Aufgrund von einer Krise bei United Artists verschob sich Bondfilm Nr. 23, im Jubiläumsjahr, 50 Jahre nach „James Bond jagt Dr. No“ war es dann aber soweit: „Skyfall“ ging an den Start.
Die Pre-Title-Sequenz bedeutet wieder ordentlich Action, hier verfolgt James Bond (Daniel Craig) den Dieb eines Datenträgers nicht nur via Auto und Motorrad durch Istanbul, sondern auch noch über einen Zug, wobei er einen Bagger kreativ zweckentfremdet. Jedoch behält „Skyfall“ die düstere, nachdenklichere Note der Vorgänger bei, wenn Bond einen verletzten Kollegen nicht versorgen soll, sondern den Flüchtigen verfolgen – auf Anordnung von M (Judi Dench). Diese gibt der Neuagentin Eve (Naomi Harris) auch den Schießbefehl auf Bonds Widersacher, als die beiden sich gerade im Nahkampf befinden, doch es ist Bond, der in den scheinbaren Tod stürzt, ehe dann der eingängige Titelsong von Adele einsetzt.
Natürlich ist Bond nicht tot, das erfahren wir bald, doch es bedarf eines besonderen Events um den Killer, der des Tötens zwischenzeitlich müde geworden ist, wieder zu reaktivieren: Als ein Unbekannter erst eine Explosion beim MI6 auslöst und droht die Namen von Undercoveragenten zu veröffentlichen, meldet er sich zurück beim Dienst, was „Skyfall“ für eine ironische Auseinandersetzung mit dem Mythos nutzt: Körperlich angeschlagen und unrasiert schlägt sich Bond mehr schlecht als recht durch Schießübungen, Fitnesstests und psychologische Evaluierungen, er ist immer noch auf dem Weg zum klassischen Bond, den man aus früheren Filmen kennt.
Bond wird jedoch nach Abschluss des Tests reinstalliert und findet die Spur des Datendiebes, der ihn anschoss und für den Unbekannten arbeitet. Es handelt sich um den Ex-Agenten Silva (Javier Bardem), der eine ganz persönliche Rechnung mit M offen hat…
Im Gegensatz zu den Regisseuren der Vorgänger, die eher als Handwerker bekannt sind, sitzt mit Sam Mendes hier ein Mann auf dem Regiestuhl, der am ehesten für Dramen mit ausgesprochen durchdachten Bildkompositionen bekannt ist. Tatsächlich merkt man dessen visuelles Gespür in einigen Momenten sehr stark, etwa wenn Bond einen Scharfschützen im Schein einer Leuchtreklame belauert oder die Figuren im Finale vor der Kulisse eines brennenden Anwesens aufeinandertreffen. Im Gegensatz zu „Quantum of Solace“ sind Schnitt und Kamera wesentlich ruhiger, stilistisch orientiert man sich nicht an Bourne, inhaltlich bleiben Parallelen: Die realistisch gestalteten Nahkämpfe, die Bond seit „Casino Royale“ bestreitet, die Idee des Spions mit Vergangenheit sowie der Low-Tech-Showdown, in dem Bond und seine Mitstreiter ähnlich wie Bourne improvisieren, indem sie Sprengfallen bauen und auf die Waffen zurückgreifen, die sie vorfinden.
Tatsächlich ist einzig und allein die Pre-Credit-Sequenz klassische Bondaction der gigantomanischen Sorte, sonst gibt sich „Skyfall“ in seinen Verfolgungsjagden, Schießereien und Nahkämpfen deutlich bodenständiger, orientiert sich am geerdeten Actionkino, was dem Film keinesfalls schlecht zu Gesicht steht: Die Action ist hat Drive, überzeugt mit einer gleichzeitig rohen und doch stilvollen Ästhetik und hat in den besten Momenten eine ungeheure Körperlichkeit. In jener Szene, in der Bond im Finale einem Schergen im vollen Lauf gegen den Kopf springt, meint man beinahe den Genickbruch deutlich zu hören.
