Fazit: Noé als Regisseur ist eine neue Hoffnung. In „Irréversible“ will er so viel, scheitert nur leider auf halber Strecke. Wenn er noch an Aussage und Themenauswahl feilt, könnte aus ihm ein ganz großer werden. Aber hier trägt die Aussage den Rest des Films einfach nicht. Denn formal gesehen ist „Irréversible“ ein Hammer sondergleichen. Jede noch so willkürlich erscheine Kamerawendung ist im Vorfeld komponiert und abgewegt wurden. Das Zusammenspiel aus Improvisation, einem ausgefeilten Soundtrack und der extremen Optik machen „Irréversible“ wahrhaft zu einer Filmerfahrung. Man sieht nicht nur den Film, man erlebt man ihn förmlich. Trotzdem schleicht sich nach 90 Minuten das Gefühl ein, zu einer Aussage belehrt worden zu sein, von der man längst wusste. Und so endet „Irréversible“ leer. Dennoch: „Irréversible“ ist definitiv ein Must-See. Keine dümmliche Modespielerei, sondern ein junger, wilder Regisseur auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Filmkunst.
Sehr interessant sind hier die Vorteile und Nachteile der ruckwärtigen Erzählweise. Im Gegensatz zu dieser Kritik, die, wie Sie hoffentlich bereits bemerkt haben, ebenfalls absatzweise rückwärts zu lesen ist, ist die unlineare Vorgehensweise nicht nur plumper Effekt, sondern durchaus funktionell: Die Vergewaltigung ist zwar abscheulich in ihrer Form, jedoch wirken wir nur angewidert, nicht zwingend schockiert, weil wir die arme Frau, die dort am Boden liegt, nicht kennen. Erst als uns Noé ihren Charakter beschreibt, als er uns diese Alex vorstellt, ist die Nachwirkung der Tat bedrückend schwer. Ein extrem cleverer Trick ist hierbei aber auch das Kleid von Alex. In der Sequenz nach der Vergewaltigung, in der sie sich auf der Tanzfläche in einem durchsichtigen Hauch von Kleid aufreizend bewegt, ist wahrlich kein Millimeter ihrer Brüste vor den bedeckt. Das sexy Outfit lässt uns innere Warnausrufe formulieren, und scheint eine extreme Gefahr in sich bürgen. Auch verhindert die Erzählweise von hinten nach vorne, dass „Irréversible“ zu einem plumpen Exploiter verkommt. Hätte Noé eine gradlinige Storyform gewählt, sähe der Film aus wie ein langweiliger Racheactioner á la „Ich spuck auf dein Grab“, so nimmt Noé seine Brutalität bereits voraus, zeigt gleich in der ersten Hälfte das, was sonst den zweifelhaften Höhepunkt mieser Splatterfilme bildet. Noé möchte durch seine Geschichte weniger unterhalten oder schocken, als zum Nachdenken anregen.
Ein Lob sollte ganz sicherlich an die mutigen Darsteller gehen, besonders an die Bellucci. Drehte sie zuvor eher weniger herausfordernde Rollen, ist diese die bisher anstrengendste und anspruchsvollste Leistung ihrer Karriere. Wegab von dem Covergirlimage, das ihr zu Rollen in „Asterix und Obelix“-Filmen verlieh, geht sie hier an schauspielerische Grenzen. Auch ihre Kollegen Cassell und Albert Dupontel lassen keinen Zweifel an ihrem Engagement für diesen Film. Sie alle füllen ihre Rollen mit einem fabelhaften Realismus aus, der auch dadurch resultieren mag, dass Großteile der Dialoge improvisiert wurden.
Der Film erzählt also von falschen Entscheidungen. Am Ende des Filmes liegt Monica Bellucci auf einer satten grünen Wiese, Kinder spielen um sie herum, der Rasenspränkler spendet klares, kaltes Wasser, dazu spielt Beethovens Siebte, und der Zuschauer weiß: Diese Frau erwartet ein Kind. Das perfekte Abbild einer idyllischen Harmonie. Doch diese Bilder der Freude erstarren, werden zu einem manierierten Alptraum, ob der Gewissheit, was passieren wird. Ja, die Zeit ruiniert alles. Die Zeit nimmt unser Leben. Wie wahr. Jedoch, brauchten wir für diese Erkenntnis einen Film wie „Irréversible“? Noés Aussage über omnipräsente Gewalt und das wir uns zu keiner, noch so kleinen Sekunde, so perfekt und vollkommen sie auch scheinen mag, sicher fühlen können, ist nicht falsch, wirkt höchstens etwas eigenartig kommuniziert. Viele werden zu abgestoßen sein, von den Geschehnissen auf der Leinwand, weitere viele Zuschauer werden zu clever sein, um die Aussage, die Quintessenz nicht bereits nach den ersten zwanzig Minuten verstanden zu haben. Denn je banaler die Beobachtungen werden, desto eher verflüssigt sich die Kernaussage.
