Skandinavische Serien haben, genau wie die Filme aus diesen Gefilden, schon immer polarisiert, aber auch durch ihre spezielle Machart stets einen gelungenen Kontrast zu amerikanischen oder anderen Vertretern der europäischen Filmkunst dargestellt. Gut zu verfolgen anhand der Serien Riget – Hospital der Geister, Die Brücke, Kommissar Wallander oder der Filmtrilogien Stieg Larsson’s Millennium bzw. Pusher. Vor allem die Schweden verstehen es, in einem Land, dessen Suizidraten aufgrund langer, dunkler Winter, sozioökonomischer Differenzen und verbreiteten Alkohol- und Drogenkonsums Dystopien oder Dramen zu schaffen, die mit einer mehr oder wenig deutlichen Prise Melancholie versehen wurden und damit den Kontinent zu schocken; oder, wie auch die Dänen, amerikanische Copycats auf den Plan zu rufen, welche dann sinnentfremdete, überzogene Klone der Originale verbrechen. Eins dieser schwedischen Originale fiel mir vor geraumer Zeit zufällig auf Watchever auf, die Serie Real Humans, erschaffen von Lars Lundström. Das Teil hat mich sofort in ihren Bann gezogen.
Zu gleichen Teilen angesiedelt im Bereich der Science-Fiction bzw. des klassischen Fernsehdramas, handelt es sich hier des Weiteren vorrangig um eine Dystopie, die folgendes zum Thema hat: Was passiert, wenn ein Mensch Androiden erschafft, die so lebensecht sind, dass sie kaum noch von uns zu unterscheiden sind, dass sie uns gar ersetzen könnten? Alles dreht sich um sogenannte Hubots (kurz für Humanic Robots), Roboter in Menschengestalt, die mit ihren Schöpfern und Besitzern ihr Dasein auf der Erde im Heute fristen. Die gesamte Handlung spielt in einer unbenannten Stadt in Schweden, möglicherweise Stockholm oder Malmö. Hauptsächlich wurden sie mit dem Ziel geschaffen, die Menschen zu entlasten, ihnen zu helfen, Tätigkeiten zu übernehmen, die keiner machen will, um Gesellschaft oder Trost zu spenden oder sich in Gefahr zu begeben. So trifft man die Wesen meistens im Dienstleistungssektor an – sie sind Bauarbeiter, Nutten, Fitnesstrainer, Haushaltshilfen, Sekretärinnen oder Lagersklaven.Die Bevölkerung ist gespalten, jeder 2. bis 3. Haushalt besitzt jeweils selbst einen Hubot, überwiegend für die Drecksarbeit. Neben jenen, die Hubots besitzen und sie weitgehend tolerieren, lernt man auch die immer präsenter werdende Partei der Äkta Människor (Echte Menschen) kennen, welche aus – teils militanten – Hubot-Gegnern besteht, die befürchten, die Roboter könnten eines Tages den „Echten Menschen“ vom Antlitz der Erde verdrängen und die Weltherrschaft an sich reißen. Ferner existieren noch überall auf der Welt, auch in der unbekannten schwedischen Stadt, sogenannte „Transhumane“, die gerne selbst Hubots wären und auch versuchen, sich mithilfe ihrer Kleidung, Mimik und Gestik für einen auszugeben; Transhumansexuelle ficken gerne mit den Androiden und können sich sogar Partnerschaften mit ihnen vorstellen. In den bislang 2 auch auf Deutsch erhältlichen Staffeln wird sich auf eine Vielzahl von Haupt- und Nebencharakteren bezogen, deren Zentrum ihr Leben mit, für oder gegen Hubots bildet, einige davon sind sogar selbst welche.
Da wäre zum einen die Familie Engman, bestehend aus Inger, Hans und den Kindern Tobias, Matilda und Sofia, sowie Inger’s Vater Lennart. Alle stehen der Thematik eher positiv gegenüber, nach anfänglicher Antipathie wird Mutter Inger nach der Anschaffung von „Anita“ sogar zu deren größter Verehrerin. Die Familie erlebt jedoch immer wieder Rückschläge oder auch innerfamiliäre Zwiste, die mehr oder minder mit den Androiden zu tun haben. Genauso ergeht es ihren Nachbarn - Roger, Therese und Kevin, mitsamt Fitnesstrainer „Rick“. Denn Hubot-Hasser Roger bringt das Heimchen Therese recht zu Beginn der ersten Staffel dazu, sich von ihm abzuwenden und eine Liebesbeziehung mit ihrem „Rick“ einzugehen ...
