Der Titel, das psychedelische Cover, der experimentell angehauchte Soundtrack und die ganze Aufmachung von KISS OF THE DAMNED erinnern stark an die 70er Jahre und vergleichbare Genrebeiträge im Vampir- und Trashhorror Segment. Und tatsächlich nutzen schon die ersten atmosphärischen Bilder einige dieser Aspekte und man wird auch von der Stimmung, den langsamen Kamerafahrten, der Klaviermusik und nicht zufälligen Bildausschnitten her an Filme im Giallogenre des gleichen Zeitalters von z.B. Dario Argento erinnert. KISS OF THE DAMNED ist somit kein moderner Vampirfilm mit CGI-Gewittern, sondern eher für old-school Anhänger mit Hang zu ruhigen und stimmungsvollen Beiträgen.
Als Beispiel der letzten Jahre dafür erinnert mich KISS OF THE DAMNED ein wenig an SO FINSTER DIE NACHT. Der Vampirfilmexperte wird wissen was ich meine wenn ich von klassischen Genrebeiträgen spreche. Die Blutsauger sind hier keine mutierten Superhelden wie z.B. in BLADE, sondern normale Menschen die mit ihrem Schicksal hadern, alle möglichen Schwächen haben und sozusagen zum Vampir verdammt sind. Betont wird somit die romantische Seite dieser Filmgattung was mir im Lichte der vielen technisierten Neuerscheinungen der letzten Jahre recht gut zugesagt hat. Für Freunde des actionorientierten Vampirkinos wird KISS OF THE DAMNED ein eher langweiliges Drama sein.
Klassische Reliquien des Genres wie Knoblauch, Spiegel, Wasser usw. werden allerdings nicht übermäßig betont. Es gibt keine Blutfontainen oder grobschlächtige Goreelemente und wilde Beißorgien und Verfolgungsjagden oder auch die üblichen dramaturgischen Spannungsbögen. Nur am Ende setzt KISS OF THE DAMNED kurz recht blutig eine kleine explizite Gewaltspitze. Die Vampire haben sich in die vorhandenen menschlichen Gesellschaft und dem dazugehörigen Sozial- und Geschäftsleben integriert. Recht ausführlich ist die Betonung der wilden und lustvollen erotischen Komponente des Vampirseins und die wird durch offenherzige und stimmungsvolle und nie billig wirkende sexuelle Zweier- und Dreierkonstellation in der Geschichte visualisiert.
Die Grenze des Expliziten wird hier nicht überschritten, es wäre aber eine denkbare Option gewesen und trotzdem stimmig meines Erachtens. Wahrscheinlich wird sich die FSK Freigabe in Deutschland mehr an diesen Szenen reiben als an den kaum vorhandenen Goreszenen. Die Story ist recht überschaubar und dreht sich um Vampir Djuna die Paolo kennen- und lieben lernt und ihn zum Vampir macht. Für ewiges Glück wäre also gesorgt, aber ganz so einfach ist es leider im Verlauf der Geschichte nicht. Die Dialoge zwischen den Vampiren geben eine gute psychologische und soziologische Innenansicht der Vampirwelt wieder.
Die Ausstattung ist stets als hochwertig zu betrachten und alles ist ungemein gut aufeinander abgestimmt. Das gilt für die solide bis sehr gute Performance der Darsteller bis hin zu dem sehr abwechslungsreichen Soundtrack. Dieser ist mal klassisch, pulsierend elektronisch, psychedelisch, wir hören Akkorde von Psychedelic Rock wie bei "Goblin" im Giallokontext damals bis hin zu experimentellen und industrial-artigen Klängen. Es ist wohl das Erstlingswerk von Regisseur Xan Cassavetes und dafür finde ich es sehr erwachsen, stimmungsvoll und voller Herz für das Genre. Hier also eine Empfehlung für einen kleinen Geheimtipp, auch wenn ich hier sicherlich eine Außenseitermeinung für einen auf Kunstfilm getrimmten Film vertrete.
6,5/10 Punkten