Regisseur Thomas Jahns („Knockin‘ on Heaven’s Door“) nach „Nacht der Engel“ zweiter Beitrag zur „Tatort“-TV-Krimireihe verschlug ihn für den im März 2013 erstaufgeführten Fall „Schwarzer Afghane“ nach Leipzig, wo er den 16. Fall der Hauptkommissare Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) inszenierte.
Frisch aus dem Urlaub zurück, muss Kommissar Keppler zusammen mit seiner Kollegin und Ex-Frau Eva Saalfeld auch schon im nächsten Fall ermitteln: Zwei Kiffer haben beobachtet, wie auf einer Wiese im Leipziger Auenwald ein Mann bei lebendigem Leibe Feuer fing und verbrannte. Laut der verkohlten Papiere des Manns handelt es sich um den afghanischen Asylsuchenden und Hochfrequenzphysik-Studenten Arian Bakhtari (Kostja Ullmann, „Verfolgt“). Dieser hat mutmaßlich zuvor die Lagerhalle des deutsch-afghanischen Freundschaftsvereins mithilfe hochentzündlichen Phosphors niedergebrannt und ist möglicherweise selbst zu sehr in Kontakt mit der Chemikalie geraten. Bakhtari war kurz für Norbert Müller (Sylvester Groth, „Kolle - Ein Leben für Liebe und Sex“), Spediteur und Vermieter der Halle, tätig, aber entlassen worden, als er sich zu sehr für die Container zu interessieren begann, in denen Müller Hilfsgüter ins kriegsgebeutelte Afghanistan transportiert. Doch die Halle wurde offenbar auch als Haschischlager genutzt. Wer hat die Drogen dort gelagert? Und was war das Motiv für die Brandstiftung? Ein Racheakt? Im Rahmen der Ermittlungen lernt das ermittelnde Duo auch Bakhtaris Tante Jamila Nazemi (Ilknur Boyraz, „Rennschwein Rudi Rüssel“) kennen, außerdem eine Dozentin, mit der er liiert war. Auch Müllers Tochter Mette (Haley Louise Jones, „Einstein“), Frucht einer Affäre mit einer Afghanin, kannte Bakhtari: Er war ihr eine Hilfe, ihren afghanischen Freund Deniz nach Deutschland zu schleusen. Doch der ist verschwunden. Und in Bakhtaris Zimmer im Studentenwohnheim entdeckt die Kripo eine phosphorbetriebene US-amerikanische Signalrakete…
Auch vor der Ankunft zahlreichender Flüchtender aus dem syrischen Bürgerkriegsgebiet war Migration bereits ein gesellschaftliches und politisches Dauerthema in Deutschland. Dieser „Tatort“ greift das Thema der Afghanen auf, die vor dem US-geführten Angriffskrieg und/oder der Taliban nach Deutschland flohen, beispielhaft anhand Arian Bakhtaris auf, der Angehörige in Afghanistan verloren hat und nun auf Rache sinnt. Holger Janckes Drehbuch dreht dabei leider zahlreiche Pirouetten, die ein stringentes, nachvollziehbares Narrativ erschweren. Themen wie Vorurteile gegen einen gut integrierten, hochbegabten jungen Mann, Kritik am imperialistischen Krieg, möglicher islamistischer Terror, Drogenhandel und dysfunktionale Liebesbeziehungen werden vermengt mit „Tatort“-typischen Übertreibungen: Diebstähle aus einem US-amerikanischen Militärlager, die einen zunächst wie ein Verbrecher agierenden Mitarbeiter des Militärischen Abschirmdiensts (Anatole Taubman, „Operation Zucker“) auf den Plan rufen, der später auch noch umgebracht wird, ein grausamer Mord zum Einstieg, ein Toter, der gar nicht tot ist… Und mittendrin Wuttke als knorriger, aber sachlicher, unaufgeregter Bulle Keppler (gut) und Thomalla, der man die Kripo-Beamtin einfach nicht abnimmt.
„Schwarzer Afghane“ (der Titel ist um keine wortspielerische Doppeldeutigkeit verlegen, sei sie auch noch so naheliegend), versucht, zu verdeutlichen, dass es erst der Krieg ist, der aus eigentlich unbescholtenen Flüchtlingen bzw. Asylsuchenden Terroristen macht. Komplett auf der Strecke bleibt dabei jedoch die Charakterisierung Bakhtaris, der erst gegen Ende sichtbar in die Handlung eingreift. Stattdessen schlängelt sich der Fall durch seine zahlreichen Nebenschauplätze, die alle mehr schlecht als recht mit Bakhtari in Verbindung gebracht werden. Über ihn erfährt man fast ausschließlich aus zweiter Hand, aus den mündlichen Überlieferungen derjenigen, die mit ihm in Kontakt standen – wenn sie sich nicht gerade zu etwas völlig anderem zu äußern gezwungen sind, zu Hilfslieferungen, Vater-Tochter-Konflikten oder Haschisch. So umschifft dieser „Tatort“ leider die Herausforderung, fundierte Einblicke in die Psyche eines Kriegsopfers zu liefern, statt sich ihr zu stellen. Das Ende unter dem Nachthimmel überm Flughafen reißt es dann gerade noch raus und hat alles, was man zuvor vermisste: Dramatik, Action, Spannung und, ja: Atmosphäre. Mehr als ein überambitionierter, letztlich aber doch feiger „Tatort“ und damit nur durchschnittliches Krimivergnügen eines fragwürdigen Ermittlerduos bleibt unterm Strich leider nicht.