und Extremstscheitel bei seinen Eltern im Optikerladen arbeitet und mit ihnen aus purer Verzweiflung die Band „Fraktus II" gegründet hat. Diese Charaktere wirken für sich -bei aller notwendigen Übertreibung- glaubhaft und nachvollziehbar. Vor allem Während der Charaktereinführungen ist das Geschehen auch ziemlich komisch geraten, etwa wenn der hypochondrische Bernd Wand, von seinen eingebildeten Leiden erzählt.
  Sobald die Band-Charaktere aufeinander losgelassen werden, beschränkt sich ihr Spiel zudem in semikomischen Kabbeleien und sich wiederholenden Vorhaltungen -in diesen Situationen tritt der Film nicht nur inhaltlich auf der Stelle, hier wurde auch ein beträchtliches Konfliktpotenzial einfach liegengelassen. Einen wesentlicher Plotpoint spart der Film sträflicherweise komplett aus. Es scheint allen Beteiligten geradezu egal zu sein, warum sich Fraktus 1983 urplötzlich aufgelöst haben. Als Höhepunkt der Vorgeschichte und Auslöser der Gegenwartshandlung schwingt diese Frage aber über der gesamten Handlung. Unverständlich, dass die Macher eine Thematisierung komplett verweigern, denn auch hier bleiben einige offensichtlichen Konflikt- sowie komisches Potenzial einfach ungenutzt.
Ansonsten orientiert sich das Skript an der typischen Dreiaktstruktur, die sich hier um die Eckpfeiler „Wiedervereinigung", „Absturz" und „Auferstehung" dreht. Manche Plot-Entwicklungen kommen dabei mehr oder weniger aus dem Nichts statt -wie eigentlich notwenig- aus der Handlung und wirken folglich etwas konstruiert. Gerade die finale Läuterung der Helden durch Dettner, inklusiver pathetischer Hauruckrede, wirkt wenig nachvollziehbar und obendrein stilistisch wie ein Fremdkörper innerhalb des Films.
Als echte Fehlbesetzung entpuppt sich Devid Striesow („Napola" (2004), „Der Untergang" (2005), „Die Fälscher" (2007)), der als Roger Dettner sogar die meiste Screentime abbekommt. Sein Musikmanager, der die Reunion von Fraktus anzettelt, ist nicht nur in der Grundanlage uninspiriert geschrieben (manipulativer und überehrgeiziger Egoist entwickelt sich aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen zur Seele der Band), sondern wird auch weitestgehend schwach gespielt. Bei Striesow merkt man stets den Schauspieler, der versucht, seinen Charakter natürlich wirken zu lassen. Zudem mangelt es ihm an dem komödiantischen Timing eines Christoph Maria Herbstes, der in seiner vergleichbaren Stromberg-Rolle deutlich pointierter daherkommt.
„Fraktus" ist immer dann am besten, wenn er seine fiktiven Charaktere auf die vermeindliche Realität prallen lässt. Ein Highlight ist hierbei der Auftritt von U96-Veteran Alex Christensen, der sich selbst spielend, die Seele von Fraktus kalt lächelnd zum Abschuss freigibt, indem er binnen weniger Minuten aus einem subversiven Hit, massenkompatiblen Einheitsbrei kocht... oder wie er es formuliert „Das Lied näher an den Hit bringt." Diese Momente werden, vor allem nach dem furiosen Start mit anderen realen Musikpromis schmerzlich vermisst. Da das Drehbuch einfach zu wenig geniale Momente aus dem Zusammenspiel der drei Bandmitglieder schöpft hätte eine ganze Portion weniger Fiktion und mehr reale Charaktere dem Film definitiv gut getan.
Schließlich bleibt „Fraktus" ein zwiespältiges Erlebnis. Auf der Habenseite steht eine sehr amüsante Eingangssequenz und eine detailversessene Charakterisierung der drei Fraktusmitglieder sowie ein paar brüllend komische Einzelszenen. Auf der anderen Seite stehen stereotype , mitunter fehlbesetze Figuren, einige Gags, denen man anmerkt, dass der ganze Film seit über zehn Jahren in der Realisation befindet, ein etwas zäher zweiter Akt und eine unentschlossene Regie (Lars Jessen „Hochzeitspolka", „Dorfpunks") die ihren Mockumentary-Ansatz immer wieder selbst torpediert. Für Kinder der musikalischen 1980er Jahre und Freunde des abseitigen Humors trotzdem empfehlenswert, aber ein zweites „This is Spinal Tab" (1984) ist leider nicht draus geworden.
Daran werde ich mich erinnern: Bernd Wand hat Kongozunge.

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