Von einer "Schwulenbar" (u.a. Süddeutsche Zeitung) war hie und da sogar die Rede, in die uns Gaspar Noé zu Beginn seines Filmes entführe. Ihr Name: "Le Rectum". Ich würde eher behaupten, in "Irreversibel" müssen wir in nichts Geringeres als in den After von Paris kriechen, in einen dreckigen, schwitzenden, geilen Organismus homosexueller Sensationen. Sein Credo: Mann gegen Mann. Mann in Mann. Oder einfach nur zuschauen und wichsen. Dort schlägt das Herz einer geschlossenen barbarischen Parallelfickgesellschaft. Eine gefühlte halbe Stunde, auch wenn es tatsächlich nur einige Minuten sind, irrt die Kamera orientierungslos und Pirouetten schlagend, aber doch irgendwie virtuos durch diesen analen Alptraum, in drückender Schwüle und manchmal stroboskopisch flackerndem Rotlicht. Vorbei an Sadomasochismus und Penissen. Noch dazu pulsiert, wie zum Verrücktwerden, permanent ein hypnotischer Sound, als würde er diesem archaischen Darmtrakt sein Blut zuführen.
Ob er will oder nicht, der Zuschauer wird in die animalische Dunstwolke gezerrt. Er kann sich Trieb und Aggression nicht entziehen und wird gezwungen, einem Gladiatorenkampf zweier Männer beizuwohnen. Doch der eigentliche Kampf ist kurz, scheint entschieden, als eine Gestalt einer anderen den Arm wie einen Ast bricht und zur rektalen Penetration ansetzt. Aber dann rammt jemand dem Armbrecher plötzlich einen Feuerlöscher ins Gesicht. Hammer schlägt auf Amboss. Immer wieder, immer wieder. Dann kurzes innehalten. Und wieder rein damit in die Fresse. Bis schließlich nur noch eine unkenntliche Materie aus Blut und zersplittertem Knochen zu sehen ist, die vor einer Minute noch ein Mensch war.
Wirklich befremdlich wird die Szene jedoch erst durch die umstehenden Sadomasochisten, die freudig und geil dreinblicken, und ein "Bravo!", das man im Hintergrund aus ihrem Kreise zu vernehmen glaubt. Und man weiß damit irgendwie nichts Rechtes anzufangen. Nach der tiefen, gemeinen Sirene auf der Tonspur und den immerfort zappelnden, rotierenden Bildern ist man des Gleichgewichts vorübergehend beraubt. Die Wahrnehmung ist unscharf. Wie irreal ist diese Welt; diese Welt, die den Homosexuellen in ein zweifelhaftes Licht rückt, ihn zum Tier degradiert; die zwei zwielichtige Typen ausspeit, nur existierend, um Marcus (der mit dem gebrochenen Arm) und Pierre (der mit dem Feuerlöscher) an ihr naturgegebenes Recht auf Rache zu erinnern; diese Welt, in der intimer Gesprächsstoff in der Metro ausdiskutiert wird; und in der am Ende gänzlich kontrastreich eine Postkartenidylle blüht, die an einem herrlichen Sommertag die in einem Buch lesende Alex, Marcus’ Freundin, Pierres Ex, zeigt, liegend auf einer saftigen grünen Wiese neben herumtollenden Kindern?
Das Rasengrün ist so kräftig und voller Hoffnung. Dabei ist längst gewiss, dass es keinen Anlass dazu gibt: Weil Alex, nachdem sie mit ihrem betörenden Baise-Moi-Kleid alleine eine Party verlässt, von Le Tenia, einem paradoxerweise schwulen Zuhälter, in einer rot ausgeleuchteten Straßenunterführung anal vergewaltigt und brutal zusammengetreten werden wird. Der "Memento"-Clou, die rückläufige Erzählung, auf die Gaspar Noé zurückgreift, macht es möglich und erhöht den Zuschauer in der Schlusseinstellung zum Allwissenden. Man weiß alles von Alex, kann sich nicht von der Geborgenheit, die die Szenerie ausfüllt, täuschen lassen. Deshalb ist dieses harmonische Bild ein tragisches Bild. Des darauf folgenden grässlichen Stroboskopeffekts bedurfte es gar nicht mehr, um die Zerstörung zu kapieren.
