Wenn die Zeit alles zerstört hat,
nichts mehr heilbar scheint und die Welt rückwärts läuft, habt ihr euch entweder Gaspar Noe´s Irreversible in den DvD-Player gelegt oder befindet euch gerade selbst in einem Alptraum.
Irreversible zeigt uns einen Tag der drei Hauptdarsteller Alex (Monica Bellucci), Marcus (Vincent Cassel) und Pierre (Albert Dupontel). Der Film beginnt fast schon romantisch, aus einer Spirale die sich wie irre dreht, entspringt folgendes Bild:
Alex liegt auf einer Wiese und genießt den Sonnenschein.
Später erwacht Alex mit ihrem neuen Freund Marcus im Bett. Alles ist sehr liebevoll und fast schon schön. Damit meine ich die ganze Umgebung in der sich die Beiden gerade befinden. Sie räkeln und liebkosen sich im Bett, machen Späße wie: soll ich es dir in den Arsch besorgen (die wenn der Vorspann gelaufen ist eher als groteske durchgehen) und lassen es sich gut gehen. Sie haben vor, sich mit Alex´s Exmann zu treffen und noch am gleichen Abend eine Private Fete von Bekannten/Freunden zu besuchen. Sie ziehen los, sammeln Pierre auf und steigen in die Bahn.
Die nun folgende Szene (Unterhaltung in der U-Bahn) zeigt uns die enorm reale Darstellung der Charaktere und des gesamten Werkes von Gaspar. Sämtliche Personen die in Irreversible vorkommen könnten irgendwo aus Eurer näheren Umgebung stammen, was man sehr deutlich am Verhalten der Darsteller sehen kann. Das fröhliche Trio quatscht völlig ausgelassen und frei über dies und das, lachen und haben Spaß.
Auf der Party angekommen lassen die drei erstmal richtig die Sau raus. Marcus kann es nicht lassen und unterstützt seinen Partywahn mit Drogen. Die wunderschöne Alex tanzt in einem Kleid, welches aus einem Hauch von nichts besteht und sie von allen anderen Damen im Raum deutlich abhebt. Pierre der sich noch immer sehr verbunden mit Alex fühlt spricht Alex an und fragt sie (nicht wörtlich) mit was für einem Raufbold sie sich denn jetzt abgegeben hat (Marcus ist gemeint). Sie lacht und übermittelt Pierre, dass sie genau einen solchen Mann jetzt an ihrer Seite gebrauchen kann. Aus meiner Sicht eine typische Frauensache. Der Mann muss immer zur derzeitigen Verfassung der Frau passen. (Naja).
Sie sucht jetzt einen starken, charismatischen vielleicht etwas chaotischen Menschen an ihrer Seite. Und diese Attribute passen nicht wirklich auf den kleinen Pierre. Als Marcus sich an den Partygästen vorbeitanzt und sich bei Alex und Pierre eingefunden hat bemerkt Alex sofort, das Marcus Drogen konsumiert hat worauf sie nicht gerade begeistert reagiert. Sie flüchtet mehr oder weniger von Marcus in das zweite Stockwerk des Hauses und begrüßt eine gute Freundin von ihr. Der unersättliche Marcus aber lässt nicht locker und tanzt Alex erneut an und sagt, dass sie sich richtig gehen lassen soll. Doch Alex reagiert auf den ziemlich geputschten Marcus eher abweisend und beschließt die Party zu verlassen.
Alex steht am Straßenrand und überlegt sich welchen Weg sie nun einschlagen soll. Eine Frau spricht sie an und rät ihr den Tunnel zu nehmen, da es auf der Straße zu gefährlich sei für eine solch hübsche Frau. Alex folgt ihrem Rat und begibt sich in den Tunnel.
Im Tunnel angekommen sichtet Alex eine Frau, die mit einem kleinen fiesen Typen der wie es sich später herausstellt „der Bandwurm“ genannt wird, auf sie zukommt. Sie beobachtet wie der Bandwurm die noch unbekannte Frau schlecht behandelt und ahnt nichts Gutes. Die Frau kann sich von ihm lösen und läuft davon. Alex nimmt noch mal all ihren Mut zusammen und geht weiter, so als lasse sie sich von nichts irritieren oder aus der Fassung bringen. Doch der Bandwurm hat einen anderen Plan für die Auslegung seines Abends. Er drängt Alex an die Tunnelwand und belästigt sie. Mit gezücktem Messer bedroht er Alex und stößt sie schließlich zu Boden. Er vollzieht an Alex das wohl schlimmste Verbrechen auf Erden. Er vergewaltigt Alex und als sei dieses nicht genug, prügelt und tritt er sie ins Koma. Die Zeit zerstört alles!