Parallel zu ihnen operieren die bereits vorgestellte Partei der „Echten Menschen“, aber auch eine Gruppe von 6 Hubots, die sich Die Kinder von David Eischer nennen und mit dessen Sohn Leo, einem Hybriden, auf der Jagd nach David’s computergeneriertem Code sind, um auch alle anderen Hubots auf der Welt befreien zu können. Doch da kein Roboter frei sein darf und der Code enorm wichtig zu sein scheint, sind ihnen logischerweise bald Organisationen wie die „Hub Sec“ der Polizei oder der Geheimdienst auf den Fersen – auch der Besitzer des „HubMarkets“, Jonas Boberg, oder der Hubotmodifizierer Silas haben ihre eigenen Gründe, um den Schlüssel für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. Für jene, die seichtes Erzählfernsehen mit stringenten Plots, eindimensionalen Charakteren und möglichst wenigen Figuren bevorzugen, dürfte Real Humans so unpassend sein wie Viagra für einen Roboter, allerdings steht die Serie berühmten Vertretern des TV-Dramas vor allem in Sachen Komplexität um einiges nach, müsste also trotz allem gut zu konsumieren sein. Trotzdem entwickelt sich jede der Figuren im Laufe der Handlung weiter, Cliffhanger und Twists sind ebenso zu sehen wie Sex, Gewalt und auch intelligent eingestreuter, schwarzer Humor, der die eher kalte und ernsthafte Grundstimmung immer wieder ein wenig auflockert. Es wird übrigens nie genau geklärt, wie der Hubot an sich vom Ficken zehrt und wie weit seine Geschlechtsorgane ausgebildet sind, nettes Kopfkino!
Schwierig könnte es werden, da nie wirkliche, klassische (Anti-)Helden auftauchen.
Aufgrund der gar nicht so dystopisch wie angenommenen Situation (wie unwahrscheinlich ist ein derartiges Szenario denn wirklich?), die hier beschrieben wird, dürfte es nämlich jedem individuell zufallen, ob er nun die (vermeintlichen) Antagonisten bejubelt, sich auf die vom Schicksal gebeutelten stürzt und sie wie ein Teddy tröstet oder ob er das Streben der Maschinen nach Freiheit unterstützen möchte – für den ein oder anderen eine verworrene Situation. Für den Kunstgenießenden mit Anspruch aber ein deutliches Plus. Denn so rückt das in unzähligen Produktionen zum Einsatz gekommene Schwarz-Weiß-Schema gekonnt in den Hintergrund und macht Platz für das wirklich Wichtige: Der Zuschauer soll zum Nachdenken angeregt werden. Im Mittelpunkt steht, verkörpert durch die Hubots und ihre Ziele, die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz, die irgendwann einmal endet, wohingegen ein Roboter, sofern er innerlich intakt bleibt und immer wieder Strom zum Laden erhält, schier unendlich „leben“ kann. Auch wird immer wieder gnadenlos veranschaulicht, zu was Emotionen, Gefühle und die fortschrittlichste Denkweise aller irdischen Lebewesen den Homo sapiens treiben können und wie er sich damit permanent selbst im Weg steht und früher oder später auf’s Abstellgleis verfrachten wird. Denn geht es nach einigen der freien Hubots und der Evolution im Allgemeinen, ist längst die Zeit gekommen, dass der Mensch von einer anderen Rasse in seiner Position als Herrscher der Erde abgelöst wird. Die Akteursriege um Johan Paulsen, Pia Halvorsen, Lisette Pagler, Leif Andrée, Marie Robertson, Mans Nathanaelson und Thomas W. Gabrielsson spielt überwiegend auf hohem TV-Niveau, besonders einige Hubot-Schauspieler stechen positiv hervor, da die mit einem künstlichen Unterton besetzte Sprache, die teils abgehackten Bewegungen oder eine oftmals recht starre Mimik beinahe flächendeckend überzeugend rübergebracht werden.
Auf Seiten der Menschen lassen sich schnell die Hubotschlampen Therese und Pilar als Hasscharaktere ausmachen, Kare Hedebrandt als transhumansexueller Emo-Schüler übertreibt es bisweilen mit seiner Verkörperung der Teenage Angst inform der immer gleichen Gesichtskirmes und des debilen Hundeblicks.