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Der Mehrwert von Remakes guter Klassikern ist oft bescheiden, in schlimmeren Fällen sogar beschämend gering. Gerade wenn ganz neue Wege beschritten werden, wird der Neufassung von den Puristen des Originals oft keine Chance gegeben. COME OUT AND PLAY ist der Neuaufguss des spanischen EIN KIND ZU TÖTEN von 1976 von Narciso Ibáñez Serrador, und geht zumindest vermeintlich erst Mal auf Nummer sicher, und stellt das Original oft fast originalgetreu nach. Heraus gekommen ist dabei dennoch ein sehr atmosphärischer verstörender Horrorfilm alter Schule, in dem nicht durchaus vorhandene Gewaltspitzen im Mittelpunkt stehen, sondern das unfassbare Grauen selbst sich langsam aber stetig bis zum Unvermeidlichen steigert.

Das Original lief bei uns unter dem Titel SCREAM oder dem gar aberwitzigen Namen TÖDLICHE BEFEHLE AUS DEM ALL. Dieser basiert wiederum auf einem Roman von Juan Jose Plans. Erzählt wird wie im Originalfilm die Geschichte von Beth (Vinessa Shaw) und Francis (Ebos Moss-Bachrach), die zu einer einsamen karibischen Insel fahren auf der überraschenderweise scheinbar nur Kinder wohnen. Schnell wird ihnen klar, dass dies nichts Gutes verheißt und es müssen bald Entscheidungen getroffen werden...Schon die ersten Bilder der Insel verheißen nichts Gutes und vordergründig scheint es die heile Welt zu sein, unterschwellig merkt der erfahrene Genrekenner sofort, dass hier das Gegenteil der Fall ist.

COME OUT AND PLAY besticht durch sein äußerst gutes Zusammenspiel der kargen Bilder und menschenleeren Straßen auf der Insel und den generell überschaubaren und einfachen Mitteln, mit denen Regisseur Makinov es versteht, eine intensive und große Spannung aufzubauen. Er versteht es, dieses durchgehend ungute Gefühl über die gesamte Laufzeit aufrecht zu erhalten und mit gutem Gespür immer wieder die Spannungsschraube hoch zu drehen und den Puls beim Zuschauer im Laufe des Albtraums der Protagonisten anzufeuern. Einerseits hat man das Gefühl zu wissen in welche Richtung es sich entwickelt, doch trotzdem spielt COME OUT AND PLAY immer wieder mit der großen Ungewissheit wie es wirklich weitergeht.

Es gibt eine ganze Reihe von Szenen, die trotz der minimalistischen Handlung eine bedrohliche Intensität ausstrahlen und damit eher an Klassiker wie DAS DORF DER VERDAMMTEN in der 1960er Version und auch seinem Remake von 1995 erinnern. Die Bedrohung spricht archaische Ängste an, wenn gerade die scheinbar unschuldigen und schutzwürdigsten Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft zu kaltblütigen Mördern werden. Wenn ein junges Mädchen sich leise an den Babybauch von Beth anlehnt, hört man die berühmte Stecknadel im Heuhaufen fallen und die Spannung lässt kaum das eigene Atmen zu. Schon ein einfaches Lachen eines Kindes wird im Kopf des Zuschauers schnell zu einer existenziellen Bedrohung.

Wenn unartikulierte Laute aus dem Radio kommen werden geradezu apokalyptische Szenarien heraufbeschwört und Spannung und Suspense zusätzlich angefeuert. COME OUT AND PLAY legt aber auch Wert auf einige Schockmomente und so werden auch mal menschliche Gedärme, Körperteile oder Knochen zu Kinderspielzeug umfunktioniert. Töten wird hier mit kindlicher Naivität und Verspieltheit kombiniert und somit werden den Zuschauer aufrüttelnde Elemente noch verstärkt. Allerdings werden diese oft nur kurz und zaghaft angedeutet und nicht wirklich dramaturgisch nachhaltig ausgekostet.

Puristische Anhänger von EIN KIND ZU TÖTEN werden dies gegebenenfalls verurteilen. Diese Szenen sind aber meines Erachtens weder quantitativ noch von der grafischen Ausgestaltung her primär selbstzweckhaft gestaltet. COME OUT AND PLAY stellt somit erfolgreich den atmosphärischen Teil gleichberechtigt neben diese Gewaltspitzen. Diese knüpfen durch ihre drastische Darstellung eher an das klassische Exploitationgenre der 70er Jahre und bis heute an. Dies eskaliert in einen geradezu bestialischen Showdown, der noch mal alle Register in dieser Hinsicht zieht. So mancher Zuschauer wird seinen Augen nicht trauen und sich von dem ein oder anderen markerschütternden Bild entsetzt abwenden.

COME OUT AND PLAY wird durchgehend von einem sehr eindringlichen auf- und abschwellenden elektronisch geprägten Soundtrack beherrscht, der zwischen trancigen Flächen und sphärischen atonalen Sounds pendelt und eine perfekte Ergänzung zu den minimalistischen Bildern ist, und mich an geniale alternative Filmmusik mit unverkennbarer Note mit Industrialmusik Rootes wie von Graeme Revell (ex SPK Mitglied) erinnern. Auch wenn die politisch-soziologische Grundaussage des Originals nicht wiedergeben wird und Entscheidendes in COME OUT AND PLAY völlig offen bleibt und das Genre nicht neu erfunden wird, ist dem ungewöhnlichen und stets maskierten Regisseur Makinov sehenswerter Psychohorror gelungen.

6,5/10 Punkten

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