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Wie verstörend kann das „normale“ Leben sein? Immer wieder trifft Haneke mit seinem genauen Blick für die Details des Lebens, den Nerv der Gesellschaft. „Der siebente Kontinent“ ist ein Film über das Leben einer Kleinfamilie. Die Geschichte wird in drei Akten erzählt, die jeweils zeitlich um ein Jahr versetzt spielen. Vater Georg (Dieter Berner), Mutter Eva (Leni Tanzer) und Tochter Anna (Birgit Doll) leben gemeinsam in einem Einfamilienhaus. Die alltäglichen Beschäftigungen bestimmen ihr Leben. Georg versucht sich in seiner Firma gegen den alternden Leiter seiner Abteilung durchzusetzen, Eva besitzt gemeinsam mit ihrem Bruder Alexander (Udo Samel) ein Optikergeschäft – dieser leidet am Tod der Mutter – und Anna gibt in der Schule vor erblindet zu sein, da sie aus einem Zeitungsartikel entnommen hat, so nicht mehr einsam sein zu müssen. Doch all diese externen Probleme bilden nicht den Kern des Films.

Haneke öffnet den Blick für das innere Leben der Familie. Wobei sich bei diesem Film tatsächlich die Frage stellt, ob es sich überhaupt um „Leben“ handelt. Vielmehr wird die Zeit dadurch dominiert, dass alle Personen von den täglichen Dingen beherrscht werden. Man lebt nicht, sondern man funktioniert, man tut Dinge. Schon die Sequenz des ersten Tages der Familie wird von Haneke in diesem Sinne inszeniert. Man sieht das gemeinsame Aufstehen, das Anziehen, das Frühstücken nur als Detailaufnahmen von Handlungen – die Personen selbst bekommt man nie zu „Gesicht“. Wie in seinen anderen Filmen liegt der Fokus auch in „Der siebente Kontinent“ auf der Eben der Kommunikation – sie findet nicht statt. Die Familie scheint sich nichts zu sagen zu haben - worüber sollten sie auch reden? Sie kennen einander nicht und sie versuchen einander nicht kennen zu lernen. Selbst als die Mutter erkennt, dass die vorgetäuschte Erblindung ein verzweifelter Hilferuf ihrer Tochter sein könnte, ist ihre Reaktion die oberflächliche Frage: „Hast du den Papa und mich lieb?“ – ein einfaches „Ja“ als Antwort befriedigt die Mutter. Als ihre Tochter sie bittet das Licht heute beim Einschlafen anzulassen, funktioniert die Mutter wieder ganz in ihrem Schema – es ist schon zu spät, das Licht anzulassen.
Immer wieder im Film taucht ein Bild von Australien auf - Eine ferne Hoffnung? Ein anderes Leben? Etwas wovon die Personen im Film träumen?
Im dritten Teil verändert sich die Alltagsroutine der Familie, sie wollen ihre Zelte abbrechen: sie heben alles Geld vom Konto ab, Georg kündigt seinen Job, Anna wird in der Schule entschuldigt. Es könnte der Aufbruch in ein neues Leben sein, aber sie haben nicht vor wirklich wegzugehen. Sie bereiten sich auf ihren Suizid vor. Doch auch in dieser Handlung entsteht keine Emotionalität in der Familie, die Kühle beherrscht das Leben. Vielleicht das schockierenste am ganzen Film. Auch die Vorbereitung auf den Suizid, die Zerstörung ihrer ganzen Wohnung, ihrer persönlichen Dinge verläuft nicht anders als die allmorgendliche Routine. Es ist kein Akt der Befreiung, der Loslösung – es ist eine klar geplante Routine. Als Georg den ersten Schrank zerschlägt, stellt er nüchtern fest, dass es nicht einfach so geht – man muss systematisch vorgehen! Vielleicht bewegen sich die Figuren gar nicht auf ihren Tod zu – vielleicht haben sie einfach nie gelebt. Der einzige Bruch entsteht als der Vater das gemeinsam gepflegte Aquarium zerschlägt und die Fische einen Überlebenskampf auf dem Fußboden vollführen. Die Tochter erträgt es nicht, es ist ein letztes Festhalten der Einzigen aus der Familie am Leben – doch Vater und Mutter kämpfen keinen Kampf ums Überleben, es entsteht kein Zweifel – genauso wenig wie Zweifel beim Kaffeekochen entstehen könnte. Selbst nach dem Tod von Frau und Tochter notiert Georg noch ihren genauen Todeszeitpunkt bevor auch er sich zum Sterben vor den Fernseher legt… die Familie stirbt vor dem Fernseher, ein gemeinsamer Ort ohne Kommunikation.  


Vielleicht einer der schwersten und bedrückensten Fime, die ich gesehen habe. Auf eine leise Art und Weise wird die kommunikationsleere und sinnentleerte Welt der Familie erzählt, aber mit einem starken und klaren Blick für die Details des Lebens. Es ist kein Verfall, keine Entwicklung – das Ende der Familie ist eine Konsequenz ihres Lebens und hätte auch schon am Beginn des Films stehen können. Sie sind nicht weiter voneinander gerückt, noch haben sie gemeinsame Nähe gefunden. Die emotionale Stille des Films, der fast dokumentarische Charakter des Films schafft auf eine sonderbare Weise durch seine Kühle eine Verbindung zum Zuschauer. Es spielt in der Mitte der Gesellschaft, die Ritualisierung des Alltagsgeschehens ist universal verständlich. Die Figuren verhaften in ihrem bourgeoisen Habitus - sie suchen nicht das andere Leben.  Mit „Der siebente Kontinent“ greift Haneke Probleme der modernen Gesellschaft reicher Länder auf: Entfremdung, (Nicht)-Kommunikation und Vereinsamung… und verortetet sie in einer „normalen“ Familie, die eigentliche Grundeinheit des Zusammenlebens – wobei er sowohl das „zusammen“, als auch das „leben“ negiert. Ein provokanter, intensiver kühler Film, der viele Fragen aufwirft und nicht versucht einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Probleme zu geben …  

9 von 10 Punkten

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