Review

Leidensfähigkeit ist eine interessante Tugend, insbesondere wenn sie derart gewaltsam auf die Probe gestellt wird. "Irréversible“ verlangt dem Zuschauer vieles ab -zuviel- , und gibt zu wenig zurück, um das unbefriedigende Gefühl des "um-etwas-betrogen-worden-zu-seins" aus dem Bewusstsein verdrängen zu können.

Schon zu Beginn wird deutlich, wie sehr Technik und Stil die folgenden Minuten bestimmen werden. Der Film, der mit dem Abspann beginnt, seine rückwärtige Erzählweise konsequent bis zum Ende durchhält und kantige Schnitte mittels digitaler Effekte auflöst, präsentiert sich als visueller Rauschzustand. Komplexe, durchchoreographierte Kamerafahrten hinterlassen eine Kopfschmerzen bereitende Orientierungslosigkeit, die erst zur Mitte des Films hin fast erlösend ruhigen Einstellungen weicht.
Die erzeugte Verwirrung ist nur ein weiterer Teil gewaltsamer Ästethik, die nicht zuletzt durch die enervierende musikalische Untermalung an bedrohlicher Intensität gewinnt.

"Irréversible“ erzählt seine tragische Geschichte in düsteren, hektischen Bildern, nicht ohne dabei die (ausgetretenen) Pfade konventioneller Strukturen mit zuweilen erschreckend-exzentrischer Selbstsicherheit hinter sich zu lassen: Noé ist sich seines Talentes, des zerstörerischen Ausdrucks seiner Bilder bewusst. Spätestens aber in der zweiten Hälfte des Films, die sich der Vorgeschichte der Hauptfiguren widmen will, zerbricht die vorangegangene Inszenierung, verkommt zu einem stilisiertem Aufmacher, dem die Charakterzeichnung keine Rechnung tragen will. Dabei ist die Chronologie der Rache, die der Vergewaltigung folgt, keineswegs voyeuristisch. Vielmehr entfaltet sich hier eine detaillierte Beschreibung menschlicher Raserei, die ihren Höhepunkt in einer apokalyptischen (Selbst-)-Zerstörungswut findet.

Die Brutalität dieser Szene, die rohe Unbeherrschtheit, mit der der Zuschauer konfrontiert wird, scheint beispiellos: nach einer knapp viertelstündigen, von Hardcoreaufnahmen, verbalen und visuellen Obszönitäten begleiteten Odyssee durch die dunklen Gänge eines SM - Clubs mit ausschließlich homosexuellem Publikum, entlädt sich die barbarische Wut zweier Männer. Der Kopf eines Mannes zerplatzt unter der Wucht eines Feuerlöschers - nach minutenlanger, unerträglich detaillierter Gewalteinwirkung. Das Ende einer langen, alptraumhaften Suche markiert zugleich den Anfang des Films.

Nun folgt, wie bereits erwähnt, Szene um Szene aufs Neue ins Rückwärtige verschoben, die "Erklärung". Die beiden Männer, so erfährt man, haben Rache geübt, haben selbst in die Hand genommen, was in ihren Augen durch keine Verurteilung, kein Gesetz zu sühnen ist: Die Vergewaltigung an einer Frau, die für den einen noch immer geliebte Exfrau, für den anderen begehrte Partnerin war.

Und eben diese Vergewaltigung, ausführlich dargestellt in einer knapp 9minütigen Einstellung ist es letztendlich, die "Irréversible“ wenn auch zu Unrecht den Ruf eines skandalösen Gewaltpornos einbringen sollte. In einer Einstellung verharrend und mit bedingungsloser, quälender Vehemenz liefert Noé das Motiv für die vorangegangene (tatsächlich folgende) Bluttat. Er überschreitet bewusst die Duldung des Zeigbaren, und erneut wird einem -vielleicht so drastisch wie selten zuvor- vor Augen geführt, wie viel sich ungeachtet des Bewusstseins um künstlerische Fiktion ertragen lässt.

Gerade die Hälfte der Spielzeit ist nun vorüber, und spätestens jetzt hat man (wer sich nicht zuvor voll Ekel und Entsetzen abgewendet hat), mit jeder Faser begriffen, was "irreversibel" in aller Konsequenz bedeutet. Die Unfähigkeit, sich der Zeit zu enteignen, sich ihrem Fortlauf entgegenzustellen, die Ohnmacht, nichts umkehren zu können.

Der Film zeigt noch mehr; er erzählt die Vorgeschichte seiner Hauptfiguren, ihre Verbindungen zueinander, doch scheint gerade dann, beim Versuch die Charaktere zu zeichnen, in eine tatsächlich voyeuristisch banale Schieflage zu geraten. Noé's Darstellung einer glücklichen Beziehung kommt einer missverstandenen Interpretation sexueller Oberflächlichkeit gleich, die nahezu ausschließlich aus intimen Details bestehenden Gespräche seiner Hauptfiguren suggerieren weniger tiefe Verbundenheit oder gar natürlichen und unschuldigen Umgang mit Sexualität denn unsympathische Seichtheit.
Vielleicht mag gerade das in seinem Sinne gewesen sein, für die Folgerung allerdings, dass jederzeit alles zusammenbrechen kann, und das, was in intimer Vertrautheit unter Liebenden geschieht, sich in einer Art Antithese (hier die Vergewaltigung durch einen Fremden) zu einem grässlichen Alptraum verwandeln kann, ist diese Darstellung zu blass, und so wenig das Wort passen mag, auch zu lieblos geraten.

Es ist nicht so, dass man sich um das Mitgefühl betrogen glaubt. Betrogen allerdings, um tiefere Erkenntnis und überschüttet mit brachialer Grausamkeit.

"Irréversible“ halt noch lange nach, gerade, wenn auch nicht nur, zweier Szenen wegen...und aufgrund eines Stils, der Vermischung aus drastischer Hektik und grausamer Ruhe, der diese begleitet. Wie auch immer, man dazu stehen mag.

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