Daraufhin folgt die Schilderung, was auf der Party passierte, warum Alex so früh bereits ging, und dass der Auslöser ihrer schlechten Laune in Marcus’ drogenbeeinflusster Unbeherrschtheit zu finden ist. Davor die fröhliche Gruppe alter Freunde: Alex, Marcus und Pierre, wie sie unheimlich menschliche Dinge, intime Details lauthals in einer U-Bahn diskutieren. Erst jetzt werden die Figuren liebenswert, plastisch und reell. Mit dem Aufblühen seiner schicksalhaften Figuren, verteilt der Film einen weiteren Hieb in die Magengrube, denn wir wissen, wohin diese armen Menschen steuern. Schließlich dreht sich der Film immer weiter zurück, bis wir eine ganz alltägliche Szene in Alex’ und Marcus’ Liebesleben beobachten können. Nackt liegen sie auf ihrem Bett, ganz vertraut und intim reden sie über ihre Beziehung, kabbeln sich ein wenig. Diese Szenen sind von unfassbarer Ruhe und überwältigender innerer Schönheit. Die Offenheit in der sich Cassell und Bellucci hier wälzen kommt nicht von Ungefähr: Zur Drehzeit waren die beiden ein Paar.
Je länger der Film von nun an zurückschweift, und je länger wir die Suche nach dem Bandwurm durch Pierre und Marcus, erfahren wir, dass dieser Zuhälter vor wenigen Minuten, Marcus’ Freundin und Pierres Exgeliebte vergewaltigt hatte. Nun sind die beiden Männer wutschnaubend auf der Suche nach Rache, nach Vergeltung. Die Suche und das Herausfinden des Namens des Zuhälters bilden den ersten Teil des Films. Die Mitte, und der wohl am meisten diskutierteste Teil des Films ist die Gräueltat an sich. Die abscheuliche Vergewaltigung einer Frau. Alex (Monica Bellucci), eine bildhübsche und extrem freizügig gekleidete, junge Frau verlässt gerade eine Party. Da ihr der Übergang über eine Hauptverkehrsstraße zu gefährlich erscheint, wählt sie den Durchgang in einem verkommenen Untergrundtunnel. Hier trifft sie dann auf den eine Prostituierte schlagenden „Bandwurm“. Ihr Schicksal ist besiegelt. Die Hure kann flüchten, das Interesse des Bandwurmes gilt ganz Alex. Was folgt ist eine neunminütige Vergewaltigungssequenz, die extrem an die Nieren geht. In einer einzigen, verharrenden Kameraeinstellung wird die anale Vergewaltigung abscheulich ausdauernd und brutal gefilmt. Aufgrund der ähnlich schockierenden Tötungssequenz zu Anfang, kann man sich schon denken, wie Noé vorgeht, wenn er die Tat an sich schildern muss, schließlich muss diese verstörend und ekelhaft genug sein, um seinen Exzess am Anfang des Films (also am Ende der Geschichte) zu rechtfertigen. Ohne exploitative Voyeurismen zu bedienen, oder gar die Vergewaltigung als erotisch zu stilisieren, wie es zum Teil in Hollywood gemacht wird, zeigt Noé die brachiale, durch Digitaleffekte sehr realistische Abscheulichkeit dieser Tat – ungeschminkt und in ekelerregender Krassheit.
