Im Jahr 1875 wurde Georges Bizets „Carmen“ uraufgeführt. Mit ihrer hinreißenden Musik und ihrer (auf einer Novelle beruhenden) im Grunde schlichten, aber identifikationsstarken Handlung ist sie wohl zu Recht eine der bis heute populärsten Opern überhaupt. Es geht um die Zigeunerin Carmen, eine stolze femme fatale, die in einer andalusischen Tabakfabrik arbeitet und der die Männer zu Füßen liegen. Aber erst der Soldat José erobert ihr Herz – zunächst. Denn schon bald taucht ein Nebenbuhler auf, für den Carmen José verlässt, was der nicht verkraften kann... Diese im Grunde so alte und doch immer wieder aktuelle Geschichte bot sich nicht nur für die Opernbühne, sondern auch für unzählige Verfilmungen an. Was war für den spanischen Regisseur Carlos Saura denn da noch hinzuzufügen?
Nun, er ging einen neuen dramaturgischen Weg; kongenial verschmolz er drei Ebenen. Sein Film setzt nicht etwa die Handlung einfach um, sondern handelt selbst von der künstlerischen Umsetzung der Oper – in ein Flamenco-Bühnenstück. So haben wir im Hintergrund die Oper mitschwingen, mit ihrer herrlichen, immer wieder eingespielten Musik und ihrer Grundhandlung. Wir haben die „Realität“, in der ein Choreograph versucht, sie umzusetzen. Und schließlich haben wir die Übersetzung der Oper in den stolzesten Tanz der Welt – den Flamenco.
Warum ausgerechnet Flamenco? Die Erklärung ist einfach und eindeutig – es kann nur der Flamenco sein! Der genaue Ursprung dieses Tanzes ist nicht geklärt, es flossen wohl aus mehreren Kulturen und ethnischen Gruppen einzelne Bestandteile und Charakteristika ein, unter anderem von den Arabern, aus Asien, vom eingesessenen Volk Andalusiens und vor allem von den dort eingewanderten Zigeunern. Das Ergebnis war ein zugleich rhythmischer wie eleganter, majestätischer wie melancholischer Tanz, mit kräftigem, klagendem Gesang und später auch einer emphatischen Gitarrenuntermalung. Dieser Tanz hat nichts von dem gekünstelten, sterilen Hin- und Her-Wiegen in spießigen Tanzschulen und auf langweiligen Gesellschaften, sondern er drückt starke Gefühle direkt und in aller Blöße aus und reißt einen deshalb mit.
Welcher Tanz also böte sich besser an für die Geschichte um die stolze Carmen, die in der Tabakfabrik schuftet und einer Schmugglerbande zu Diensten ist? Und welcher Tanz passt besser zu den Urgefühlen, die Carmen und Antonio plagen? Moment - Antonio? Hieß der nicht José?
Richtig – Antonio! Denn nicht nur Originaloper und Flamenco gehen hier eine perfekte Symbiose ein, sondern auch das daraus entstehende Flamenco-Balett und die „Realität“ im Film. Denn in dieser passiert genau das gleiche wie im Libretto, das umgesetzt werden soll. Antonio ist der Choreograph des Stücks und sucht noch die richtige Besetzung für die Hauptrolle. Eine Frau, die die unnahbare Schönheit perfekt ausstrahlt. Endlich wird er fündig in einer Flamencoschule. Sie heißt sogar wirklich Carmen. Es kommt, wie es kommen muss: Er verliebt sich in sie, sie verliebt sich in ihn. Doch schon bald taucht ein Nebenbuhler auf, für den Carmen Antonio verlässt, was der nicht verkraften kann... Es mag zunächst platt anmuten, dass tatsächlich das Gleiche geschieht wie in der Oper – aber der Film ist auf kluge Weise doppelbödig gestrickt. Denn die „Realität“ um Carmen und Antonio verschwimmt mit der Zeit immer mehr mit den geprobten Szenen aus dem Flamenco-Balett. Bis zum höchst dramatischen Ende, an dem Film-Realität und das Tanzstück nicht mehr zu unterscheiden sind.
Dazu passt, dass sich der Choreograph, die Tänzer und die Musiker selbst spielen. Die Film-Realität wird so zu unserer, der Film quasi zur Dokumentation. Und was für eine Garde bietet Saura da auf! Teilweise haben einige davon bereits in den anderen beiden Teilen von Sauras Flamenco-Trilogie mitgewirkt. Antonio Gades in der Hauptrolle war einer der bedeutendsten Tänzer und Choreographen Spaniens. Daneben die begnadete Tänzerin Cristina Hoyos, die mit ihrer weisen Strenge den Flamenco erfunden zu haben scheint. Und an der Gitarre kein Geringerer als Paco de Lucía, der als vielleicht bester spanischer Guitarrero überhaupt gilt. Nur Carmen –als Mittelpunkt der Geschichte durchaus dienlich– heißt in Wirklichkeit anders, sie wird gespielt von Laura del Sol. Leider muss man feststellen, dass sie bei all ihren gerade tänzerischen Fähigkeiten neben den anderen Koryphäen ein wenig blass in ihrer Rolle wirkt. Die feurige Zigeunerin Carmen stellt man sich doch etwas anders vor.
Die Höhepunkte des Films sind zweifelsohne die Flamenco-Einlagen. Ganz besonders hervorzuheben ist die Szene des Streits in der Tabakfabrik, als sich die beiden Frauengruppen gegenseitig anfeinden und aufstacheln, bis das Messer gezückt wird. Der Flamenco darf hier seine ganze Leidenschaft voll entfalten, der Gesang geht unter die Haut – eine überwältigende Szene! Auch die anderen Einlagen haben es in sich. Saura demonstriert, dass der uralte Tanz Flamenco in der Gegenwart angekommen ist, die Ausdruckskraft dieses Tanzes wirkt immer noch frisch und unverbraucht.
Dagegen fallen die Szenen der Rahmenhandlung in ihrer spröden Nüchternheit bisweilen ab, punktuell wirken sie etwas zu lang, an anderer Stelle wiederum sprung- oder lückenhaft. Das liegt vor allem an den nur wenigen fallenden Worten. Saura verlässt sich fast völlig auf die Stärke des Flamencos, die –ohnehin überschaubare– Geschichte und die Gefühle der Protagonisten zu erzählen. Stets wartet man auf die nächste Tanzeinlage. Dennoch ist „Carmen“ ein großartiger Tanzfilm, vielleicht mit seiner intelligenten Verschachtelung und seinen herausragenden Flamenco-Einlagen der beste überhaupt. Zu Recht ist er der bekannteste und angesehenste Film von Carlos Saura, der mit dem konzeptionell ähnlichen „Tango“ 15 Jahre später leider scheiterte.
8 von 10 Punkten.