Paraguay ist nun nicht gerade für seine vielzähligen Filmproduktionen bekannt und wahrscheinlich würde selbst einem langjährigen Filmkenner auf Anhieb kein einziges Werk aus diesem südamerikanischen Staat in den Sinn kommen. Das Regieduo Maneglia/Schembori könnte dies jedoch ändern, denn ihr Milieu-Thriller vermag auf nahezu ganzer Linie zu überzeugen.
Asunción: Der siebzehnjährige Victor lebt in ärmlichen Verhältnissen und arbeitet als Händler und Transporteur, der Waren mittels einer Schubkarre von A nach B befördert. Um seinem Wunsch nach einem Fotohandy ein Stück näher zu kommen, nimmt er einen lukrativen Job an, bei dem er sieben Kisten mit unbekanntem Inhalt überbringen soll. Doch als Victor den Inhalt sichtet und er von diversen kriminellen Gestalten verfolgt wird, gerät er rasch in Lebensgefahr...
Die nicht wenigen Figuren werden ohne Umschweife innerhalb ihres sozialen Umfeldes eingeführt, was die Geschichte um Viktor und diversen Interessensgruppen recht abwechslungsreich gestaltet. Am Anfang steht ein ungelöstes Puzzle um den Inhalt der Kisten und den Hintergründen der Auftraggeber. Hinzu gesellen sich ein zweiter Transporteur und die Polizei, die Schwester der Hauptfigur, eine Schwangere mit Zettelbotschaft und das bunte Gefüge des Marktes in der Hauptstadt, welches neben verschiedenen Möglichkeiten auch allerlei Gefahren birgt, wie Viktor in jener Nacht mehr als nur einmal feststellen muss.
Der Markt steht indes als Metapher für die komplette Geschichte, in der es primär um Geld und den damit verbundenen großen und kleinen Nöten geht und natürlich auch um Nachfrage, Profit und Konkurrenz, jedoch auch um Hoffnungen, aus einem Teufelskreis irgendwann einmal ausbrechen zu können, wobei Allianzen durchaus von Vorteil sein können, - selbst zwischen Privatpersonen und der Polizei.
Die Lokalitäten werden bei alledem clever genutzt, denn das Treiben in den Straßen rund um diverse Lagerhallen und Stände schürt eine immens stimmige Atmosphäre, wobei die sehr variabel positionierte Kamera durchaus hilfreich zur Seite steht, indem sie nicht nur einige schräge Perspektiven einsetzt, sondern geschickt unterhalb der Schubkarre einen effektiven Blick offenbart, der mit der im Verborgenen agierenden Situation Viktors übereinstimmt.
Zwar geht es selten dramatisch zur Sache und auch die Action hält sich in Grenzen, doch demgegenüber sorgen ein paar makabere Humorschübe für Abwechslung, spätestens als sich ein Polizist die Bedienung des soeben "erworbenen" Handys erklären lässt, der Umgang mit dem Inhalt der Kisten zuweilen unangemessen erscheint oder Codewörter wie Tomaten und Salat falsch zugeordnet werden.
Darstellerisch ist die Chose nicht nur treffend besetzt, sondern es wird durch die Bank grundsolide performt, was allerdings auch den größtenteils interessanten Figurenzeichnungen zuzuschreiben ist, da annähernd jeder Charakter eine eigene Hintergrundgeschichte zu haben scheint. Der Score hält sich derweil angemessen zurück und wird nur spärlich eingesetzt, was wiederum der Atmosphäre dienlich ist, welche durch die Sounduntermalung der zahlreichen Alltagsgeräusche effektiv zur Geltung kommt.
Was man der Erzählung ankreiden könnte, ist ein nicht wirklich vorhandener Twist oder mangelnde Schauwerte, ausbleibende Gewaltszenen oder knallharte Konfrontationen, doch das wird größtenteils durch einige sympathische Figuren, zynische Momente und der insgesamt stimmigen Atmosphäre wett gemacht.
Ein im Endeffekt rundum sehenswerter, durchweg unterhaltsamer Streifen aus Paraguay, - der wahrscheinlich erste, jedoch hoffentlich nicht letzte.
7,5 von 10