Review
von Leimbacher-Mario
Fifty Bites of Prey
Ein Poster erinnert an erotische Vampirfilmklassiker von Jean Rollin, das andere Poster/Artwork wirkt wie eine generische „Twilight“-Kopie, der eine Trailer wirkt wunderschön klassisch und retro ala Argento, andere Ausschnitte und weiteres Promomaterial fährt eher wieder die Teenie-Schiene - wo liegt denn bei „Kiss of the Damned“ nun die Wahrheit? Zum Glück näher an der Oldschool-Schiene als an den glitzernden Vampiren der Neuzeit. Schon wenn die Credits laufen, in kräftigem Lila auf dunkelstem Schwarz, gepaart mit einem sensibel-gruseligen, Goblin-artigen Klavier-Score, dann weiß jeder Blutsaugerfan, dass er im richtigen Film ist. Handlung: ein Mann verliebt sich in eine sexy Vampirin, die ihn dann, nach einer Nacht mit scharfem Sex und noch schärferen Schneidezähnen, in die noble Gesellschaft der Nachtschwärmer einführt und die mit ihm eine (im besten Fall) ewige Romanze plant. Wäre da nicht noch ihre biestige und eifersüchtige Schwester...
Zuerst einmal muss man die Atmosphäre, den Stil, die Sinnlichkeit dieser Produktion hervorheben. Dass hier eine Frau am Regiehebel sitzt, ist unverkennbar. Und dass diese weiß, was sie tut, ebenso wenig. Xan Cassavetes (jawohl, Tochter von den Legenden John Cassavetes und Gena Rowland) hat definitiv Talent und packt in eine simple Vampir-Sex-Schmonzette sehr viel Verve und Charme und Finesse. Die beiden enorm anziehenden Hauptdarsteller Josephine de la Baume und Milo Ventimiglia tun ihr Übriges. Zumindest einzeln, denn ihre Chemie sprüht eher selten Funken. Stars sind beide dennoch unzweifelhaft. Die erotische Vampircollage pendelt irgendwo zwischen „Byzantium“, „The Addiction“ und „The Iron Rose“. Nur mit moderner Technik und optischem Glanz. Das Ende wird etwas sehr offen gelassen und man hätte gerne viel mehr von der Vampir-Society gesehen, außerdem bitte gewusst, wie es mit den beiden lichtempfindlichen Liebenden (in der ewigen Stadt!) weitergeht. Plus in Sachen Brutalität und Sexualität steht man trotz ein paar Highlights meiner Meinung nach noch immer ein wenig zu sehr (US-typisch) auf der Bremse. Ein Winding Refn oder ein Gaspar Noe wären mit dem gleichen Stil und ähnlichen Ergebnissen sicher noch ein bis dreizehn Schritte weitergegangen. Aber die „kleine“ Cassavetes kommt dann doch irgendwie auf ihren Vater und kümmert sich eher um Gefühle, Momente und traumwandlerische Streicheleinheiten. Softcore in jeder Beziehung - aber so bleibt umso mehr für die Fantasie. Ein Film, wie hinter einer durchsichtigen Decke aus Samt und Seide.
Fazit: eher Rollin als „Twilight“ - yes, das ist eine (in den besten Momenten) wundervolle Überraschung für alle Fans von filmischen Blutsaugern. Nicht top, aber sehr fein, retro, cool, sinnlich. Schmarn mit Sexappeal und Style. Selbst wenn er natürlich Hochglanz-Cheese per excellence ist, manchmal sogar (unfreiwillig?) komisch und in Sachen Gore sowie Erotik noch eine ganze Schippe hätte drauflegen können. Dennoch: für alle die Edward und Bella nicht mehr sehen können bzw. der „Twilight“-Saga (endlich) entwachsen sind und es nun ein wenig saftiger, nackter, reifer mögen, auch mit einem langsamen Tempo umgehen können.