Sowohl in Sachen Zeitgeschichte als auch in filmischer Hinischt äußerst sehenwerter Beitrag zum Holocaust-Thema aus der Feder Roman Polanskis, der anhand von Original-Tagebuchsausschnitten eine sehr authentische Schilderung der Ereignisse um das berüchtigte Warschauer Ghetto liefert.
Im Mittelpunkt des Filmes stehen dabei weniger die zeithistorischen Ereignisse selbst, als vielmehr die Charaktere, allen vorran selbstverständlich der titelgebende Pianist Wladyslaw Szpilman, dessen jahrelanger Überlebenskampf schonungslos und nüchtern beschrieben wird.
Bedenkt man, daß Regisseur Roman Polanski - wie auch Szpilman - selbst Ghetto-Überlebender ist und das Filmthema eines der Schwierigsten und Sensibelsten überhaupt ist, so überrascht es doch sehr, wie wertneutral und dokumentarisch "Der Pianist" seinen Weg auf Zelloloid gefunden hat. Die sonst üblichen Haßtiraden und einseitigen, von Vorurteilen durchsiebsten Darstellungen sucht man hier dankenswerter nahezu vergebens - wohl nicht zuletzt aus dem Grund, daß es sich nicht um eine US-Produktion im Spielberg-Stil handelt.
Vielmehr versucht Polanski zu vermitteln wie schnell Menschen im Zuge von gewaltsamer Machtausübung fehlgeleitet werden - und zu Mördern, Denunzianten oder einfach schweigenden, wegsehenden Zeugen werden. Allerdings sowohl auf der einen, als auch auf der anderen Seite. Dies ist ein sehr zentraler Aspekt des Filmes, der durch die Rolle des deutschen Offiziers (der in sowjetischer Gefangenschaft 1952 verstarb), verkörpert durch "Stalingrad"-Darsteller Thomas Kretschmann, seinen Höhepunkt erreicht. Die vielen kleinen Momente der Hoffnung und Menschlichkeit inmitten der Hölle des Kriegs und dem Wüten der SS-Kommandos sind es, die dem Film seine enorme Intensiät verleihen.
Ebenso tragen Ausstattung und Kulissen ungemein zur Autenzität des Filmes bei. Gedreht wurde teilweise gar an Originalschauplätzen aber auch an penibel rekonstruierten Straßenzügen in den Babelsberger-Filmstudios. Zu diesem Zewck wurden gigantische Archive durchforstet um das Erscheinungsbild so realistisch wie möglich erscheinen zu lassen. Ein absolutes Highlight diesbezüglich ist meiner Meinung nach eine kurze Filmszene, die einem Originalfoto beinahe 1:1 nachgestellt wurde. Zu sehen ist SS-Brigadeführer Jürgen Stroop zusammen mit einigen Offizieren in den Straßen von Warschau. Das weltbekannte Original ist unter anderem in Guido Knopps Buch "Die SS" zu sehen.
Ähnlich dem Film Schindlers Liste zeigt auch "Der Pianist" schonungslos das Grauen des Krieges und der Deportationen. Die Anzahl dieser Szenen ist zwar verhältnismäßig gering, aber gerade dieser Umstand trägt sehr zur Gesamtwirkung des Filmes bei. Es ist natürlich selbstverständlich, daß Polanski zum Zwecke der Autenzität fast vollständig auf teure Effekte und Tricks verzichtet und stattdessen auf altbewährte, handwerkliche Actionszenen zurückgreift, ganz im Stil der portraitierten Zeit. Daß Hauptdarsteller Adrien Brody selbst in einigen Szenen Klavier spielt und für den Film starke persönliche Einschränkungen in Kauf nahm, ist nur eines von vielen Beispielen für den enormen Input aller Beteilgten.
Sicherlich kann man ohne Einschränkung sagen, daß Brody die Rolle des Pianisten Szpilman perfekt verkörpert. Selten zuvor hat mich ein Darsteller in seiner Rolle so überzeugen können, allerdings braucht sich auch der Rest der Besetzung nicht zu verstecken; Wobei ich eigentlich nur anzumerken hätte, daß einige Charaktere etwas mehr Screentime hätten bekommen können. Andererseits ist der Fokus auf Szpilman jedoch auch Hauptanliegen des Filmes, womit man eigentlich nicht von einem echten Kritikpunkt sprechen kann.
Der "Pianist" ist ein überragender Film über das Gute und Böse im Menschen, ungeschönt, schonungslos und realistisch, völlig frei von falschem Pathos und vordergründigem Heldentum. Ausgezeichnet mit 3 Oskars und der goldenen Palme von Cannes wird der Pianist zweifelsohne in die Filmgeschichte eingehen, nicht nur als handwerklich perfekter Film, sondern vor allem als außergewöhnlich realistisches, wichtiges Zeitdokument und Portrait , wie man es in einigen Jahren mit Dahinscheiden der letzten Zeitzeugen dieses düsteren Kapitels der Geschichte nicht erneut wird sehen können.