„Haus der Todsünden“ würde er erst seinen nächsten Film taufen. Aber vielleicht wurde Pete Walker vom abgelegenen Landhaus des Ehepaars Yates dazu inspiriert, diesen Titel als nächstes zu vergeben. Der Horror-Schocker „Frightmare“ um eine Kannibalin auf Bewährung und ihren fürsorgenden Ehemann gibt schon mal einen Vorgeschmack auf die in der Todsünde konnotierte Gottlosigkeit, mit der sich das Leben manchmal unkontrolliert seinen Weg bahnt.
England, 1957. Dorothy Yates und ihr Ehemann Edmund werden in die psychiatrische Anstalt verwiesen. Man wirft ihnen vor, mindestens sechs Menschen getötet und teilweise verspeist zu haben. Siebzehn Jahre später gelten sie als geheilt und werden entlassen. Auf ihrem Anwesen am Rande des britischen Haslemere versuchen sie, über die Runden zu kommen, wobei sie die Kontakte zur Außenwelt auf ein Minimum begrenzen. Edmunds Tochter Jackie aus früherer Ehe lebt mit ihrer Stiefschwester Debbie, der leiblichen Tochter Dorothys, in der Stadt. Debbie, die erst kurz vor der Verurteilung ihrer Eltern geboren wurde, hatte noch nie Kontakt zu ihnen. Doch der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, und so bleibt die Familie nicht lange getrennt…
Die Judikative, die schon in „Haus der Peitschen“ spektakulär ihren Dienst versagt hatte, spielt in „Frightmare“ nur noch eine kleine Nebenrolle. Sie agiert als Institution, die sich weitgehend selbst abschafft. Im Grunde delegiert sie ihre gesamte Verantwortung an die Psychologie, in deren Ermessen es nach dem Urteilsspruch steht, ob und wann die Angeklagten wieder in die Freiheit entlassen werden. Tröstlich spricht der Richter gegenüber der Öffentlichkeit seine Zuversicht aus, dass eine gesellschaftliche Reintegration möglich sei; so wie man einem Todkranken Hoffnung machen würde, dass alles gut werden wird. Natürlich wird es das nicht; denn in gewisser Hinsicht handelt es sich um einen Film über das Scheitern der Psychologie.
Einen Zeitsprung später sind die in Schwarzweiß gehaltenen 50er Jahre des Prologs passé. Die Gegenwart der mittleren 70er Jahre übernimmt. Typisch für die Handschrift des Regisseurs trägt sie die blassen Farben eines Sonnenaufgangs an einem verwitterten Herbstmorgen, beobachtet durch die aufgewühlte Oberfläche einer Wasserpfütze. Es ist ein trostloses England, in dem Generationen achtlos ihre Wege kreuzen und Reibungsspuren hinterlassen. Das Gesetz von Staat und Kirche wacht zwar als Regenwolke über dem grauen britischen Himmel und steht bereit, wenn nötig einen neuen Urteilsspruch zu verkünden, doch Walker hält sich absichtlich in den düsteren Ecken und Winkeln auf, wo der Regen nicht hingelangt. Zeigen möchte er, wie der Verlauf aller Dinge pervertiert, wenn der Kontrollapparat versagt… und wo könnte er das besser als in der privaten Chronik einer dysfunktionalen Familie?
Wenn „Frightmare“ immer wieder als britisches Pendant zum „Texas Chainsaw Massacre“ geführt wird, dann hat das auch mit der Familien-Thematik zu tun, die beide Filme in ihrem Entstehungsjahr 1974 einten. Die Psychopathie der Filmmonster, auf der einen Seite Leatherface, auf der anderen Seite Dorothy, kann durch diesen Kontext Legitimierung erfahren, ja bisweilen wird sie sogar durch die Familie geprägt und geschaffen. Während schwere Persönlichkeitsstörungen in Backwood-Horrorfilmen allerdings üblicherweise Symptome eines degenerativen Prozesses sind, der sich über Generationen hinweg zur neuen Normalität entwickelt hat, steht in „Frightmare“ immer noch ein traumatisches Kindheitserlebnis im Mittelpunkt einer Psychoanalyse, die sehr unmittelbar in der Filmhandlung betrieben wird; unter anderem auch durch eine Nebenfigur, die den Beruf des Psychologen ausübt.
Anders als Tobe Hooper behandelt Walker somit also eine immer noch präsente Schuldfrage, der sich die Auslöserin der Gewaltspiralen stellt. Dem rohen, erbarmungslosen Terror des Kettensägenschwingers ist damit zwar nicht beizukommen, aber im Umkehrschluss wird eine Reflexion der Ereignisse auf einer Vielzahl von Ebenen ermöglicht. Dem Regisseur gelingt es mit diesem Ansatz zum wiederholten Mal und vielleicht auch besser als jemals sonst, gesellschaftliche Aspekte auf einem Niveau zu verhandeln, das man bei der eher niederen Prämisse des Films und seiner schmuddeligen Machart nicht auf der Rechnung hat.
