Review

Eigentlich hatte mir ja eine Produktion Pete Walkers schon für das ganze Leben gereicht, aber immerhin gilt der Mann heute rückblickend als der große Nestbeschmutzer im Königreich ihrer Majestät, wenn es um die schaurig-abseitigen Unterhaltungsprodukte der 60er und 70er geht.
Gegen Walker sehen Hammer und Amicus wie Filme aus einer anderen Welt aus und wenn jemand ganz nebenbei, zufällig oder aus purem Unvermögen den schäbigen Arbeiterklassenrealismus und die Geschmacklosigkeit der Epoche in seine Filme hat mit einfließen lassen, dann war es Walker.

Was jedoch lange liegt, wird selten gut und ernsthaft hatte ich auch gar nicht erwartet, daß sein wohl bekanntester Film "Frightmare" nun die Ausnahme von der Regel sein sollte. Ich rechnete mit einigem Tabubruch, ein paar Geschmacklosigkeiten und ansonsten recht angejahrten Bildern.
Das wird an sich auch alles geliefert, jedoch in beschränkterem Maße, als man vielleicht erwarten würde, denn obwohl sich der Film eines makabren Themas bedient, ist er doch alles in allem recht zahm ausgefallen.

Wir starten gut durch mit einer Rückblende in die Fünfziger, einem netten Gore-Happen und dann einer Verknackung des verantwortlichen Ehepaars für einige Jährchen, wobei sie die Meuchlerin war und er brav seinen Mann gestanden hat.
Wir wechseln darob ins Farbige, wenn die Schwestern Debbie und Jackie die Führung übernehmen, die natürlich die gebeutelte Nachkommenschaft des Mörderpärchens darstellen. Die Delinquenten sind übrigens schon wieder auf freiem Fuße, wenn auch gut versteckt und schon bald regt sich wieder was im Gebüsch. Während Jackie das schwere Versorgungslos übernimmt, macht Debbie ordentlich einen drauf und mischt schon mal aufmüpfige Nachtwanderer in London mit ihren Motorradfreunden auf.

Das sind dann auch (die erste halbe Stunde) die besten Szenen des Films, die noch wunderbar roh rüberkommen, die biestig-soziopathische Debbie, ein Luder erster Kajüte und Jackie, die ständig ihren Freund auf Distanz halten muß, der für das logische Denken zuständig ist.
Wer jetzt allerdings gemäß des Posters auf die große "killing spree" von Großmama Dorothy wartet, kann sich schon mal den Bart raufen, denn Walker bleibt relativ zahm und blendet dann doch das Gröbste aus, wobei der stete Tarot-Mumpitz der Handlung gar nichts bringt, denn der mystische Touch verfängt in dem klinischen Realismus bieder-britischer Hipness-Mietwohnungen nun so gar nicht.
Auch der große Kürbis, der nach knapp zwei Dritteln gereicht wird, macht leider nicht satt, denn die Enthüllung, daß Mum und Dad in Wirklichkeit nicht nur gekillt, sondern auch arg geschlemmt haben, kommt nicht wirklich überraschend, nachdem man vorher schon mit roten Heringen in Form von Fleischpaketen totgeschmissen wurde.
Sicherlich funktionieren einige morbide Traumsequenzen, allerdings wird nie ganz klar, warum sich alle so mäßig gegen die wahrhaft nicht mehr standhafte Dame wehren können, wenn die mal wieder zum Schürhaken greift.

Irgendwann verliert man in der Aufklärungsarbeit des guten Freundes und den Verstecksspielen mit der Verwandtschaft dann aber leider das Interesse und Walker hat leider nichts in petto, um das optisch wirklich rauszureißen.
Natürlich war Kannibalismus in den 70ern in good old england nicht gerade das Filmthema, daß einem jede Woche begegnete, aber die wackeren Exploiter drüber im Yankee-Hinterland hatten da schon ganz andere Perversitäten auf der Pfanne und das seit Jahren.

Mit dem Finale präsentiert Walker dann einen nihilistischen Downer, der aber aber nicht wirklich überraschend kommt und damit auch weder beglückend noch mitreißend, alles wirkt wie eine logische Folgeerscheinung des bisher Gezeigten, filmisch durchaus realistisch, aber ohne erzählerische Finesse oder ein paar Winkelzüge, die echten Schock hätten provozieren können.
Interessant maximal wegen des Lokalkolorits, während alle Welt immer noch britischen Episodenfilmen über die gute alte unheimliche Zeit hinterher hechelte, zeigt Walker den ungeschönten Realismus, der vermutlich auch Muttern provozieren wird, noch mal über ihre Tapetenwahl während der Brandt/Schmidt-Ära nachzudenken. Die Inneneinrichtungen sind hier der wahre Horror, daß Oma ihre Kinder frißt, bringt hier leider keinen Draht zum Glühen. (4/10)

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