Marcus und Pierre verlassen die Party und gehen die Straße hinunter. Der Partyhengst Marcus ist noch völlig in Stimmung das Nachtleben zu erforschen, doch alles kommt anders. Auf dem Weg sehen sie einen Krankenwagen und einige Leute am Straßenrand stehen. Marcus und Pierre werden Zeuge wie Alex vollkommen entstellt zum Krankenwagen geschoben wird. Sie glauben ihren Augen nicht und die Stimmung schwängt um in völlige Verzweifelung. Da Alex so schnell wie möglich ins Krankenhaus muss werden die beiden jetzt schon völlig zerstörten auf der Straße zurückgelassen. Unterwegs treffen sie ein Männliches Duo, das eine Geldbörse in der nähe vom Tatort gefunden hat. Sie glauben den Täter (der Bandwurm) ausfindig machen zu können. Pierre und Marcus beschließen (ihnen bleibt nicht viel übrig) den beiden Männern zu folgen. Sie befragen einen Straßenstrich und geraten so an die Frau, die zuvor im Tunnel vom Bandwurm persönlich belästigt wurde. Nachdem Marcus seinen Tonfall deutlich in Wut, Verzweiflung und Stress umarten lässt rückt diese endlich mit dem derzeitigen Standpunkt des Bandwurmes heraus. Er soll sich in einem Schwulenclub namens Rectum aufhalten.
Nach einigen Befragungen gelangen sie endlich an das Ziel ihrer Reise. Im Rectum angekommen stampfen die beiden durch die Schwulenkaschemme. Jeder sich hier selbst befriedigende oder in einer wilden Orgie befindende Homosexuelle wird von Marcus förmlich ausgequetscht und befragt: Wo ist der Bandwurm? Auf der Reise durch das Rectum werden wir von Thomas Bangalters Hammerscore und der pervers kranken Kamerafahrten von Noe begleitet. Das weis zu gefallen, denn was sich der Regisseur hier einfallen lassen hat ist unübertrefflich. Die Kamera steht während der gesamten Szene nicht einmal still, verharrt sich nur ab und zu bei bestimmten Szenen für eine kurze Sekunde. Bangalters (aus der Band Daft Punk) Score pumpt hier massig Adrenalin in die Venen von Marcus, Pierre und den Zuschauer. So etwas wildes habe ich noch nie in einem Film gesehen. Dann aber findet Marcus heraus in welchem Raum des Rectums sich der Bandwurm befindet. Er stürmt den Raum und pöbelt einen Mann an der mit einem anderen etwas separater von der restlichen Masse an Homosexuellen steht. Doch wie wir (der Zuschauer) bemerken ist es nicht der Bandwurm der von Marcus angepöbelt und schließlich eine Flasche auf dem Kopf zerschlagen bekommt, sondern die Liebschaft des Vergewaltigers. Dieser bekommt Marcus klein und wirft ihn zu Boden, stürzt sich auf ihn und bricht Marcus den Arm wie ein Förstner einen Ast eines absterbenden Baumes. Der aufgebrachte Marcus ist völlig aus dem Verkehr gezogen und droht von dem angeblichen Vergewaltiger anal vergewaltigt zu werden. Pierre der einem Abfallbündel menschlicher Überreste gleicht (da völlig fertig mit der Welt) schnappt sich einen Feuerlöscher und mutiert zu einem Inferno. Er stanzt den Kopf des Mannes ein. Er prügelt minutenlang auf ihn ein und genau bei dieser bestialischen Rachetat steht die Kamera fast still und hält voll aufs Geschehen drauf. Die Kamera begleitet jede Bewegung von Pierre aufs genauste. Holt Pierre zum nächsten gezielten Schlag mit dem Feuerlöscher aus knickt die Kamera förmlich ein oder schwingt mit Pierre mit.
Beim Todesakt schaut niemand weg. Vielleicht auch eine Anspielung von Mister Noe auf die kaputte Gesellschaft. Auf jene Menschen die neugierig und schaulustig dabei zusehen wie (zB. Bei einem Unfall) andere Menschen zu Grunde gehen. Wer weis? Am Ende des Streifens wird Marcus selbst in einen Krankenwagen geschoben und der völlig verstöhrte Pierre weis nicht einmal mehr was er sagen soll. Völlig leblos und zerstört steigt er zu Marcus in den Krankenwagen.
Nun noch etwas interessantes für alle eingefleischten Noe und Philippe Nahon Fans. Die Kamera wirbelt sich langsam auf ein Gefängnis oder eine Anstalt für Männer zu. Sie schwingt sich durch ein Fenster in einen kleinen winzig wirkenden Raum in dem sich der Metzger aus „Carne“ und „Menschenfeind“ und ein anderer Mann befindet. Der Film beginnt nun mit den Worten „Die Zeit zerstört alles“! Ja ihr hört richtig, der Film beginnt…
Irreversible wird rückwärts erzählt.