Die russische Arche
Wir befinden uns im Petersburger Palast. Wir Zuschauer und ein wandelnder Geist, den niemand zu bemerken scheint, durch dessen Augen wir Zuschauer das Gezeigte sehen. Wir wissen nicht genau, wer er ist - wahrscheinlich ein Besucher der Eremitage, auf jeden Fall ein Russe -, und er weiß selbst nicht, was passiert ist, denn er wacht auf inmitten des zaristischen Russland der 19. Jahrhunderts, im Petersburger Palast. Während der 90 Minuten Film wandelt er fast immer unbemerkt durch dessen Hallen, während die Zeit sich aufzulösen scheint, die Epochen zwischen den einzelnen Räumlichkeiten zusehends verschwimmen. Er trifft auch auf einen alten Europäer, ebenso ein seltsamer Fremder, der mit ihm durch Raum und Zeit spaziert. Da sind diplomatische Zeremonien der alten Zaren in einem Saal, prunkvolle Bälle im anderen. Dort begegnet man Katharina der Großen, hier einigen Ausstellungsbesuchern aus der Gegenwart.
Sokurov schwelgt in seinem filmischen Experiment in Russlands alter wie neuer Pracht, in der Geschichte eines eigenwilligen, großen Landes. Nachdenklich sinnieren der Betrachter und der unbekannte Europäer über Russlands Identität, über den Stellenwert des Landes, über dessen Kultur. Die Kamera "fließt" dabei behäbig von Saal zu Saal, von Epoche zu Epoche, ohne einen einzigen Schnitt. Schließlich ist "Russian Ark" auch deswegen in die Geschichte eingegangen: Der Film ist die längste ununterbrochene Kamerafahrt, die bis dato durchgeführt wurde (etwa 90 Minuten). Über 3000 Statisten mussten wie für ein Theaterstück alles exakt Proben und timen, die ganze Fahrt wurde penibelst durchgeplant. Ein grandioses Stück Leistung, das sich auszahlt.
Das ruhige Wandeln der Kamera mag am Anfang vielleicht langweilen, aber die Stimmung, die sich langsam aufbaut lässt einen wirklich in der eigenartigen, zeitlosen Welt versinken. Plötzlich ist man selbst neugierig, was sich hinter der nächsten Tür verbirgt. Die spannende Reise wird untermalt von den teils lustigen, immer interessanten Dialogen zwischen dem Betrachter und dem alten Europäer. Denkanstößige, weitgehende Diskussionen über Russland, seine Kultur, seine Kunst, seinen Charakter. Dazu kommt hin und wieder eine dezente Situationskomik, wenn der Europäer aus dem 19. Jahrhundert auf einmal mit Besuchern aus der Gegenwart zusammentrifft und überhaupt nichts mit ihnen anfangen kann.
Immer tiefer versinkt der Film in der harmonischen, detailverliebten Darstellung des Mythos Russlands - der "guten alten Zeit". Am Schluss wird es sogar melancholisch. Die Kamera schwenkt auf einen Balkon. Außen herum ist nur Meer. Wir verstehen, dass wir die ganze Zeit auf dieser Arche Russland gewesen sind. Sie wird ewig weiterschwimmen, die Menschen drinnen werden ewig leben. Ein wenig Wehmut macht sich breit, dass der Film dann zu Ende ist.
Man kann dieses originelle, ambitionierte, geniale künstlerische Experiment nur würdigen. Alexander Sokurov ist ein außergewöhnliches, großartiges Kunstwerk gelungen, das mit nichts zu vergleichen ist. 10/10.