ACHTUNG SPOILER !!
Die Kunst, Distanz und Gefühl gleichzeitig zu provozieren, ist eine große. Die Kunst, Darsteller glaubhaft darzustellen, eine noch viel größere. Die Kunst, einen Film ungebremst auf den Zuschauer zukommen zu lassen, vielleicht die größte. Gaspar Noé hat diese in seinem Film "Irreversible" eindrucksvoll vereint und präsentiert ein Werk, das Skandal- und Kunstfilm zugleich ist.
Der Film beginnt wie eine Reise durch den Abgrund der menschlichen Moral. "Le temps detruit tout" - Die Zeit zerstört alles. Die ersten Worte, die den Film im "Prolog" bereits zusammenfassen.
Dunkelheit, Schweiss, Aggressionen, Wut, Angst, Rache, all das prasselt auf den schockierten Zuschauer in den ersten Minuten nieder. Noé präsentiert zwei (noch) völlig anonyme Charaktere, Marcus und Pierre, die in nervöser Wut eine Homosexuellendisco, genant "Rectum", nach einem gewissen "Le Tanje" absuchen. Man hat keinerlei Verhältnis zu den beiden, man kennt nicht ihre Intentionen, diese Gegend abzusuchen und kennt nicht den Hintergrund ihrer Wut. Pierre wirkt beinahe wie eine stille Begleiterscheinung und man sieht, dass er Marcus zurückhalten will.
Plötzlich der Gewaltreigen, der sich still und gefühllos einschleicht. Marcus findet einen unschuldig und nicht zugehörig wirkenden Mann, der teilnahmslos und stur an ihm vorbeigehen will. Eine kleine Rangelei entwickelt sich, Marcus wird zu Boden geworfen, in einer kurzen, hastigen Bewegung bricht ihm Le Tanje den Arm, öffnet ihm die Hose und will ihn vergewaltigen. Der Zuschauer fühlt sich wie der schweigende Beobachter einer neben ihm stattfindenden Schlägerei, hat keinen Bezug zum Geschehen, kann und wird nicht eingreifen, weiß schlicht und einfach nicht, wie er sich verhalten soll.
Plötzlich der Schlag, Pierre steht hinter Le Tanje und rammt ihm mit unbarmherziger Präzision einen Feuerlöscher ins Gesicht. Allerdings verhält sich Pierre anders, als man es vielleicht erwarten würde. Man sieht in seinen Bewegungen keine Hektik, nur eiskalten Willen zum Mord. Er schlägt beinahe "gemütlich" immer wieder auf den Kopf des am Boden liegenden, sieht sich kurz um, und schlägt wieder zu. Der zuckende linke Arm des Toten wird als verzweifelter Hilferuf wahrgenommen, der aber in der kalten, nassen und dunklen Umgebung verstummt.
Diese erste Szene, eine beklemmende Einleitung, entfaltet ihre eigentliche Wirkung erst gegen Ende des Filmes.
Die nächste Szene präsentiert den wutentbrannten Marcus, der auf der Suche nach Le Tanje das Pariser Rotlichtviertel absucht, man erkennt keine Verzweiflung, eher puren Hass, der sich nicht eingrenzen lässt. Pierre will seinen außer sich geratenen Begleiter immer wieder beruhigen, ihn vor sich selbst schützen.
Schnitt. Pierre sitzt in einem Polizeiwagen und bekommt Fragen gestellt. Man versetzt sich beinahe an den Anfang zurück, allerdings ist Pierre hier nicht Täter sondern "Opfer". Vor dem Wagen wird Marcus erklärt, was passiert ist.
Nächste Szene. Marcus und Pierre kommen fröhlich von einer Party und gelangen zu einer Polizeisperre. Beide wollen nur passieren, als die Kamera plötzlicher mit eisiger Kälte, begleitet von Herzklopfen, über einer Trage zu kreisen beginnt. Marcus entdeckt seine Freundin darauf, sie liegt im Koma, blutüberströmtes Gesicht, keine Regung. Man beginnt, den Schluss zu verstehen, fühlt sich immer noch nicht beteiligt. Man spielt immer noch den unwissenden Beobachter, "lernt" aber, den Mord am Anfang zu verstehen bzw. nachzuvollziehen.
