Als Phillipe Labro 1971 "Sans mobile apparent" (wörtlich "Ohne offensichtliches Motiv") inszenierte, befand er sich damit auf der Höhe der Zeit und vereinte eine Vielzahl von Stilrichtungen in seinem Film. Sein Drehbuch war nach einem Roman des amerikanischen Autors Evan Hunter (Originaltitel "Ten plus one") entstanden, der selbst viele Drehbücher verfasst hatte - darunter zu "The birds" (Die Vögel, 1963) von Alfred Hitchcock - worin Labros Vorliebe für die USA und deren Kriminalfilme deutlich wurde. Diese wiederum verband ihn mit Jean-Pierre Melville, mit dem er befreundet war, und dessen ästhetischer Einfluss in der nach Nizza an die französische Mittelmeerküste versetzten Handlung ebenfalls spürbar wird, wie schon an dem voraus gesetzten Zitat von Raymond Chandler ersichtlich wird.
Neben diesem französisch - amerikanischen Konglomerat ergänzte Labro seinen italienisch co-produzierten Film noch mit Stilelementen des Poliziesco, unterstützt von dem Drehbuchautor Vincenzo Labella. Auch die beeindruckende Besetzung weiblicher Stars setzte sich gleichberechtigt aus den französischen Darstellerinnen Dominique Sanda und Stéphane Audran sowie den Italienerinnen Carla Gravina und Laura Antonelli zusammen. Wie auch Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant zuvor schon in einer Vielzahl italienischer Filme ("Il silenzio"(Leichen pflastern seinen Weg, 1968), "Il sorpasso" (Verliebt in scharfe Kurven, 1962)) mitgewirkt hatte.
Diese Mischung unterschiedlicher Stile ließ "Sans mobile apparent" zu einem ungewöhnlichen Film werden, dessen Ästhetik die manchmal unfertig wirkende Story in den Schatten stellt. Während einige Szenen in ihrer stylischen Inszenierung die Kälte des Mordens mit einem Präzisionsgewehr genau wiedergeben - ein Eindruck, der von Ennio Morricones Filmmusik noch verstärkt wird - wirken die Charakterisierungen der Protagonisten nicht zu Ende gedacht. Das gilt auch für Stéphane Carella (Jean-Louis Trintignant), dem ermittelnden Polizeioffizier, dessen Charakter als knallharter, die Polizeiregeln sehr frei interpretierender Verfolger an den Poliziesco erinnert, dessen manchmal kindlichen Ausbrüche und seine Beziehungen zu den Frauen aber nicht näher betrachtet werden.
Gleich zu Beginn, als er sich mit Jocelyne Rocca (Carla Gravina) gemeinsam auf dem Schiff nach Nizza befindet, steht er plötzlich auf und richtet seine Pistole albern gen Himmel, Schüsse vortäuschend. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Betrachter noch nicht, dass er mit Jocelyne einmal eine Beziehung hatte, die er vor einiger Zeit beendet hatte, aber auch im weiteren Verlauf erfährt man keine Details dazu, obwohl Jocelyne ebenfalls im Fadenkreuz des Täters zu stehen scheint. Allein in dieser Konstellation steckte genügend Komplexität für den gesamten Film, aber „Sans mobile apparent“ beließ es bei wenigen, kühl inszenierten Momenten angedeuteter Emotion. Trotzdem bleibt die Figur des Carella der überzeugendste Charakter des Films, weniger dank des Drehbuchs als dem variablen Spiel Trintignants, in dessen Blick immer auch ein wenig der Wahnsinn des manischen Verfolgers zu spüren bleibt.
Die Grundlage der Story, die von Morden an Menschen erzählt, die am helllichten Tag von einem Scharfschützen erschossen werden, ohne das es ersichtlich wird, was diese Personen miteinander verbindet, ist viel versprechend, aber Phillipe Labro verhebt sich ein wenig bei dem Versuch, zu viele weitere Komponenten zu integrieren. Neben dem klassischen "Who done it?" stehen die einzelnen Opfer für diverse Gesellschaftsgruppen - der reiche Geschäftsmann mit der angeblich glücklichen Ehe, dessen Stief - Tochter (Dominique Sanda), die eine Beziehung mit dem Fernsehmoderator Julien (Sacha Distel) hat, der angeberische Architekt Barroyer (Alexis Sellan), der geschäftstüchtige Astrologe Hans Kleinberg (Erich Segal), der alternde Theaterregisseur und die junge Arzthelferin - deren Lebensumstände meist nur angerissen werden, obwohl einige davon sehr interessant sind.
Über allem schwebt ein Hauch Gesellschaftskritik, gibt es Anlehnen an die aktuellen politischen Ereignisse der Zeit, wenn etwa Carella das „Anarchie“ - Zeichen auf sein Cabriolet gemalt wird, zeigen sich Verdrängung, Skrupellosigkeit und Egoismus im Charakter der Protagonisten, auch in der Haltung des Polizeichefs, dem es nur um eine schnelle Aufklärung mit den üblichen Verdächtigen geht, womit er Carellas Arbeit eher behindert. Doch diese kritischen Ansätze bleiben so oberflächlich, wie die Lösung letztlich fast profan scheint, ohne sich dem Täter näher zu widmen, dessen Motive durchaus komplexer Natur sind und auch die Selbstjustiz-Thematik streifen. Möglicherweise reichte Anfang der 70er Jahre allein schon der Auslöser des Dramas, um die Betrachter angemessen zu schockieren, aber das ändert nichts daran, das Labros Film seine vielen Möglichkeiten nicht nutzt und einen inhomogenen Eindruck hinterlässt.
"Style over substance" wäre der nahe liegende Begriff aus heutiger Sicht, aber das greift zu kurz. Nicht nur die Ästhetik der Inszenierung und die Musik Morricones bestimmen das Geschehen, auch die Darsteller sind durchgehend sehr gut und lassen Abgründe in ihren Charakteren erkennen, ohne das Labro ins Moralisieren verfällt, aber der Film wechselt zu schnell zur nächsten Szene, beim Versuch seiner großen Darstellerschar gerecht zu werden. "Sans mobile apparent" ist unterhaltend und spannend, vermittelt ein genaues Bild des damaligen Zeitgeistes, deutet aber eine mögliche Tiefe innerhalb der Story an, die er nicht umzusetzen in der Lage ist. (7/10)