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Ohne große Vorwarnung wird der Zuschauer direkt in die Hölle verbannt. In diesem Fall ein französischer SM-Schwulen-Club. Das ganze wird derartig düster und abstoßend in Szene gesetzt, dass es einem ganz schön an die Nerven geht. Zartbesaiteten sei also gleich von vornherein abgeraten.
Zwei Männer bahnen sich ihren Weg durch diese Abartigkeiten, auf der Suche nach einem Mann. Als sie ihn gefunden zu haben glauben, kommt es zum Streit. Einer der beiden Männer schlägt dem gegenüber den Schädel mit einem Feuerlöscher zu Brei. Das ganze wird in einer quälend langen und sehr detaillierten Kameraeinstellung gezeigt. Dutzende Male schlägt der Feuerlöscher auf dem Gesicht des Mannes auf der am Boden liegt, bis nur noch eine blutige Masse übrig ist.
Den Grund für diese Tat erzählt der Film erst später: Der Mann wollte die Vergewaltigung an seiner Freundin rächen. Und darin liegt auch das Außergewöhnliche des Films: Regisseur Gaspar Noé erzählt seinen Film rückwärts, man bekommt also das Ende bereits am Anfang zu sehen. Später wird geschildert wie es zu der Vergewaltigung kam, die im Übrigen auch sehr detailliert, ganze neun Minuten lang inszeniert ist.
Am Ende findet der Film dann zu helleren Bildern aus einer glücklicheren Zeit des Paares vor der Vergewaltigung. Hier ist der Erzählton deutlich wärmer, teilweise kommt sogar ein Anflug von Humor auf.
Eins muss man ganz klar sagen: „Irreversible“ ist nicht der Skandalfilm, den die Medien herbeireden. Bis auf die wirklich ziemlich harte Feuerlöscher-Szene und die Vergewaltigung kommt es eigentlich zu keinen weiteren Grausamkeiten. Absolut hart ist der Anfang im Schwulen-Club mit dem bezeichnenden Namen „Rektum“: Das Szenario ist sehr düster, es gibt keine Musik, nur monotone Hintergrundgeräusche und das Stöhnen der Schwulen. Dazu kommt eine rastlos herumwirbelnde Handkamera, die wirklich nie stillsteht und sich ihren unangenehmen, verstörenden Weg durch diese Perversionen bahnt. Das ganze ist eine der unbequemsten, aber auch fesselndsten Sequenzen, die ich je in einem Film gesehen habe. Alles ist unglaublich intensiv; ob man abgestoßen oder gefesselt ist, hängt vom Betrachter ab, auf jeden Fall lässt es niemanden kalt.
Die schauspielerischen Leistungen von Monica Bellucci und Vincent Cassel, auch im echten Leben ein Paar, sind sehr beeindruckend. Regieprovokateur Gaspar Noé verlangt den beiden einiges ab, aber sie meistern es bravourös. Zuerst wollte Noé den Film sogar als Porno inszenieren, aber das ging dem Paar dann doch zu weit.
Den Film einfach als billiges, voyeuristisches Sex-&-Crime-Machwerk abzustempeln, würde ihm unrecht tun. So gibt er doch Denkanstöße zu Themen wie Sicherheit, Vorherbestimmung und Schicksal. Das hätte sicher auch ohne provozierende Gewalt funktioniert, würde dem Film aber sicher die Intensität rauben. Außerdem auch den explosiven Medien-Aufhänger...
8/10

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