Fast hätte man Jessica Chastain nach ihrer oscarnominierten Rolle in „Zero Dark Thirty“ nicht mehr erkannt, da die markanten hellroten Haare einer schwarzen Kurzhaarperücke weichen mussten. Rein körperlich erkennt man jedoch Javier Botet, der erneut (nach „REC“ 1 bis 3) das Monster mit den langen Gliedmaßen geben muss, diesmal als titelgebende Mama.
Fünf Jahre blieben die kleinen Nichten Victoria und Lilly von Marcus und Freundin Annabel (Chastain) verschwunden, nun sollen sie bei ihnen wohnen und so langsam in die Gesellschaft eingeführt werden. Doch wer oder was ist „Mama“, die ominöse Person, welche die Kinder während der Zeit begleitet haben soll? Fiktion und Phantasie der Kinder oder ein beschützender Geist? Als David die Treppe herunter stürzt, dramatisiert sich allerdings die zunächst friedliche Situation…
Es ist das Langfilmdebüt des argentinischen Regisseurs Andrés Muschietti, der 2008 bereits die Kurzfilmfassung seines Werkes ablieferte. Unterstützt durch einen großen Namen wie Guillermo del Toro schafft es der Streifen gleich auf die große Leinwand und hier zahlt sich vor allem das saubere und gut durchdachte Handwerk aus. Aber auch die Geschichte vermag aufgrund der überaus interessanten Prämisse Aufmerksamkeit erregen.
Ähnlich wie das Wolfskind erscheinen die Mädchen nach fünf Jahren in der Waldhütte, sie bewegen sich auf allen vieren und müssen logopädisch trainiert werden, von sozialen Kontakten ganz zu schweigen. Da haben sich Comiczeichner Marcus und Punk-Bassistin Annabel zwei Kuckuckseier ins Haus geholt, denn unberechenbar erscheinen die soziopathischen Kinder allemal, was vor allem im ersten Drittel für Spannung sorgt.
Dass mit Mama ein beschützender Geist aktiv wurde, ist natürlich keine Überraschung und auch die kleinen Effekte am Rande reißen nicht unbedingt vom Hocker, wenn ein Huschen im Hintergrund zu vernehmen ist, Motten die Gegenwart der Dämonischen ankündigen oder ein wallender Umhang auf dem Boden immer mehr Volumen erreicht. Doch atmosphärisch wird alles richtig gemacht, die Aura der Kinder schwankt zwischen niedlich und Furcht einflößend, während Marcus Figur arg in den Hintergrund gerät und Annabel den Part der Versorgung zunächst eher widerwillig annimmt. Daraus entwickelt sich jedoch eine ansprechende Entwicklung, zumal die Situationen immer prekärer werden und die Bindung zu den Mädchen unweigerlich wächst.
Im Kern erfindet die Geschichte das Rad nicht neu und kombiniert unzählige Versatzstücke vom klassischen Gotik Horror bis hin zum asiatischen Geisterfilm. Doch die emotionale Entwicklung ist durchaus beachtlich, denn aufgrund des Hintergrundes von Mama zu Lebzeiten ergibt sich eine fast schon untypische Ambivalenz, da man gegen Ende fast Mitleid empfindet. Das raubt jedoch anderweitig den Schrecken der Erscheinung, welche im Finale mit zuviel CGI umgeben etwas zu lange im Vordergrund agiert. Somit wirkt der Showdown deutlich überladen, obgleich er in kurzen Momenten durchaus berühren kann.
Darstellerisch offenbart Jessica Chastain eine unglaubliche Wandelbarkeit auch innerhalb ihrer Figur, die von rotzig frech bis zu emotional am Abgrund pegelt. Aber auch die beiden Kinder sind gut besetzt und agieren ohne Makel, während Javier Botet, der an einer recht seltenen Bindegewebserkrankung leidet, mit seinen fast zwei Metern und deutlichem Untergewicht vor allem während der Attacken zu punkten vermag.
Bildtechnisch liefert die Kamera ein paar recht clevere Blickwinkel, die Farbfilter sind meistens angemessen eingesetzt und auch der Score von Fernando Velázquez umfasst ein gefälliges Repertoire von Piano bis tief drohendem Klangteppich.
„Mama“ ist also einerseits ein typischer Geisterfilm ohne nennenswerte Überraschungen geworden, der auf handwerklicher Ebene von grundsolidem Niveau zeugt und sehr gute darstellerische Leistungen einbindet, doch anderweitig gibt es die kleine Komponente der sich entwickelnden Emotionalität, was beim 08/15-Schocker eher selten bis gar nicht vorzufinden ist. Auch wenn es am Ende ein wenig zuviel wird und die Computereffekte ihre Herkunft kaum verleugnen können, - unterm Strich bleibt ein unterhaltsamer Streifen, dessen Macher in Zukunft gerne mehr von dieser Sorte abliefern darf.
7 von 10