Review



„Jemand der Deutsch spricht, kann kein schlechter Mensch sein.“ -
Unvoreingenommener Bewährungsausschuss  in der Simpsons-Folge „Am Kap der Angst“ 


Was passiert, wenn eine dysfunktionale (holländische) Familie auf (deutsche) Perfektion trifft, kann man im Langfilmdebut des holländischen Regisseurs Michiel ten Horn ansehen.

Die van Ends sind aber auch ein verquerer Haufen: Da gibt es die depressive Mutter, den eigenbrötlerischen Vater – seines Zeichens Frikadellenfabrikant, den kiffenden Sohn, seinen Aknegeplagten Bruder mit latent aufkeimender Homosexualität und letztendlich die pummelige kleine Tochter, deren Vorliebe für schwülstige Panflötenmusik nicht unbedingt zur Beliebtheit bei ihren Alterskollegen beiträgt. Als  Letztere an einem Schüleraustausch mit Deutschland teilnimmt, und sich so Sonnyboy Veit („Is this a common name in Germany?“) in‘s Haus holt, beginnt die nach außen hin relativ saubere Fassade allmählich zu bröckeln. Musste es denn auch unbedingt die blond-blauäugige Perfektion in Reinkultur sein?

Veit war schon in der ganzen Welt unterwegs, meditiert jeden Abend, unterstützt finanziell ein afrikanisches Kind aus den Slums (das verblüffend viel technisches Equipment besitzt) und „bricht die Herzen der stolzesten Frauen“, wie es so schön heißt. Was soll man da, als provinziell kleinbürgerliche Familie noch dagegenhalten?

„In zwei Wochen, wird die Normalität zurückkehren.“
 
Nun, dieser Wunsch wird nicht erfüllt.

Die kommenden Tage werden zur Zerreisprobe: Da geht die Beziehung des älteren Bruders zu Bruch, der Jüngere wiederum macht sich gleich den ganzen Ort zum Feind, die Mutter verliert im Meditationsrausch jeglichen Realitätsbezug, während Papa van End mal eben in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das angesparte Vermögen auf den Kopf haut. Und ob sich die 15-jährige Eva ihre titelgebende Entjungferung wirklich so vorgestellt hat, darf bezweifelt werden.

Wenn man es auf einen kurzen Nenner bringen will, so ist „The Deflowering of Eva van End“ die krasse Variante des Indie-Überraschungshits „Little Miss Sunshine“. Vielleicht nicht unbedingt mit dem Wohlfühlcharakter, vielleicht auch ein wenig blutiger – definitiv aber um einiges schwärzer und – der geneigte Programmkinofreund möge mir verzeihen – um einiges lustiger. Dem Holländer ist es gelungen, eine „typische“ Coming-of-Age Geschichte mit (vereinzelten) Kot-, Sperma- und Gewaltszenen anzureichern ohne jemals in platte „American Pie“-Gefilde abzudriften. Zudem ist das Ganze auch noch exquisit gefilmt und weiß auch das ein oder andere mal durch kameratechnische Kniffe zu überraschen.

Klar, dem durchschnittlichen Kinozuschauer (gerade im pubertären Alter) wird das natürlich immer noch zu getragen und ruhig - darf man „hintersinnig“ sagen ohne nach Feuilleton zu klingen - inszeniert sein. Dennoch: Hat man die erste halbe Stunde, die durchaus amüsant ist, hinter sich gebracht, merkt man nur zu deutlich, das hier einige Grenzen des Familienfilms konsequent überschritten werden. Dass ich gegen Ende nicht überrascht gewesen wäre, wenn das Ganze in einem blutigen Gemetzel gegipfelt hätte, sollte einen guten Eindruck der Abgründe, die sich im Film auftun, vermitteln.

Ganz klar eine Entdeckung, in der der Humor deutlich den Ernst anderer ähnlich gelagerter Dramödien überwiegt. Ich hoffe auf eine Kinoauswertung.

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