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Wo sonst die patriotische Keule geschwungen und meist mithilfe des Period Piece Setting noch im Nachhinein die Tugenden des Vaterlandes mehr oder weniger besungen werden, bietet The Bullet Vanishes trotz der Nachbildung der Vergangenheit eher eine braungraue Kulisse von Zerstörung und auch ein Experiment ohne moralischer Substanz ab. Angelegt als Mysterythriller mit sowohl übersinnlich scheinenden als eben auch kriminalistischen Aspekten wird die Geschichte einer Rache und im Grunde auch die der Erhebung über die Umstände erzählt. Ein nur scheinbar künstliches Paradies, in dem wenig bewundernswert und der Fortschritt nur aus Korruption, Schutt und Menschenleben entsteht:

Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts, Tiancheng, Hubei, China.
Neu in der Stadt und auf dem Posten wird der Forensiker und Psychologe Inspector Song Donglu [ Lau Ching-wan ] zusammen mit Captain Guo Zhui [ Nicholas Tse ] und dessen Assistenten Xiaowu [ Jing Boran ] zu mysteriösen Mordfällen in der Waffenfabrik des skrupellosen Mr Ding [ Liu Kai-chi ] gerufen. Nicht nur, dass von einem Verdächtigen, geschweige denn dem Täter jede Spur fehlt, auch sind die jeweiligen Kugeln, die die Opfer getötet haben, nicht aufzufinden. Während die Arbeiter der Fabrik von dem Unheil vor ort überaus verschreckt sind, und auf einen dräuenden Fluch hinweisen, versucht die lokale Polizei unter Chief Jin [ Wu Gang ] die Ereignisse möglichst herunterzuspielen oder gleich ganz zu vertuschen, während der schießwütige Wang Hai [ Wang Ziyi ] die unwillkommenen Eindringlinge von der Gesetzesseite auf seine Weise zu vertreiben versucht.

Eher leise vorbereitet und mit vergleichsweise wenig Marketing trotz des gehobenen Budgets von 12 Mio. USD in Szene gesetzt, entpuppt sich der ehemals 'Ghost Bullets' Betitelte als überraschende Übereinkunft der Produktionsländer China und Hongkong, in einer Kooperation der unterhaltsamen Ausstellung der Talente beider Sitten. Während das als Filmbusiness boomende China die Kosten beisteuert und für die optisch wohlfeile Dekoration und die finanzielle Sicherheit dessen sorgt, bringt das darbende HK den Regisseur und die beiden Hauptdarsteller mit, ohne sich im gegenseitigen Extrem gegenseitig zu ruinieren. Die Produktion und ihre gewählte Geschichte dabei gleichsam als Unikat im Geschehen, wird sich in der Aufklärung um die Analogien der Locked room mystery, also die Beispiele der englischsprachigen Belletristik, vorzugsweise und je nach Gusto aus der Feder der Autoren Dorothy L. Sayers, Agatha Christie, Edmund Crispin oder auch die der Spezialisten S. S. Van Dine und Carter Dickson bemüht. Viele kleine Rätsel und verwirrungen matroshkaartig versteckt ergeben ein größeres, allerdings auch etwas verkompliziertes, durch Showeinsätze wie eine Abfolge von Explosionen, Schusswechsel in Fabrikruinen oder Verfolgungsjagden durch Vergnügungsviertel angereichertes Bild.

Das Gelingen der Aufmerksamkeit, das Interesse der Behandlung dieses Subgenres der Kriminalliteratur und das Entzücken der Begleitung und Verfolgung dieser Rätselei und Auflösung ist der Handlung so bis zum Showdown, wenn nicht ganz bis zur Auflösung gewiss. Auch die Taktik des Studios, sich alles Andere als direkt, aber unausgesprochen auch Betrachtungsweisen aus dem amerikanischen Sherlock Holmes und seiner Fortsetzung (2009/11) nicht zu scheuen, stellt sich in dieser Art und Weise der Behandlung als positiv dar. Denn eine Kopie ist man formal oder materiell nicht, in der cinematografischen Erinnerung aber der 'Vorgänger' immer dezent da, und dabei gar nicht im positiven Gewinn.

So ist hier das Setting des klassischen Whodunit wesentlich gereifter in der Prägung, und in schmuckvoller Funktionalität, nicht unsäglich mit nutzloser Bewegung, permanenten Schauplatzwechsel oder popmedialen Bekunden vollgestopft. Vielmehr ruht man sich auf einen Ort und dort auch nur an zwei Stellen aus; dem des großbürgerlichen Lebens in Gesellschaft einer bunten Abendstadt, in der sich im fahlen Gelb außer Feiern und anderweitig Vergnügen nicht viel ergibt, und dem der Waffenfabrik als Vorplatz der Hölle für sich. Von Schienen durchzogen, von zerbröckelnden Mauern zerteilt und Kellergewölben zerfurcht. Reich und Arm strikt getrennt, werden die Arbeiter auch nicht aus der allgegenwärtigen Umzäunung von Holz und Draht entlassen, sondern verbringen ihr gesamtes Dasein am Tag in der Fabrik und in der Nacht in Schlafbaracken immer unter sich. Überhaupt wird vieles hier von Einsamkeit, Trostlosigkeit und zuallerletzt auch dem stetig schwebenden Geruch von Tod in allen seinen Formen, wie auch der Androhung, der Exsikkose, dem Suizid durchzogen; ein eher ungewöhnliches Beiwerk eines Blockbusters, der für Sommer 2012 gesetzt und auch so gestartet war. Dafür ist man nach außen reich an Ausschmückung von Mobiliar, Gefährt, architektonischer Umrandung und anderweitig Blick für Details als Bekleidung zur Erschaffung einer anderen, einer hochindustriellen, wissenschaftlich beflügelten, politisch und wirtschaftlich turbulenten Welt. In den meisten Momenten sentimental beschworener Kintopp, ausnahmsweise nicht gänzlich ohne Überraschung und Intelligenz, in anderen dann wieder kurz mit niederschmetternder Mitteilung und insgesamt in gemütlicher Popularität.

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