Wie so oft darf er dabei auf die Unterstützung seiner Stammschauspielerin Sheila Keith zählen, die wohl ihr Paradestück abliefert als eine von den eigenen Trieben gepeinigte Ehefrau und Mutter. Dabei liegt der erzählerische Fokus eigentlich auf Deborah Fairfax in der Rolle ihrer Stieftochter. Auch sie verbirgt tiefe Abgründe und ist weit mehr als eine neutrale Beobachterin, verarbeitet das Drehbuch doch ihre innere Zerrissenheit zwischen der Zugehörigkeit zur Familie und der Sehnsucht nach einem normalen Leben. Ebenso bereichert Rupert Davies das Ensemble mit einer tragischen Komponente, die ihm einen erinnerungswürdigen finalen Auftritt beschert, während Kim Butcher als jüngere Tochter ihre eigene Generation in das Spiel mit einbezieht. Das befähigt Walker dazu, ähnlich wie in „The Flesh and Blood Show“ die Kollision zwischen den Älteren und den Jüngeren aufzuzeigen. Während die Nebenfiguren, darunter etwa der Psychologe, ein Barmann oder die Freunde der Töchter, eher als Modellindikatoren denn als vollwertige Charaktere in Erscheinung treten, steckt also in den Hauptfiguren eine ganze Menge sozialpsychologisches Potenzial, das in letzter Instanz von dem erschreckenden und doch faszinierenden Portrait Sheila Keiths bestimmt wird.
Bohrt man allerdings mit den Instrumenten der Psychoanalyse zu tief, so stößt man auf einen hohlen Kern. Erklärungsversuche für die abnormalen Neigungen Dorothys werden mit einem Erlebnis aus der Kindheit nur sehr oberflächlich abgehandelt, das Verhalten ihres Mannes wiederum wird pauschal mit Liebe begründet. Ein tieferes Eintauchen in die Abgründe des Kannibalismus scheint möglich. Der Verzicht darauf hat aber wohl weniger mit dem Desinteresse oder auch dem Unvermögen der Exploitation zu tun, zu welcher ein Terror-Schocker wie dieser augenscheinlich zu zählen ist, sondern eher damit, dass Walker stets eher darauf bedacht war, das britische Klassensystem zu charakterisieren als den einzelnen Menschen vom System losgelöst zu analysieren.
So oder so, das bevorzugte Mordinstrument der Familie Yates, eine Bohrmaschine, nimmt nicht etwa bloß Abel Ferraras „Driller Killer“ vorweg, es eignet sich auch hervorragend als Metapher für die verzweifelte Suche der Mörderin nach den Gründen für das eigene Handeln. Angesichts der morbiden Thematik und der groben Tötungsmethode bleibt „Frightmare“ dabei ein bemerkenswert blutarmer Film, der hauptsächlich Assoziationen walten lässt, um Schrecken zu verbreiten – auch in diesem Punkt ist er sich mit dem „Kettensägenmassaker“ einig. Ein paar grässlich mit dem Bohrer zugerichtete Köpfe sind alles, was zu ihrer Anregung benötigt wird. Von der On-Screen-Action des eindringenden Bohrkopfes bleibt man ebenso verschont wie von unschönen Dinner-Szenen. Im Vordergrund stehen vielmehr Konfrontationen auf Dialogebene, in denen schmerzhaft Dissonanzen überwunden werden müssen, um in ein neues Stadium der Klarheit eintreten zu können. Zusätzliche Schauwerte sind in Form einer durchaus bedrohlichen Traumsequenz in einem Zug gegeben sowie durch die Unberechenbarkeit, mit der praktisch jede Szene binnen Sekunden eine Wendung erfahren kann.
Das Ende, obgleich es sich lange im Voraus anbahnt, trifft passend dazu schnell und hart ein, weil es bewusst gegen den Rhythmus gesetzt ist. Es vermittelt etwas Demoralisierendes, geboren aus einer Eigenschaft, die im Grunde für das Medium des Films charakteristisch ist: Aus der Unfähigkeit, in das Geschehen einzugreifen. Ob Pete Walker also letztlich daran gelegen ist, einen Appell gegen das System auszurufen, um etwas zu verändern, sei dahingestellt. Vielleicht ist er auch einfach ein völlig unromantischer Beobachter nicht zu verhindernder Grausamkeit.