Mit seinem Tarantino-artigen Langfilmdebüt „In Bruges“ hatte Martin McDonagh Eindruck hinterlassen. In eine ähnliche Schublade wird sein Nachfolgefilm „7 Psychos“ auch gern gesteckt, obwohl McDonagh hier schon etwas andere Wege geht.
Auch hier geht es um Gangster, coole Sprüche, Marotten, Mord und Totschlag, allerdings gefiltert durch einen selbstreflexiven Ansatz. Denn der gefeierte Romanautor Marty (Colin Farrell) soll ein Drehbuch über sieben Psychopathen schreiben, wobei sich schon bald die Ebenen der intradiegetischen Realität und von Martys Drehbuchideen überschneiden. Einblendungen erinnern immer daran, welcher Psychopath gerade neu hinzu gekommen ist, doch dabei vermischen sich die Kategorien. Ein Jack of Diamonds genannter Killer etwa, der Gangster über den Haufen ballert und dort Spielkarten erlässt, geht beispielsweise tatsächlich um, findet sich aber auch in Martys Script wieder.
Zur Inspiration dienen auch die Geschichten seines Kumpels Billy (Sam Rockwell), der zwar viel Enthusiasmus an den Tag legt, sonst aber eine kleine Nummer ist. Gemeinsam mit seinem Chef Hans (Christopher Walken) hat sich Billy auf das Kidnappen von Hunden spezialisiert, die dann für einen saftigen Finderlohn ihr rechtmäßigen Eigentümern zurückgibt. Doch Billy, der arbeitslose Schauspieler, und Hans, der alte Mann mit der krebskranken Gattin Myra (Linda Bright Clay), begehen einen Fehler, als sie den Shi Tzu des Gangsterbosses Charlie (Woody Harrelson) entführen. Der ist nämlich der dritte Psycho des Films (nach dem Jack of Diamonds und einem Quäker-Psycho, den Marty in sein Drehbuch schreibt), wie uns die entsprechende Einblendung erklärt.
Da die Dognapper keine großen Profis sind, kommt ihnen Charlie bald auf die Schliche. Marty, der über ein Zeitungsinserat Billys weitere Psychos zwecks Recherche kennenlernt, wird mit in die Sache gezogen und muss mit Hans und Billy vor Charlies Zorn fliehen…
Mit seinem hadernden Drehbuchautor, der inmitten einer Mordserie schreibt, hat „7 Psychos“ etwas von „Barton Fink“, schrille, modernde Gangster mit coolen Sprüche sind seit jeher das Terrain von Tarantino und seinen zahlreichen Epigonen. Als selbstreflexiver Genrefilm vor Hollywoodkulisse erinnert „7 Psychos“ allerdings am ehesten an „Kiss Kiss, Bang Bang“, wobei dieser Vergleich auch schnell die Unterschiede und damit auch die größte Schwäche von McDonaghs Film herausbringt: War „Kiss Kiss, Bang Bang“ ein stringenter Metafilm über Film Noir und Buddy Cop Movies, so ist „7 Psychos“ vor allem eine Ansammlung cooler Ideen, der die Ebenen von Fiktion und innerfilmischer Realität nach Belieben zusammenschmeißt, damit der nächste Gag, die nächste zitatwürdige Situation, der nächste Verweis auftaucht: Vom Schicksal des Zodiac-Killers kommt urplötzlich zu den Mönchen, die sich aus Protest gegen den Vietnamkrieg selbst verbrannten, von einem Killer mit Faible für weiße Kaninchen zu dem Quäker, der sich selbst die Kehle durchschneidet um den Mörder seiner Tochter noch in der Hölle verfolgen kann.
Das ist wenig stringent, der Mainplot eher eine Folie für den Ideenreichtum, bei dem die Handlung schon mal durch begrenzt motivierte Figureneigenschaften angekurbelt werden muss, etwa wenn Billy aus Geltungssucht den Konflikt mit dem psychopathischen Gangsterboss noch weiter eskalieren lässt. Doch genau diese Sprunghaftigkeit provoziert immer wieder denkwürdige Augenblicke: Etwa wenn Billy ein großes Shoot-Out mit quasi allen Figuren (egal ob real oder imaginiert) in Martys Script schreiben will, was der Film dann auch knallig visualisiert. Manchmal verbindet das Drehbuch bisher unabhängige Erzählstränge auf unerwartete Weise, während das Sammelsurium von Psychos schon die Grundidee ab absurdum führt: Vom Auftragskiller über den cholerischen Gangsterboss bis zum wahnhaften Serienmörder kann die Betitelung als Psychopath alles bedeuten, wie soll man dann sieben davon unter einen Hut bekommen? „7 Psychos“ verzichtet bewusst auf eine Antwort.
Insofern hat die Sause dann trotz mangelnder Stringenz zwei Vorteile. Der eine ist das Ensemble. Colin Farrell als Drehbuchautor, der wie Barton Fink etwas Anderes, etwas Wahres schreiben will, daran fast verzweifelt und dazu noch von jedem hereingeredet bekommt, ist schon eine Schau und der sonst oft als Raubein und Actionheld besetzte Ire spielt das mit Freude und Facettenreichtum. Ähnlich gut ist Sam Rockwell als Großmaul, während der altehrwürdige Christopher Walken noch eine Nummer besser ist und ein Szene hat, die an seine „True Romance“-Rolle erinnert (so viel Tarantino-Tribut musste dann wohl doch sein). Ähnlich groß ist Woody Harrelson als Wüterich, während Harry Dean Stanton und Tom Waits den Film in Minirollen veredeln. Weitere bekannte Gesichter sind Michael Stuhlbarg, Michael Pitt und Kevin Corrigan. Schlecht getroffen haben es dagegen Abbie Cornish und Olga Kurylenko, die als weibliche Staffage vom Drehbuch nicht wirklich etwas zu tun bekommen – die einzige Frauenrolle mit gravitas bleibt Linda Bright Clay reserviert, was diese dankbar nutzt.
Zweiter Vorteil ist das Zusammenspiel ebendieser Akteure, denen das Drehbuch immer wieder pointierte Sätze in den Mund legt oder Raum für sonstige amüsante Interaktionen lässt, gerade wenn Billy als Laie das Drehbuch Martys beeinflussen will und dabei genau den Film schreiben, den Marty nicht machen möchte. Sogar für ein paar ernstere Szenen ist Platz, gerade wenn es um Myra geht oder wenn Charlie nicht einfach nur als cholerisches Dummbrot, sondern auch noch als Mensch dargestellt wird. Hin und wieder leistet sich das Drehbuch allerdings auch Aussetzer: Ein Charakter, der seine Geliebte abknallt, weil sie gerade zickig ist, taugt danach kaum noch als Identifikationsfigur.
Es ist nicht so als würde „7 Psychos“ von einer stringenten Idee getragen, vielmehr ist McDonaghs Film eine Farce, die durch vogelwilde Assoziationen, gelungene Einzelideen und das gut aufgelegte Ensemble über die Laufzeit getragen wird. Nicht immer auf dem Niveau der Vorbilder, nicht immer so clever wie vielleicht gedacht, aber doch mit genug Laune und Tempo gesegnet, dass ich wohlwollende 6,5 Punkte dafür vergebe.