Bond ist wie immer der effektive Killer, aber ein trainierter: Seine Leistungen können Schwanken, er ist fehlbar und er wurde zu dem gemacht, was er ist. Deshalb erkundet „Skyfall“ auch seine Vergangenheit, ebenso wie die von M und Silva und setzt die drei Figuren zueinander in Beziehung: M als Mutterfigur, Bond und Silva als ihre leistungsfähigsten „Söhne“. So viel Tiefe war selten bei Bond und genau durch diesen Ansatz gewinnt der Schurke Profil: Ein bisexueller, leicht tuntiger Soziopath, der in manchen Szenen an Hannibal Lecter erinnert, der in einer eingängigen Szene nicht nur seine charakterliche, sondern auch seine körperliche Entstellung präsentiert, der Bonds Männlichkeit mit homoerotischen Avancen bedrohen will, worauf Bond jedoch nicht nur gut, sondern auch auf unerwartete Weise kontert.
Dass dieses Duell so gut funktioniert, liegt auch an den drei Hauptdarstellern: Daniel Craig als rauer Bond im Entstehen ist mittlerweile souverän in der Rolle, hat seine ganz eigene Mischung aus Rohheit und Eleganz entwickelt. Judi Dench gibt der sonst meist unnahbaren M hier ein menschliches Gesicht und zeigt die Schwere der Entscheidungen, die ihre Figur treffen muss. Javier Bardems größenwahnsinniger, rachsüchtiger Cyberterrorist gehört zur Topriege der Bondschurken – schon allein die Erzählung seines Rattengleichnisses ist ein magischer Moment. Da muss der Rest kürzer treten: Am ehesten fallen noch Ralph Fiennes und Ben Whishaw auf, die Girls Naomie Harris und Bérénice Marlohe bleiben leider blass und austauschbar. Auch eher eine Randnotiz ist Albert Finneys Rolle als Wildhüter im Finale.
„Skyfall“ feiert das Bondjubiläum ausgesprochen bewusst, bezieht die seit „Casino Royale“ oft geführte Debatte um Bond im Spannungsfeld von Tradition und Moderne mit ein: Sowohl der neue Q (Ben Whishaw) als auch Silva erzählen vom obsoleten Agenten im Zeitalter des Computers, Bond und M müssen sich als Relikte bezeichnen lassen, doch gleichzeitig bleibt Bond siegreich, oft ohne auf Technik zu setzen, und ironisch eingestreute Sätze wie „Sometimes the old ways are the best“ kommentieren dies auch. Am Ende kommt Bond an dem Punkt an, den man aus den klassischen Werken der Reihe kennt, gleichzeitig verweist „Skyfall“ darauf, dass Bond eben nie wieder ganz der klassische Bond sein wird. Etwa dann, wenn Q erklärt, dass man mittlerweile keine komplizierten Gadgets mehr baue. Dazu geizt der Film nicht mit Verweisen auf frühere Filme, sei es der Auftritt des Aston Martin aus „Goldfinger“ oder die Phrase „For her eyes only“ in Anlehnung an „For Your Eyes Only“.
Das klingt alles nach uneingeschränkter Freude, doch erzählerisch muss sich sich „Skyfall“ die eine oder andere Kritik gefallen lassen: Neben den verschenkten Girls schaden Temposchwächen in der ersten Hälfte dem Film, vor allem die Szenen in Macao, die sich als überflüssig erweisen und auch schwächer als der Rest vom Fest sind. Der Besuch im Casino und das Bestellen des Vodka Martini scheinen obligatorisch zu sein, werden aber leidenschaftslos abgefrühstückt, die Rasursequenz mit Eve wirkt nicht sexy, sondern plump, der Kampf mit drei Silva-Schergen ist die einzige missratene Actionszene des Films (kurz, unübersichtlich und mau choreographiert) und auch der Einsatz von CGI-Waranen wirkt wenig elegant.
Mit diesen erzählerischen Schwächen ist „Skyfall“ dann letztendlich etwas schwächer als „Casino Royale“, aufgrund der stimmigen Mischung aus Action, Onelinern und Charaktertiefe und der starken Bildsprache Sam Mendes’ jedoch stärker als „Quantum of Solace“. Ein wirklich schöner Jubiläumsbond, keine Frage. 7,5 Punkte meinerseits.