Angst. Angst vor der Gewalt. Angst davor, aus dem Haus zu gehen. Angst vor dem daheimbleiben. Angst, weil man das falsche T-Shirt trägt. Weil man die zufällige Bewegung des Typen in der Kneipe nicht vorhergesehen hat. Weil man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Angst.
Damien ist ein Streifenpolizist in London. Er versucht seinen Job zu machen, den Menschen zu helfen, und Probleme zu lösen. Aber das Einzige, was ihm entgegenschlägt, ist Hass. Purer, blanker Hass. Hass auf die korrupte Metropolitan Police und ihre Vertreter. Hass auf die ganze Gesellschaft. Zum Beispiel die Frau, deren Kind von jugendlichen Schlägern mehrmals die Woche zusammengeschlagen wird. Ihr Mann schiebt Dienst in Afghanistan. Und als der Soldat ums Leben kommt, wird der Junge mal wieder übel verprügelt. Damien versucht zu vermitteln, aber der Junge nimmt die Waffe seines Vaters und erschießt einen der Typen. Die Frau hat nichts mehr. Gar nichts mehr. Keinen Mann, kein Kind. Nur ihren Hass auf einen Polizisten, der eigentlich nur helfen wollte, und damit unabsichtlich alles schlimmer gemacht hat.
Damien war früher Hooligan. Er hängt immer noch mit seinen Kumpels von damals ab, und hilft ihnen ab und zu, wenn sie Ärger haben mit der Polizei. Aber er merkt allmählich, dass die Kumpels ihn nur ausnutzen, während seine Kollegen ihn nicht für voll nehmen. Für die Kollegen ist er einer von den Hools, für die Ex-Kumpels der Verräter. Damien mag Louise, seine junge und unerfahrene Kollegin. Und Louise mag Damien. Louises Vater sitzt im Rollstuhl, weil ihm Hooligans nach einem Fußballspiel mit einer Eisenstange das Rückgrat gebrochen haben. Louises Vater war Polizist. Jetzt reicht seine Rente kaum um über die Runden zu kommen.
Wir schreiben das Jahr 2011. Es ist August, und nach friedlichen Demonstrationen in Tottenham beginnen Unruhen, die schnell auf die gesamte Stadt London übergreifen. Häuser brennen, Geschäfte werden geplündert, Gangs brechen in Häuser älterer Menschen ein und zerstören die Wohnungen, nur so, aus Spaß an der Demütigung. Und mittendrin Damien und Louise.
RIOT (der deutsche Titel passt nicht und ist irreführend) ist beileibe nicht der erwartete Hooligan-Knaller, mit prügelnden Idioten und gesichtslosen Cops. Und anders als A.C.A.B. – ALL COPS ARE BASTARDS konzentriert sich RIOT nicht nur auf die desillusionierten Polizisten und schwerkriminellen Thugs, sondern spinnt den Faden weiter zu einer Darstellung der Gesellschaft, die unter ihrem permanenten Druck und in ihrem Streben nach Gewalt in einer unfassbaren Zerstörungsorgie mündet. Was man, wenn man möchte, vielleicht auch als Analogie zur spätkapitalistischen Gesellschaft und ihrer Selbstzerstörung mit Ansage sehen könnte …
Nichtsdestotrotz ist RIOT in erster Linie die Studie eines Mannes, der anders sein will als sein krimineller Vater. Anders als seine halbkriminellen und gewalttätigen Freunde. Und der daran zerbricht. Daran, und an der allgegenwärtigen Gewalt in den Straßen und Wohnungen des Landes. Überall wird nur geschlagen und getreten; Männer verprügeln ihre Frauen, Schüler stiefeln ihre Mitschüler, Menschen vernichten das Leben anderer Menschen. Die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt, und die sich zart anbahnende Liebe zwischen Damien und Louise steht von vornherein unter einem bösen Stern. Der Zuschauer begleitet Damien auf seinem Weg, und dieser Weg ist bitter und schmerzhaft. Viele kleine Geschichten werden dabei erzählt. Geschichten von tiefen Verletzungen und von umfassenden Zerstörungen. Diese Geschichten werden nicht ausfabuliert, sondern nur angedeutet. Ein Bild sagt hier oft mehr als jeder Dialog, und Text und Bild ergeben in diesen Momenten keine Einheit und können auf diese Weise so viel mehr sagen. Etwa wie dieser Junge, dessen Mutter von ihrem Mann zu Brei geschlagen wird. Damien kann sich dem Jungen ein ganz klein wenig nähern, aber nur ein klein wenig. Damien erkennt sich in diesem Jungen wieder – So war er früher auch einmal. Rebellisch, unangepasst, gewalttätig. Damien möchte gerne helfen, aber irgendwann wird er den Jungen wieder sehen. Vor seinem Schild. Auf der anderen Seite der Kampflinie. Und der Junge ist voller Hass und bereit zu töten. Damien kann niemandem mehr helfen, es will einfach niemand mehr, dass ihm geholfen wird. Sich andern Menschen zu öffnen bedeutet, Schwäche zu zeigen. Und Schwäche bedeutet Angriffsfläche zu bieten. Bedeutet verletzt zu werden. Oder schlimmeres.
Die Stimmung ist bedrückend. Alle Menschen sind entweder aggressiv oder niedergeschlagen. RIOT malt das Bild einer Gesellschaft, die sich längst selbst aufgegeben hat, die von ihren Führern verlassen wurde, und die bereit ist, sich selbst voller Wonne zu zerfleischen. Die wenigen Menschen in dieser Gesellschaft, die bereit wären sich dagegen zu stemmen, werden vom Rausch der Gewalt mitgezogen und gehen unter.
Auf seine Weise ist RIOT ein grauenerregender Film. Er zeigt eine existierende Realität, die man als Filmzuschauer eigentlich ausblenden möchte. Keine mythische Überhöhung heldenhafter Gewalttäter, keine War Machines, kein Eskapismus, sondern die ganz alltägliche Gewalt und ihre entsetzlichen Folgen. Ein Film, der tief unter die Haut geht! Und London kann überall sein …