Schon kurz nach dem Attentat auf das World Trade Center in New York, bei dem fast dreitausend Menschen starben, begannen die Verschwörungstheoretiker damit, zu behaupten, das der äußere Anschein hier täuscht. Nicht Osama Bin Laden und die von ihm geleitete al-Qaida steckten hinter den Anschlägen, sondern mächtige Geheimbünde verfolgten damit einen schon lange vorbereiteten und groß angelegten Plan.
Eine Vielzahl an scheinbaren Ungereimtheiten lieferten ihnen den Nährboden für ihre Gedanken - wie konnte es den im Fliegen nur wenig geschulten Terroristen gelingen, die Flugzeuge so exakt in die Zwillingstürme zu manövrieren, wieso waren keine Kampfflugzeuge in der Nähe, um den Angriff zu verhindern und warum stürzten die Türme und Nachbargebäude vollständig ein, obwohl sie nur oberhalb getroffen wurden? - Das es für diese Vorgänge inzwischen logische Begründungen gibt, ficht die Theoretiker nicht an. Im Gegenteil gelten solche Argumente nur als Beweis für ein immenses Vertuschungsmanöver.
Das "Harodim - nichts als die Wahrheit" genau nach dieser Masche gestrickt ist, fällt zuerst nicht auf, denn nur ganz langsam, fast kammerspielartig breitet der Film seine Intention vor dem Betrachter aus. Lazarus (Travis Fimmel) sieht aus und verhält sich wie ein typischer amerikanischer Elite-Soldat, nur das er allein in einer geheimen Untergrundbasis lebt. Dorthin entführt er einen gepflegt gekleideten Mann um die 50 (Michael Desante), den er als Drahtzieher des Terroranschlags vom 11.September 2001 und damit des Mordes an seinem Vater für schuldig hält. Offensichtlich will er ihn, nachdem er fünf Jahre gebraucht hatte, ihn zu finden, exekutieren, aber der Mann bittet ihn um den letzten Wunsch, ihm eine Geschichte erzählen zu dürfen.
Damit sind die Rollen verteilt. Der Mann, offensichtlich ein Terrorist muslimischen Glaubens (das er Osama bin Laden sein soll, wird nur angedeutet, aber nie konkretisiert), breitet seine Version der Ereignisse um das World Trade Center, bei denen Lazarus' Vater gestorben war, vor dem Soldaten aus und dieser gibt den Skeptiker, der dessen Argumente hinterfragt. Die Geschichte beginnt schon Jahrzehnte vor dem Angriff mit der bewiesenen Tatsache, das es die Amerikaner selbst waren, die Bin Laden und seine Truppen ausbildeten und mit Waffen versorgten. Immer wieder blendet der Film dokumentarische Filmszenen ein, um die Theorie des Erzählers zu untermauern.
Entscheidend an seiner Story ist aber dessen schon lange zurückliegende erste Begegnung mit Lazarus' Vater, der sich zunehmend als verantwortlicher Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes herausstellt. Während dieser Entwicklung bezweifelt Lazarus mit nervös zuckenden Gesichtszügen vehement die Worte des Terroristen, der sich aus seiner Sicht nur herausreden will, aber er muss sich der Macht der Argumente beugen. "Welche Argumente?" fragt man sich, angesichts vieler logischer Aspekte, die das Plädoyer des Terroristen einfach weglässt, aber allein Trevor Fimmels Spiel kurz vor dem Ausbruch muss als kritische Instanz genügen. Diesem fällt letztendlich nur noch eine Frage ein - wenn sein Vater schuld sein soll an dem Anschlag, wieso ist er dann selbst dabei umgekommen? - Doch wie auf Kommando dringt plötzlich eine unbekannte Gestalt in das unterirdische Versteck ein, die Sprengfallen lässig ausschaltend - es ist Solomon (Peter Fonda), der seit 10 Jahren tot geglaubte Vater.
Regisseur Paul Finellis Intention lag - nach eigener Aussage - nicht in einer Alternativtheorie für den Anschlag auf das World Trade Center, sondern er wollte an diesem Beispiel nur exerzieren, das die Menschen nicht alles glauben sollen, was man ihnen auftischt. Angesichts vieler Beispiele, in denen Verbrechen Anderen zugeschoben wurden, um einen Grund für die eigene Aggression zu erhalten, ein richtiger Ansatz, aber die Gestaltung seines Films unterstützt diesen nicht. Steif und um übertriebene Seriosität bemüht, wiederholt er im Stil eines Theaterstücks nur die schon lange bekannten Argumente aus den im Internet nachzulesenden Verschwörungstheorien.
Dabei agieren die Beteiligten teilweise unfreiwillig komisch, wenn Jeder den Anderen trotz minutenlanger Monologe immer fein säuberlich aussprechen lässt. Nach der Ankunft des Vaters ist von dem zuvor so gesprächigen Terroristen fast zwanzig Minuten lang kein Wort mehr zu hören. Hier spielen keine Menschen, die von Emotionalität erfasst, ihren Gefühlen freien Lauf lassen, sondern Schachbrettfiguren, die die Betrachter mit wohl gesetzten Argumenten, unterstützt von dokumentarischer Bildergewalt, von einer Theorie überzeugen wollen, der es an jeder Originalität mangelt. Das ist nicht nur ermüdend, sondern geht vollständig an der Intention vorbei, obwohl von aktuellen, schlüssigen Beispielen für die Täuschung von Bürgern fast täglich in der Presse zu lesen ist.
Doch an solchen realen Profanitäten ist der Film nicht interessiert, der selbst die Mittel zur Täuschung anwendet, die er zu kritisieren behauptet. Viel mehr geht es um das große Ganze - das Meisterstück jedes Verschwörungstheoretikers. Diese Kalkulation geht wie die "alternative" Theorie nicht auf, weil sie den menschlichen Faktor nicht mit einrechnet. Alles soll über Jahrzehnte genau geplant und durchdacht worden sein, Niemand machte bei der Durchführung einen Fehler und Keiner der notwendigerweise vielen Beteiligten verlor jemals die Kontrolle über sein Mitwissen. Kurz - sie verhielten sich genauso steif und unnatürlich wie die Protagonisten in "Harodim - nichts als die Wahrheit". Tatsächlich wurde die Menschheitsgeschichte auch vom Versagen, Zufällen und schlichter Dummheit geprägt, wie allein schon die Qualität dieses Films beweist (2/10).