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Das Remake, das gar keines ist

„Heiligabend ist die schrecklichste verdammte Nacht des Jahres!“

US-Genre-Regisseur Steven C. Millers („Scream of the Banshee”) Weihnachts-Slasher „Silent Night - Leise rieselt das Blut“ aus dem Jahre 2012 wurde zwar als Remake des Semi-Klassikers „Silent Night, Deadly Night“ angekündigt, doch dürfte dies in erster Linie Vermarktungszwecken gedient haben: Bis auf einen im Santa-Claus-Kostüm meuchelnden Killer hat dieser Film so gut wie nichts mit dem vermeintlichen Original aus dem Jahre 1984 zu tun.

„Oh mein Gott, was für ein Blutbad!“

Die Kleinstadt Cryer im US-Staat Wisconsin hält alljährlich an Heiligabend eine Santa-Claus-Parade ab, zu der etliche kostümierte Möchtegernweihnachtsmänner erscheinen. Doch dieses Jahr hat sich ein Serienmörder unter die Meute gemischt, der anscheinend eine Todesliste angefertigt hat und sie akribisch abarbeitet. Wie sollen Sheriff Cooper (Malcolm McDowell, „A Clockwork Orange“) und seine verwitwete Deputy Aubrey Bradimore (Jaime King, „My Bloody Valentine 3D“), die zum Dienst an Weihnachten verdonnert wurde, da den Schuldigen finden? Zumal Bradimore ziemlich auf sich allein gestellt ist, weil Cooper ihr kaum Glauben schenkt...

„Mord ergibt nie einen Sinn!“

Das bereits im Prolog weggebrutzelte Opfer entpuppt sich als der nicht zum Dienst erschienene Deputy Jones (Rick Skene, „Wishmaster 3 - Der Höllenstein“), eine rotzfreche Teenie-Göre wird erstochen und in einer gottverdammten Gruselbude findet sich unter abgetrennten Körperteilen auch eine Hand, die noch ein klingelndes Mobiltelefon hält. Der Einstieg ist rasant und brutal, versteht es aber dennoch, Spannungsszenen aufzubauen. Der Neo-Slasher-kritische Zuschauer kann sich also entspannt zurücklehnen: Offenbar beherrscht der Regisseur beides. Der Weihnachtsmann scheint umzubringen, wer naughty ist – und als solches scheinen ihm auch Erotik und Sex zu gelten. So überfällt er ein Erotikfoto-Shooting, das dem Filmpublikum entblößte Oberweiten beschert, dem Modell jedoch einen Riesenschreck einjagt, sodass es fast nackt flieht, nur um doch noch einen ultrabrutalen Tod im Häcksler zu erleiden.

„Sie werden das nie wieder los, wenn Sie das sehen!“

Der Pfaffe (Curtis Moore, „Mother's Day - Mutter ist wieder da“), nicht nur ein notgeiler Bock, sondern auch ein geisteskranker Irrer, wird ebenso plattgemacht wie der Bürgermeister (Tom Anniko, „Roswell - Aliens Attack“), der mit einer Lichterkette erdrosselt wird, bevor auch seine Tochter, sexy Tiffany (Courtney-Jane White, „Todd & the Book of Pure Evil“), und ihr Freund ( Erik J. Berg, „Das Haus der Dämonen“) dran glauben müssen. Ferner erwischt es einen weiteren Deputy und so weiter und so fort... Santa haut hier gut was weg und schraubt den Bodycount in die Höhe, wobei sich die ordentlich umgesetzten blutigen Spezialeffekte selbst in der zensierten Version sehen lassen können. Die Todesarten sind abwechslungsreich und mitunter originell, also ist auch in Sachen Schauwerte alles so, wie es soll und wie man es mag. Positiv fällt darüber hinaus auf, dass man der Verlockung widerstand, die Kleinstadt in ein verschneites Ambiente zu tauchen, und auf dieses Klischee verzichtete – denn wo gibt es schon wirklich weiße Weihnachten?

„Weihnachten hat auch eine sehr dunkle Seite!“

Doch wer ist der Mörder und was ist sein Motiv, woher rühren sein Hass und sein Psychoschaden, kurz: Was soll das alles? Eine visualisierte Rückblende erzählt eine alte urbane Legende, von der Stein Karsson (Mike O’Brien, „Verführung einer Fremden“) im Weihnachtsmannkostüm der im Dunkeln tappenden Bradimore berichtet und sich damit höchstverdächtig macht – jedoch nicht ihr gegenüber, denn sie bezweifelt Karssons Schuld. Ein für seinen Job als Weihnachtsmann für Kinder arg zynischer Typ wird verhaftet, doch auch dessen Verantwortung zweifelt Bradimore an. Der wahre Mörder bekommt vom Dialogbuch schließlich sogar ein paar Textfragmente in den Mund gelegt, bleibt aber sehr einsilbig. Als man sich schon beinahe damit abgefunden hat, dass das Whodunit? nicht mehr aufgelöst wird und die Identität des Mörders unbekannt bleibt, versucht sich der Epilog doch noch an einer Erklärung. Das wirkt leider etwas unbeholfen drangepappt, relativ widersinnig und lieblos stumpf.

„Weihnachten macht Sie kaputt!“

Damit hätten wir die Disziplin, in der „Silent Night - Leise rieselt das Blut“ versagt, also ausgemacht: Seine „Mythologie“, seine Hintergrundgeschichte. Das Ausbleiben einer starken antagonistischen Figur, die sich mit etwas Bestimmtem über das Weihnachtsfest Hinausgehende verknüpfen ließe, führt dazu, dass der Film in seiner Gesamtheit nicht sonderlich erinnerungswürdig ausfällt: Dem durchaus kurzweilig inszenierten Schema F fehlt das gewisse Etwas. Das ist schade, denn ansonsten stimmen die Ingredienzien größtenteils: Neben der bereits genannten Dramaturgie, dem kompromisslosen Gewaltlevel und den Schauwerten überzeugen ein gut zusammengestelltes Ensemble mit einem gewohnt aufdrehenden McDowell als Zugpferd, der sich letztlich einem plietschen jungen, weiblichen Deputy unterordnen muss. Rot- und Grünausleuchtungen zum Finale greifen die typische saisonale Farbgebung auf und integrieren sie ins Filmkonzept, das wie bereits manch Subgenre-Beitrag zuvor einmal durchspielt, was eine Unterteilung der Weihnachtsfeiernden in naughty und nice in letzter Konsequenz bedeuten könnte und damit jenen den weihnachtlichen Legenden immer schon innewohnenden Gruselfaktor hochpotenziert in unterhaltsamer Slasher-Form präsentiert. Schade also, dass die Täterfigur so stiefmütterlich behandelt wird. Als Subgenre-Fan und (Anti-)Weihnachtsfilmgucker ist mir das dennoch 6,5 von 10 gerichteten bigotten Pfaffen wert.

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