Der Film beginnt mit dem Hauptdarsteller aus Noés ’98er Werk „Seul contre tous“, der kurz den Prolog für den restlichen Film darstellt. Er und ein weiterer Mann philosophieren über ihr Leben, und stellen schließlich fest, dass es die „Zeit“ ist, die „alles zerstört“. Denn es ist die Schuld, und das Bewusstsein, etwas getan zu haben, das nach der Handlung an sich kommt. Und genau diese Chronologie bricht Noé in „Irréversible“ auf. Zunächst sehen wir, wie zwei Männer von der Polizei und von einem Krankenwagen aus einer Schwulendisco abgeführt und weggebracht werden. Schnitt zurück. Nach der Einleitung befinden wir uns schon mitten in einer schwindelerregenden Sequenz. Wir sehen, wie sich Vincent Cassell durch den Schwulenklub „The Rectum“ kämpft, auf der Suche nach einem Mann, der sich selbst „Bandwurm“ nennt. Hier schlägt die Kamera Purzelbäume, der pure Wahnsinn, in den die Figur Cassells hier eindeutig gefallen ist, wird visuell auf interessante Weise dargestellt. Während in dem schlichten Klub das Licht flackert, in der Ecke wilde Sadomasopraktiken vorgehen, scheint die Kamera wie im Drogenrausch entfesselt durch den Klub zu fliegen. Nicht eine ruhige Einstellung ist zu vernehmen, während Thomas Bangalters (Mitglied der Elektrogruppe „Daft Punk“) seinen hämmernden Score intoniert. Als Cassell, dessen Figur in dem Film Marcus heißt, im Rausch nach dem „Bandwurm“ sucht, und immer wieder von seinem Freund Pierre, der hinter ihm herhetzt, um Vernunft gebeten wird, vor dem vermeintlichen Zuhälter „Bandwurm“ steht, explodiert die Gewalt. In einem infernalischen Akt der Brutalität wird dem Zuhälter mit einem Feuerlöscher förmlich das Gesicht weggestanzt. Erstmals verharrt die Kamera auf ein Handlungszentrum, nämlich dem Tötungsakt. Und nach drei Minuten des Hämmerns auf des Zuhälters Schädel, bleibt nur noch ein matschiger Brei auf dem Boden des Klubs zurück.
Erst einmal vorweg. Worüber unterhalten wir uns? Der „Skandalfilm von Cannes“, der durch seine extreme Gewaltdarstellung Ohnmachtzustände bei seinem Premierenpublikum hervorruft, ist eine Mischung aus Thriller, Liebesdrama und Krimihorror, wobei er eher einem Experimentalfilm nahe kommt, als nur einem dieser Kategorien. „Irréversible“ erzählt sich rückwärts. Und das auf eine schon fast lustig konsequente Weise. So beginnt der Film mit dem Nachspann. Erst nachdem dieser, ordnungsgemäß von unten nach oben gelaufen ist, beginnt der Film – und natürlich beginnt er mit dem Ende, mit der Auflösung eines kathartischen Blutrausches. Von da an sind 15 Szenerien hintereinander rückwärts aneinandermontiert. Immer wenn ein Protagonist eine schwerwiegende Entscheidung fällt, taumeln wir in der Narration ein paar Minuten nach hinten, und erfahren, wie es in den Köpfen der Hauptfiguren vor der eben gesehenen Szene aussah. Innerhalb dieses rückwärts ablaufenden Erzählkonstruktes gibt es keine erkennbaren Schnitte. Die Kamera taumelt, fliegt, erforscht, wackelt, springt herum, manchmal völlig unkontrolliert, manchmal erschreckend starr. Zwar ist die Technik, die Noé hier verwendet, anders als die, die einst Alfred Hitchcock mit seinem „Cocktail für eine Leiche“ erfand, denn er benutzt digitale Tricks um Hürden zu überwinden, und den Film an den Stellen zu schneiden, an denen wir es nicht vermuten – außerdem haben wir es hier nicht mit einem Kammerspiel, sondern mit einem dynamischen Film zu tun, dessen Standorte sehr häufig wechseln. Demnach wirkt das Vermeiden von harten Schnitten eher wie eine selbstverliebte Spielerei mit der Technik, als wirklich notwendig.
„Irréversible“ – Der Titel spricht von der Unfähigkeit des Menschen, Geschehenes rückgängig zu machen. Seit jeher ist es ein Traum des Menschen, in die Zeit zurück zu gehen, und Entscheidungen zu korrigieren und Einfluss auf sein eigenes Leben zu haben. Dies wurde in der bisherigen Filmhistorie für Komödien á la „Zurück in die Zukunft“ ausgeschlachtet, erfährt aber erst 2002, in Gaspar Noés unkonventionellem Drama „Irréversible“ eine ernsthafte Auseinandersetzung. Noé möchte uns einen filmischen Nackenschlag, der uns dazu anhalten soll, über Begrifflichkeiten wie Zeit nachzudenken, geben, scheitert aber leider.
Vorsicht, Spoiler.