Review

Spätestens seit der Stieg Larsson „Millennium“-Trilogie besitzt der skandinavische Krimi einen guten Leumund im internationalen Vergleich und wird auch mal ins Ausland exportiert, so wie dieser finnische Thriller.
In der Eingangssequenz schielt man noch ein wenig auf die amerikanischen Thriller der 1990er, wenn Timo Harjunpää (Peter Franzén) und die Kollegen von der Einheit für Gewaltverbrechen einen ekligen Leichenfund machen und noch den durchgedrehten Sohn der Toten stellen müssen, der ein ziemlich Brocken ist. Taschenlampen erleuchten von Ungeziefer bevölkerte Fußböden, Leichengeruch ist fast spürbar, doch so effektiv der Ekel inszeniert ist: Wirklich Belang für die Handlung hat das Ganze nicht, außer vielleicht den Protagonisten mit seinen Kollegen vorzustellen.
Relevant ist allenfalls, dass Timo durch den Vorfall zu spät kommt um seine Tochter von einem Konzert abzuholen, die auch prompt von einem Vergewaltiger angefallen und ermordet wird. Nach einem Zeitsprung von zwei Jahren sieht es so aus, wie man es aus Copkrimis zur Genüge kennt: Der Protagonist ist zum verlotterten Außenseiter in der Einheit geworden, Alkohol gehört zu seinen besseren Freunden, und die Ehefrau, hier heißt sie Elisa (Irina Björklund), zeichnet sich durch apathisches Rumgehänge aus und versucht den Tod der Tochter durch den örtlichen Bibelkreis zu verarbeiten, während die verbliebene Schwester sich vernachlässigt fühlt.

Während der Mörder von Timos Tochter nach nur zwei Jahren Haft wieder freikommen soll, hat der beruflich ganz andere Sorgen: Ein Unbekannter schubst Menschen vor einfahrende U-Bahnen. Die Doppelbelastung wirkt sich bald auf den Polizisten aus…
Zwei Geschichten in einer: Das private Drama und der berufliche Fall, doch leider bekommt „Priest of Evil“ beide Storys nicht immer übereinander. So ist der Strang um den überharten Bullen, der den Mörder in seiner Freizeit erfolgt und immer wieder an Selbstjustiz denkt, durchaus kritisch gedacht, bietet auch harten Tobak, doch lenkt auch immer wieder vom Plot um den U-Bahn-Schubser ab. Zwar hat die Rachegeschichte ihre Momente, ist durchaus harter Tobak, wenn Rückblenden zur Tat erfolgen, und ist insofern spannend, da sich durchaus vorstellen kann, dass Timo eben doch zur Waffe greifen und selbst zum Mörder werden könnte, egal was die Konsequenzen sind. Nur eben wäre es schöner, hätte man das besser verwoben.
Kompetent inszeniert und gespielt ist „Priest of Evil“ durchaus, auch wenn die (US-)Vorbilder, gerade in Sachen Bildsprache, deutlich zu erkennen sind. Peter Franzén macht eine gute Figur aus ausgebrannter Cop mit Tickende-Zeitbombe-Einschlag, während Irina Björklund sich achtbar als Ehefrau schlägt. Sampo Sarkola als irrer Mörder kann ebenfalls punkten, der Rest der Nebendarsteller ist okay ohne groß herauszuragen.

In Sachen Mainplot ist ein U-Bahn-Schubser nicht gerade der aufregendste Bösewicht, gerade angesichts der harten Konkurrenz im Geschäft der kreativen Serienkiller. Auch den Background des Killers hat man nach einigen Taten schnell erraten, ähnlich wie man auch sein Muster bei der Opferauswahl erkennt. Das wird dann zur Stärke und zum Problem des Films zugleich. Einerseits nimmt der religiös geprägte Fanatiker vor allem schlechte Menschen ins Visier und überprüft sie genau, was ihn zu einer ambivalenten Figur macht, die interessant mit Timo parallelisiert wird: Der Cop, der droht zum Gesetzesbrecher zu werden, und der Killer, der fast gute Motive hat. Dummerweise steht er dadurch fast schon zu gut da, weshalb er im Finale dann doch noch ein paar fast unmotiviert grausige Dinge tun muss, damit das Publikum doch noch genug Abneigung empfindet. Dadurch geht allerdings sämtliche vorige Ambivalenz zum Fenster hinaus.
Bis es dann zum absolut generischen Showdown kommt, bietet „Priest of Evil“ allerdings gute, wenn auch wenig realistische Hausmannskost: Die harten Bullen werden bei Verhören auch gerne mal handgreiflich, der verlotterte Vergewaltiger wird gleich von seiner kriminellen Crew eingesackt und dreht krumme Dinger. Dazu gibt es noch die alte Leier der dysfunktionalen Familie der Hauptfigur, doch Regisseur Olli Saarela inszeniert das Ganze als düsteren No-Nonsense-Thriller mit guter Taktung und entsprechender Düsternis, sodass „Priest of Evil“ halbwegs flott über die Runden kommt.

Das nächste große Ding aus Skandinavien ist der hier also nicht, wer aber rund 100 Minuten düstere Thrillerkost mit Dramakomponente nach bekanntem Muster, aber mit kompetenter Regie und mehr als brauchbarer Besetzung sehen will, der kommt auf seine Kosten. Klischees muss man freilich verkraften und dramaturgisch knarzt der Motor hier und da, doch recht kurzweilige Krimikost der härteren Gangart ist „Priest of Evil“ dennoch.

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