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Einen Film "Mama" zu nennen, erweckt erst einmal Vertrauen, sollte man unbedarft auf Andrés Muschiettis Film zugehen und seinen gleichnamigen Kurzfilm aus dem Jahr 2008 noch nicht kennen. Dort deutete er schon an, dass "Mama" nicht nur für Schutz, Liebe und Geborgenheit steht, sondern auch für Besitzergreifung und Überbehütung. Zudem vermitteln gleich die ersten Szenen eines hektisch aufbrechenden Vaters, der seine beiden kleinen Töchter in seinen Wagen packt und mit hohem Tempo davon fährt, den Eindruck von Alleinsein und Bedrohung, der sich noch verstärkt, als sie in einer leer stehenden, herunter gekommenen Waldhütte landen, nachdem der Vater die Kontrolle über seinen Wagen auf schneebedeckter Straße verloren hatte und die Böschung hinab gestürzt war. Er hatte schon seinen Partner und seine Frau, die Mutter der beiden Mädchen, erschossen und jetzt drückt er seine Waffe an den Kopf seiner 3jährigen Tochter Victoria.

Das ist der Moment, in dem erstmals eine aus den Wänden kriechende, dunkle Gestalt auftaucht, die in der einsamen Waldhütte hauste. Man sieht sie nicht, aber es steht außer Frage, dass sie keinen vertrauenswürdigen Anblick bieten wird, doch ihre Tat bedeutet die Rettung für die Mädchen. Sie tötet den Vater und beginnt die Schwestern zu ernähren. Die Komplexität dieser Ausgangskonstellation liegt darin, dass die Probleme erst anfangen, als fünf Jahre später der Onkel der Mädchen, Lucas (Nikolaj Coster-Waldau), die Kinder im Wald findet, genauer zwei Männer, die in seinem Auftrag schon lange nach ihnen gesucht hatten. Wären die Mädchen nie entdeckt worden, hätten sie weiter im Wald leben können, gesund und unversehrt, nur nicht nach den Normen unserer Gesellschaft. Auch das unbekannte Wesen stellte an sich noch keine Gefahr dar, war weder eingesperrt, noch gierte es nach Kontakt zu den Menschen, sondern nahm sich der zwei kleinen Mädchen in ihrer größten Not an, deren Herausreißen aus ihrer gewohnten Umgebung im Wald erst die weiteren Vorgänge auslösen sollte.

Darin liegt der wesentliche Unterschied zum Geisterhorror japanischer Herkunft, an den die schwarze, kauernde, langhaarige Gestalt erinnert, die vor ihrem Erscheinen die Wände wie von der Pest befallen verfärbt – sie ist nicht einfach nur bösartig. Die gruselige Atmosphäre entsteht entsprechend weniger durch die Gefahr, die von ihr ausgeht, als aus der Kombination mit den zwei Mädchen, die offensichtlich von einer nicht menschlichen Kreatur erzogen worden sind. Besonders Lilly (Isabelle Nélisse), die erst ein Jahr alt war, als ihr Leben im Wald begann, bewegt sich spinnenartig und ernährt sich weiter von Nachtfaltern, während die 8jährige Victoria (Megan Charpentier) deutliche Zeichen der Besserung zeigt. Unter „Besserung“ versteht sich die Annäherung an die menschliche Zivilisation, aber in seinen besten Momenten gelingt es dem Film, zu hinterfragen, ob diese gesellschaftlichen Normen alleine bestimmen können, welche Form der Erziehung, Liebe und Behütung für ein Kind die richtige ist, denn für Lilly ist die dunkle, unsichtbare Gestalt ihre „Mama“.

Doch in Andrés Muschiettis Film ging es nicht allein um die Komplexität der Mutterrolle, sondern er sollte auch ein richtiger Horror-Film werden, weshalb der Regisseur und Autor die Mädchen und ihren „Schatten“ mit aus dem Genre vertrauten Typen konfrontierte. Während Onkel Lucas zwar mit seiner hartnäckigen Suche die Vorgänge im Film erst auslöste und ihm die Mädchen vom Familiengericht zugesprochen werden, nachdem sie erste Anzeichen der Anpassung zeigten, spielt er darüber hinaus keine wesentliche Rolle, sondern bleibt in seiner netten, aber unkonkreten Art blass. Psychologe Dr. Dreyfuss (Daniel Kash) ist dagegen ein anderes Kaliber, denn er sieht in den Schwestern die idealen Forschungsobjekte. Für ihn ist „Mama“, von der ihm Victoria in den Sitzungen erzählt, eine sensationelle Entdeckung, die er zuerst als schizophrene Erscheinung interpretiert, bevor er beginnt, die Informationen des Kindes genauer nachzuprüfen. Dagegen ist Tante Jean (Jane Moffat), die die beiden Mädchen auch für sich haben will, in ihrer gouvernantenhaften Art nur das typische Hassobjekt, dass sich „Mama“ hätte sparen sollen. Angesichts unzähliger Filme, in denen schon ein geäußerter Verdacht genügte, Erziehungsberechtigte zu diskreditieren, ist es geradezu lachhaft und auch ungesetzlich, von ihr zu verlangen, die Misshandlungen der Kinder zu fotografieren, um ihre Behauptungen zu beweisen.

Man spürt, dass die gute Idee des Kurzfilms für eine lange Spielzeit allein nicht ausreichte, weshalb es zu Wendungen kommt, die entweder die Logik vermissen lassen - etwa wenn Jeder, der die Waldhütte besucht, sie immer nur bei Dunkelheit erreicht - oder mittendrin fallen gelassen werden, wie der Hinweis des Bruders, den Lucas im Traum erhält. Diese unnötigen Szenen stören ein wenig den guten Gesamteindruck eines Films, der mit einer differenzierten weiblichen Hauptrolle aufwarten kann. Annabelle (Jessica Chestain), Lucas’ Freundin, gerät unfreiwillig in ihre Mutterrolle. Sie ist Rockmusikerin und der Film beginnt damit, dass sie aufatmet, als ihr ein Schwangerschaftstest bescheinigt, nicht schwanger zu sein. Ihr Umgang mit den Mädchen ist von Pragmatismus geprägt, ohne Erwartung an Gegenliebe, was sie zunehmend zu einer ernsthaften Konkurrenz zu der gespenstischen „Mama“ aufbaut.

Viele Story-Elemente und optische Details, sowie die Inszenierung des Schreckens werden dem Genre-Kenner bekannt vorkommen, aber die kluge Grundidee bleibt immer spürbar und erzeugt in ihrer Zwiespältigkeit besonders in der ersten Hälfte des Films eine dichte, gruselige Atmosphäre. Das Ende wirkt ein wenig theatralisch, bleibt aber dem Charakter eines Films treu, dessen Geschehen überraschend bleibt. (7/10)

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