Wenn er Alex zuvor von einem Tunnel träumen lässt, der plötzlich auseinander bricht, und Marcus nach dem Aufstehen mit Alex die romantischen Worte in den Mund legt: "Weißt du was? Ich glaub, ich hab Lust, dich in den Arsch zu ficken", dann setzt Noé den Schicksalsglauben absolut. Nicht zufällig aber - und da beginnt seine Logik mir nicht mehr einzuleuchten - lautet der Titel des Buches, das Alex in jener letzten Szene in ihren Händen hält, "Experiment with Time". Die Zeitreisetheorie implizierte schon immer die Frage nach dem Eingriff in das eigene Schicksal, denn wäre eine Reise durch die Zeit, eine Manipulation des Raum-Zeit-Kontinuums möglich, bedeute dies gleichzeitig doch ebenso, auf vergangene oder zukünftige, vermeintlich vorherbestimmte Ereignisse Einfluss nehmen zu können. Auch ziert in der Wohnung des verliebten Paares (gleichzeitig als Schwangerschaftsmetapher fungierend) genau über dem Bett ein Plakat von Kubricks "Odyssee im Weltraum" die Wand. Ausgerechnet also von dem Film, in dem ein Astronaut am Ende zu seiner embryonalen Gestalt zurückkehrt und damit das Unumkehrbare umgekehrt wird.
Durch die Umkehrung der narrativen Konvention, durch die die simple Rape-and-Revenge-Geschichte einen spiegelverkehrten Spannungsbogen erhält, gerät die Zeit nicht wirklich aus den Fugen, sie bewegt sich nur konsequent entgegengesetzt ihrer Natur, wodurch sich lediglich die Kausalität umpolt: Erst kommt die Wirkung, dann folgt die Ursache. Ausgehend vom Abspann, der zu Beginn von oben nach unten, also verkehrt durchs Bild rollt und in heftige Schräglage gerät, als deute er bereits den Gleichgewichtsverlust an, ist Noés Film von Anfang an eine Reise zum Ursprung, wie Kubricks "2001". Nur will "Irreversibel" ausgerechnet sagen: Das geht gar nicht. Die Maxime des Franzosen ist schizophren: Nichts ist umkehrbar; um das zu beweisen, kehre ich einfach alles um.
"Irreversibel" wirkt, als wäre er gleichwohl spiegelverkehrt konzipiert worden, als wäre vor Handlung und Intention die Idee zur Verwirklichung geboren: Zuerst war da Regressivität und spektakuläre Visualisierung, dann wurde irgendein provokanter Inhalt in das Korsett gezwängt. Beispielsweise präsentiert Noé wie einst Alfred Hitchcock mit "Cocktail für eine Leiche" einen scheinbar ungeschnittenen Film. Wo Hitchcock jedoch den Schnitt kaschierte und sich ins Dunkle flüchtete, um Theater und Kammerspiel auf die Leinwand zu übertragen, hilft Noé digital nach, ohne dass sich aber - außer Spielerei - ein Sinn aus der Schnittvermeidung ableiten lässt. Substanz bergen letztlich eigentlich nur zweierlei Aspekte in seinem Film. Zum einen ist das der im Hintergrund erscheinende Passant während der berüchtigten Vergewaltigung, ein Schatten, der kurz zuschaut, ein Einschreiten in Erwägung zu ziehen scheint und sich dann doch - gar nicht überraschend für den um sich selbst fürchtenden Menschen - der Zivilcourage verweigert.
Zum anderen ist es die, wie sich herausstellt, verirrte Selbstjustiz, die den Falschen mit dem Feuerlöscher richtet, zwar für Marcus und Pierre die Abreaktion, die psychologische Katharsis mit sich bringt, sie aber dem Zuschauer sowohl in diesem Augenblick als auch später verwehrt. Ansonsten jedoch hat Gaspar Noé nichts Nennenswertes zu erzählen und wirft unbeirrt mit seinem Leitspruch "Die Zeit zerstört alles" um sich. Eine Konstante, eine passive Größe ist in dieser Losung das Übel. Die Zeit zerstört alles? Phrasendrescherei. Die liebe Zeit, die heilt doch alle Wunden.