"Wir haben alle den Teufel in uns."
Alex (Monica Belucci), ihr aktueller Freund Marcus (Vincent Cassell) und ihr Ex-Freund Pierre (Albert Dupontel) besuchen zusammen eine Privatparty. Nach einem Streit mit Marcus verlässt Alex die Veranstaltung alleine. Auf ihrem Heimweg wird sie in einer Fußgängerunterführung von La Tenia (Jo Prestia) vergewaltigt und brutal zusammengeschlagen. Marcus und Pierre erleben noch, wie Alex blutüberströmt von einem Krankenwagen abtransportiert wird, als sie von einem Unbekannten angesprochen werden. Er gibt den beiden den Namen des Verbrechers und die Möglichkeit sich selbst an ihm zu rächen. Die Spur führt schließlich zu einem Schwulenclub.
"Irreversibel" konfrontiert den Zuschauer mit einem eigenwilligen Vorspann und fängt mit dem Ende des Abspannes an. Von unten nach oben läuft die rote Schrift mit einzelnen spiegelverkehrten Buchstaben innerhalb der Texte. Gaspar Noé ("Enter the Void") bereitet bereits hier das Publikum für eine außergewöhnliche Grenzerfahrung vor, die von experimentell über provokativ, kontrovers und drastisch alles absteckt, was ein unvorbereitetes Massenpublikum abschrecken dürfte.
So wie "Memento" wird auch "Irreversibel" entgegen der zeitlichen Abfolge erzählt. Am Ende einer Szene springt die Handlung an den Anfang eines vorhergehenden Ereignissabschnitts. Statt dem kontrollierten und undurchsichtigen Puzzlespiel im genannten Thriller, bietet "Irreversibel" ein Drama, das durch seine emotionale Wut, die Trauer und den enthaltenen Schmerz enorm anstrengt.
In seinem Film durchdenkt Gaspar Noé die Möglichkeiten des Films konsequent und dekonstruiert alle konventionellen Verlässlichkeiten filmischer Erzählweise. Dabei bleibt er immer auf einer Ebene objektiver Darstellung filmischer Realität, nie werden subjektive Visionen oder Irritationen eingebaut. Die Unzuverlässigkeit der Erzählung appelliert also an die Vertrautheit mit erzählerischen Standards.
Dies zeigt bereits die erste Szene, die einen kräftigen Mann in den Mittelpunkt rückt. Dieser ist kein Unbekannter, wenn man sich in der Welt des französischen Films auskennt. Es handelt sich um Philippe Nahon, der unter anderem in Gaspar Noé's direktem Vorgängerfilm "Menschenfeind" eine Hauptrolle übernahm und zu diesem Bezüge nimmt. Die Zeit zerstört alles, reflektiert er. Ein Satz um den sich "Irreversibel" immer wieder dreht.
Die erste Hälfte des Films befasst sich mit dieser angesprochenen Zerstörungswut. Denn in chronologisch rückwärtiger Folge präsentiert "Irreversibel" den zu erwartenden Racheakt zuerst. Die Kamera beweist dabei eine Dynamik, die die Seherfahrung des Zuschauers auf ein harte Probe stellt. Sie folgt der Sicht eines Protagonisten in den Schwulenclub und streift nur gelegentlich Objekte, die klar erkennbar sind, manchmal kleine Personengruppen, sexuelle Szenarien, die der Film in aller Offenheit präsentiert. Dieses Szenario enthält durch einen pulsierend rhythmisierten Geräuschteppich eine bedrohliche Intensität und explodiert schließlich in einer drastisch visualisierten Tötung.
Die Umstände dazu klären sich später in Form der berühmt-berüchtigten Vergewaltigungsszene. Für diese mehrminütige Sequenz muss sich "Irreversibel" den Ruf als Skandalfilm gefallen lassen. Gleichzeitig sprengt sie den gewohnten Rahmen des Erzählens. Denn im Gegensatz zu vorangegangenen Szenen verharrt die Kamera auf dem Boden, bringt den Zuschauer auf die gleiche Ebene wie das Opfer und lässt ihn über eine schier endlose Dauer mit leiden. Aber dies ist noch nicht genug, denn während der schrecklichen Tat kommt im Hintergrund ein Passant hinzu und verschwindet auf selbigem Wege. Ein Spiegelbild in dem sich fast jeder ertappt fühlen sollte, sich selbst zu sehen.
Erst auf diese unangenehmen Szenen präsentiert "Irreversibel" seine drei tragenden Charaktere in alltäglichen Abläufen, sei es im Heim, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf einer saftig grünen Wiese. Zu diesem Zeitpunkt ist es jedoch schwer noch Bezug zu ihnen zu finden, da die aufklärende Geschichte, die eigentlich noch folgt, eine gewisse Distanz zu ihnen aufgebaut hat.
Kein Wunder ist es also, dass die Handlung sowie Charaktere nur rundimentär entwickelt wurden. Die Gewichtung liegt auf der Präsentation des Themas, welches in höchst plakativer aber auch enorm effektiver Form seine Umsetzung findet.
Einen erstaunlichen Zweck erfüllt dabei die verwendete Aufnahmetechnik. Der gesamte Film wirkt wie eine einzige lange Kamerafahrt ohne Schnitt. Jede Szene endet mit einem Schwenk Richtung Himmel oder zur Seite, der in immer schnellere, verwischende Drehbewegungen übergeht. Lichter flackern pulsierend über den Bildschirm, bis die Bewegung für den nächsten Handlungsabschnitt abbremst. Während diesen ist die Kamera stets bemüht so Nahe wie möglich an den tragenden Charakteren zu agieren oder sie in den Mittelpunkt zu stellen.
Durch Vincent Cassell ("Die purpurnen Flüsse"), Albert Dupontel sowie Monica Belucci ("Die Passion Christi") enthält "Irreversibel" drei hochkarätige Darsteller, die trotz ihrer bekannten Gesichter zur Glaubwürdigkeit der Handlung beitragen.
"Irreversibel" stellt anders als bei konventionellen Filmen seine Erzählweise in den Mittelpunkt. Eigentliches Thema ist nicht die Geschichte der Protagonisten, es ist die Inversion von Zeit und Dasein, Zerstörung und Leben. Weder die Dialoge, noch die Charaktere sind detailliert gezeichnet. Sie sind nur ein Abbild des Alltäglichen. Weniger alltäglich ist dafür die Art und Weise der Präsentation. Die immens flexible Aufnahmetechnik erzeugt schwindelerregende Bilder. Und insbesonders die visuelle Darstellung zeugt von enormen Mut, der nicht von gewöhnlichem Publikum angenommen werden dürfte. Denn die Darstellung der Rache und der Vergewaltigung sind rechtmäßig als skandalös zu betrachten. Ohne diese wäre das Drama jedoch seiner Wucht beraubt.
9 / 10