Schnitt. Eine Frau kommt an eine Straße, will ein Taxi rufen, entdeckt auf der anderen Straßenseite einen Parkplatz, kann wegen dem Verkehr aber nicht über die Bahn. Von einer Prostituierten bekommt sie den Tipp, unterirdisch auf die andere Seite zu gelangen. In der Unterführung sieht man im Hintergrund zwei Menschen auftauchen, und erkennt das "Opfer" vom Anfang wieder. Es ist Le Tanje, begleitet von einer Prostituierten, die plötzlich von ihm geschlagen wird. Die Frau bleibt schockiert stehen, will danach flüchten, wird aber zurückgehalten. Während die Prostituierte flüchtet, konzentriert sich der kleine, dicke Mann, der wie ein überarbeiteter Büroangestellter wirkt, auf die überraschte Frau. Er drückt sie gegen die Wand, sie wehrt sich unwissend. Plötzlich zieht er ein Messer, bedroht sie, ihre Überraschung wandelt sich in Angst. Er drückt sie zu Boden, sie will schreien, seine Hand drückt sich auf ihren Mund, er zieht ihr das Kleid aus, öffnet seine Hose, und beginnt, sie zu vergewaltigen. Die Kamera legt sich dabei fast voyeuristisch auf den Boden. Bislang immer hektisch und neugierig um das Geschehen kreisend, entwickelt sie jetzt die Rolle eines ängstlichen Beobachters, der zwar nicht den Mut hat, einzugreifen, aber den Mut, zuzusehen. In einer sturen, kalten, verzweifelten Szene wird die junge Frau mit unbeteiligter Härte und Aggression vergewaltigt, versucht immer wieder, zu schreien, sich zu wehren, streckt ihren linken Arm verzweifelt Richtung Kamera, will dem Zuschauer ihre Verzweiflung und ihre Hilfeschreie symbolisieren, man möchte ihr helfen, den man weiß, was im Laufe der Nacht noch passieren wird...
Das Stöhnen ist verstummt, ihre Schreie zu einem Wimmern degradiert, Die Intensität des Schockes wird durch Fassungslosigkeit ersetzt. Sie liegt eingestürzt auf dem Boden, ihr Peiniger zufrieden neben ihr. Als man denkt, der Terror auf den Zuschauer sei zu Ende, folgt ein Tritt. Sein Sadismus ist augenscheinlich nicht genug befriedigt, er prügelt auf sie ein, die Geilheit in seinen Handlungen schlägt den Sehenden ebenfalls.
Zuerst Tritte ins Gesicht, dann Schläge ins Gesicht, zuletzt dreht er sie gen Boden und schlägt ihr Gesicht auf den kalten Beton. Die Szene ist zu Ende.
Die nächsten Szenen präsentieren das genaue Gegenteil der anfänglichen Gewaltorgie. Man wird in eine glückliche Beziehung integriert, sieht einen vergnügten Marcus mit seiner Freundin Alexis tanzend auf einer Party, mit Pierre plaudernd in der U-Bahn, der Film wird auffallend heller und bunter, fröhlicher und entwickelt sich zu einer Gesellschaftsstudie.
Nach der U-Bahnfahrt wird man in ein Schlafzimmer versetzt, sieht Marcus und Alexis im Bett liegen. Eine Liebesszene der besonderen Art, man sieht ein glückliches Paar, das nichts von der baldigen Zerstörung weiß. Das ganze wird intensiviert, als Alexis im Badezimmer einen positiven Schwangerschaftstest macht. Die gesamte Tragweite der Geschehnisse am Anfang des Filmes wird klar, man kann alles bis ins kleinste Detail nachvollziehen, der Hass überträgt sich auf den Zuschauer, die Verzweiflung, der (noch) überglücklichen Alexis nicht helfen zu können, wächst mit jeder Sekunde. Der Film strahlt eine optimistische Helligkeit aus, das angenehme Gefühl, Alexis vor Freude weinend im Bad sitzen zu sehen, verblasst aber beim Gedanken, sie eine Stunde zuvor halb tot geschlagen auf der Trage zu sehen.
Noch einmal schickt Noé den Zuschauer in die Vergangenheit, auf eine in der Sonne strahlende Wiese, auf der im Regen des Rasensprengers Kinder spielen und sie im Gras liegt und ein Buch liest. Musik setzte ein, die Kamera kreist über dem Geschehen, wird immer schneller, als wolle sie den Zuschauer auf das Ende vom Anfang vorbereiten...
Mit der Zeit entwickelt der Film eine bestimmende Harmonie mit seinen Darstellern, Gaspar Noé setzt die Umwelt der Protagonisten perfekt ein, um den Zuschauer mit dem immer fröhlich werdendären Film immer tiefer in die Verzweiflung zu stürzen.
Was in "Memento" zum Aufbau der Spannung diente, nämlich den Szenenablauf rückwärts zu zeigen, versucht in "Irreversible", den Zuschauer zu verwirren und zu schockieren, gleichzeitig, ihn nachdenklich nach hause gehen zu lassen. Man kommt in einen moralischen Zwiespalt, ist beinahe glücklich über den Racheakt an einem Sadisten. Durch die fehlenden Schnitte in den einzelnen Szenen wird man noch intensiver in die Handlung integriert, durch die immer heller werdenden Handlungsorte bekommt der Film eine tragische Auffahrt, die auf einer sommerlichen Wiese endet.
Der eiskalte Verlauf der Handlung, den Noé in beeindruckender Kamerasprache zum Ausdruck bringt, lässt den Zuschauer nicht weinen, aber schockiert abschalten. Man bekommt ein ungutes Gefühl, wenn man Alexis am Ende melancholisch glücklich im Gras liegen sieht. Aber man kann es nicht ändern, die vergangene Zukunft in diesem Film macht es bewusst.