1700 Seemeilen vor Sumatra. Ein halb versunkener, roter Container treibt einsam im stillen blauen Ozean. Dann hört man eine Stimme aus dem Off, die bedrückt, aber gleichzeitig auch sehr gefasst klingt: „Alles ist verloren… Ich habe bis zum Ende gekämpft. Ich bin nicht sicher, ob das einen Sinn hatte, aber ich weiß, dass ich es getan habe… Es tut mir leid.“.
Mit diesen stimmungs- aber nicht gerade hoffnungsvollen Worten beginnt All Is Lost, ein Überlebensdrama aus der Feder von J.C. Chandor (Der große Crash – Margin Call), der nicht nur für das Drehbuch sondern auch für die Regie verantwortlich zeichnet. Was danach folgt ist eine Rückblende über 8 Tage, in der geschildert wird, wie es zu diesem vermutlichen Abschiedsbrief gekommen ist. Chandor thematisiert in All Is Lost den klassischen Kampf eines in Seenot geraten Menschen gegen die Natur, geht dabei jedoch in mehrerlei Hinsicht sehr einzigartig und konsequent vor. Es gibt mit Robert Redford nur einen Darsteller und praktisch nur einen einzigen Schauplatz im gesamten Film: Das Boot des Seglers in der scheinbar unendlichen Weite und Leere des Ozeans. Das Drehbuch dieses Überlebensdramas auf hoher See umfasste lediglich 30 Seiten und nach dem kurzen Monolog des Intros folgt nur noch ein einziges Wort im ganzen Film: „Ffffffuuuuuck!“ Ich könnte jetzt aufklären, was genau zu dieser seltenen verbalen Stimmungsbekundung geführt hat, jedoch bezieht der Film seine Spannung und Faszination gerade aus der akribischen Dokumentation scheinbar kleinster Ereignisse dieser Katastrophe und so ist es besser, man geht möglichst gänzliche ohne Vorwissen zu Handlungsdetails in diesen Film.
Im Vergleich zu Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger, den ich ebenfalls besprochen und (als sehr empfehlenswert) bewertet habe, geht All Is Lost stilistisch einen völlig anderen Weg. Während Life of Pi den Zuschauer mit immer neuen spektakulären Bildern und Eindrücken fast schon überflutet, gibt sich All Is Lost extrem minimalistisch, reduziert und fokussiert auf den Protagonisten und seinen Kampf gegen die Widrigkeiten seines Schiffbruchs. Es gibt keinen Dialog, keinerlei dramaturgische Taschenspielertricks, keinen Soundtrack und keine computergenerierten Spezial-Effekte. Lediglich eine detaillierte Aneinanderreihung der schicksalhaften Ereignisse und den reagierenden Handlungen unseres namenlosen Helden, was fast schon wie eine Art Schlagabtausch wirkt. Wer nun daraus folgert, All Is Lost hätte visuell nichts zu bieten, der irrt jedoch. Der Film überzeugt durch eine eigenständige und sehr intensive Bildsprache, die sehr nah am Protagonisten ist und uns einen faszinierend agierenden Robert Redford im fortgeschrittenen Alter zeigt, dem die Rolle wie auf den Leib geschrieben scheint. Einen gelungenen Kontrast zu den vielen, fast schon notgedrungenen Nahaufnahmen in der räumlichen Enge des Bootes bilden jedoch wunderschöne Panoramen, die die Weite und Einsamkeit des Ozeans einfangen. Hinzu kommen fantastische Unterwasseraufnahmen, die man so selten gesehen hat und die Katastrophe besonders eindringlich widerspiegeln.
Worin sich beide Filme jedoch sehr ähnlich sind ist die im Grundsatz positive Botschaft, die sie vermitteln. Der Titel „All is Lost“ ist demnach weniger als Feststellung sondern eher als eine Frage zu verstehen. Denn auch wenn alles verloren scheint, kämpfen die Menschen dagegen an, solange sie können. Es liegt wohl einfach in unserer Natur, uns gegen das scheinbar Unvermeidliche zu stellen und selbst das Unmögliche zu versuchen. Gut so.